Weinmesse Prowein: Neue Jahrgänge und alte Schätzchen

Weinmesse Prowein: Neue Jahrgänge und alte Schätzchen

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Rare Bordeaux: Sammler treffen sich gerne zum Austausch

Ende März zeigen Weingüter aus aller Welt auf der Messe Prowein ihre neuen Jahrgänge. Alte Schätze verkosten Weinliebhaber bei Raritätenproben.

Sie zählt 100 Jahre, hat ein runzliges Antlitz und Schmutz in den Falten und ist dennoch für 24 Männer an diesem Nachmittag die Schönste und Verheißungsvollste ihrer Art. 1899 steht auf dem Etikett, das einer nach dem anderen in Anzug und Krawatte bestaunt. Jeder der Verehrer bekommt nur einen winzigen Schluck – und doch werden sich alle noch lange an diese Begegnung erinnern.

Frank Manstroh* (Name von der Redaktion geändert), Manager aus Frankfurt, ist extra nach Moskau gereist, um dabei zu sein, wenn einige der seltensten Flaschen Wein der Welt probiert werden. Die Reise hat sich für ihn gelohnt: „Das bleibt ein einzigartiges Erlebnis, allein der Nachgeschmack dieser Flasche dauert mehrere Minuten.“ Gastgeber Horst Tischler erkennt darin die hervorragende Verfassung dieses Weins, der selbst eine halbe Stunde später noch im geleerten Glas seine Duftspur hinterlässt: „Diesen Geschmack kann man mit auf einen Spaziergang nehmen.“ Der Rheinländer hat diese Flasche vom Weingut Romanée-Conti aus seinem Weinkeller mitgebracht, um sie und mehr als ein Dutzend weitere seltene Tropfen im Restaurant Jeroboam im Hotel Ritz-Carlton Moskau mit Weinliebhabern zu teilen.

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Wenn Ende März für drei Tage die renommiertesten Winzer und Importeure aus aller Welt nach Düsseldorf reisen, um ihre neuen Jahrgänge auf der Messe Prowein vorzustellen, dann sind es vor allem Weine, die schon jung ihre Trinkreife erlangt haben und kaum noch an Qualität zulegen können. Raritäten, die ein Jahrhundert später noch begeistern, sind hingegen schon in dem Jahr, in dem sie erstmals verkauft werden, mit die besten ihrer Art. Weine, die entweder wegen der begrenzten Produktion von nur wenigen Tausenden Flaschen oder über die Jahrzehnte immer seltener geworden sind, haben eine eingeschworene Fangemeinde.

Hunderte von deutschen Weinliebhabern treffen sich regelmäßig diskret in Restaurants und Privatwohnungen, um gemeinsam Flaschen aus den eigenen Weinkellern zu trinken, um zu debattieren und zu genießen. Oder sie investieren bis zu 4000 Euro, um bei Weinhändlern oder Gastronomen einen konzentrierten Blick auf ein bestimmtes Anbaugebiet oder Weingut zu werfen. „Sie haben als Kunde die Wahl, für sehr viel Geld eine großartige Flasche Wein zu kaufen und sie ganz zu trinken oder stattdessen von vielen verschiedenen jeweils nur einen Schluck“, sagt Michael Unger, der in Aschau regelmäßig Raritätenproben veranstaltet. 14 Teilnehmer teilen sich eine Flasche, bis zu 20 verschiedene werden am Abend entkorkt. Die besten nicht immer erst zum Schluss: „Später am Abend wirkt der Alkohol und die Konzentration lässt nach.“

Auch in Moskau ist der Genuss von Preziosen alles andere als ein gemütlicher Umtrunk. Aufmerksamkeit ist von den Teilnehmern gefragt. Sieben Stunden hat Organisator Martin Pelz von der Weinhandlung Lorenz Adlon eingeplant vom Nachmittag bis in den Abend hinein. Er hat das Programm verteilt, das Platz bietet für Verkostungsnotizen, und die Sommeliers Gerhard Retter und Reinhold Baumschlager einfliegen lassen. Sie haben Erfahrung darin, Weine, die teils noch vor dem Eintreffen der Reblaus in Europa gekeltert wurden, behutsam über einer Kerze in Dekanter umzufüllen und dabei sachte die Flüssigkeit vom Bodensatz zu trennen. Selbst die Gläser „The First“, entwickelt von Sommelierweltmeister Enrico Bernardo für Zwiesel, sind aus Deutschland importiert worden.

Genießen ja, entspannen nein. „Es würde mich freuen, wenn jeder der Anwesenden etwas zu einzelnen Weinen sagen würde“, fordert Tischler die Runde auf. Gut zehnmal im Jahr öffnet er hervorragende Weine aus seinem Keller, den er seit 1978 kontinuierlich bestückt hat.

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