Weltwirtschaft: Die gemütliche Krise

Weltwirtschaft: Die gemütliche Krise

Die Finanzkrise ist allgegenwärtig und doch bei vielen noch nicht angekommen. Wir leben in einer merkwürdigen Zwischenzeit und fragen uns: Wie schlimm ist es wirklich? Wird uns die Krise ruinieren oder womöglich voranbringen?

Wenn es an einem nicht mangelt in diesen Monaten der Krise, dann an empfindlichen Messgeräten, die sie aufzeichnen. Rund um die Uhr produzieren Ministerien, Behörden, Forschungsinstitute und Chefvolkswirte neue Daten; wo man hinsieht, nichts als ökonomische Radaranlagen, Seismografen und Wetterstationen, die jede Bewegung auf dem Arbeitsmarkt erfassen, jede Erschütterung der Nachfrage aufzeichnen, jede Eintrübung der Konjunktur registrieren.

Die Deutsche Bank sieht die Wirtschaft in diesem Jahr um fünf Prozent schrumpfen! Der ifo-Geschäftsklimaindex gibt auf 82,6 Punkte nach! Die Exporte sind im vierten Quartal 2008 um 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal eingebrochen! Der Dax fällt unter 3700! Die Zahl der Anträge auf Kurzarbeit ist im Februar auf 700.000 gestiegen! Die Auftragseingänge im Dezember 2008 blieben um 27,7 Prozent gegenüber denen im Schlussmonat 2007 zurück!

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Und das ist längst nicht alles. Liest man nicht allerorten, dass 1929 ff., die Große Depression, nicht etwa acht Jahrzehnte her ist, sondern sich hier und heute wiederholt? Mein Gott, wie schrecklich! In vier Jahren werden wir von Adolf Nazi verführt!

Zwei von drei Deutschen interessiert der Dax nicht die Bohne

Wenn es an einem nicht mangelt in diesen Monaten der Krise, dann an Unternehmenslenkern, Politikern, Wissenschaftlern und Bürgern, die die Ruhe bewahren. Zwei von drei Deutschen interessiert der Dax nicht die Bohne, weil sie das Vermögen gern hätten, das in ihren Depots nicht schmilzt.

Die Tankfüllung ist 20 Euro billiger als vor einem halben Jahr, Milch und Butter sind zu Kampfpreisen erhältlich, Autos zum Schnäppchenpreis (Abwrackprämie); schließlich steht, Konjunkturpaket aus Karlsruhe, eine Steuergutschrift für 2007 und 2008 ins Haus (Pendlerpauschale) – und weil der Nettolohnzuwachs in den vergangenen zehn Jahren bei plus/minus null lag, ob es nun aufwärts ging oder nicht, fühlt sich das alles nicht nach Krise, sondern nach dickem Portemonnaie an.

Warum also Angst haben, unruhig werden, den Kopf verlieren? Jeder zweite Deutsche glaubt nicht daran, dass ihn die „ganz große Krise“ ereilt. Warum auch? Ben Bernanke, der Notenbankchef in den USA, orakelt, dass die „konjunkturelle Talsohle“ bereits in der zweiten Jahreshälfte durchschritten und es 2010 langsam wieder bergauf gehen könne, ebenso Nouriel Roubini, der neue Popstar unter den Glaskugelökonomen, auch Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Und sogar Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der immer noch neue Bundeswirtschaftsminister, sagt: „Wir erleben derzeit einen flächendeckenden Vertrauensverlust, von einer Systemkrise sind wir aber weit entfernt“.

Ist die Krise nur eine Halluzination aus Langeweile?

Sicher, die Zahl der Arbeitslosen steigt, das bringen konjunkturelle Einbrüche mit sich. Und natürlich, die Krise markiert einen Einschnitt, wer wollte es bezweifeln? Aber hören wir nicht gleichzeitig, dass Opel – ja: Opel! – im Februar so viele Autos verkauft hat wie seit 60 Monaten nicht mehr? Dass die Kaufbereitschaft ungebrochen ist, die Nachfrage stabil, der Einzelhandel unbeeindruckt? Dass Kurzarbeit erfolgreich den Abschwung am Arbeitsmarkt hemmt?

Gute Güte, die Prinzipien der Marktwirtschaft mögen im Einzelfall strittig sein, aber kein vernünftiger Mensch in Deutschland stellt die Systemfrage! Die Nachfahren des real enteigneten Sozialismus krebsen bei zehn Prozent herum, der Aufstieg populistischer Parteien à la Weimar ist (vorerst) undenkbar. Die Regierungen der Welt federn die Krise unisono mit expansiver Konjunktur- und Geldpolitik ab. Protektionismus steht allen nationalstaatlichen Subventionshilfen zum Trotz unter Missbilligungszwang.

Und selbst die Staatschefs der alten Industrieländer beerdigen endlich ihre G8-Kungelei und zwingen China und Russland im Rahmen der G20, eine alles andere als obstruktive Rolle zu spielen. Kann es sein, dass wir eines Tages aufwachen, uns verwundert die Augen reiben und feststellen: Das, was wir „die Krise“ nannten, hat die Welt ein großes Stück vorangebracht?

Wer sich in diesen Wochen im schwäbischen Waiblingen umhört, kommt nicht umhin, das Katastrophengerede küchenpsychologisch zu deuten: als Sehnsucht nach dem Ernstfall, als Halluzination aus Langeweile, als mitten im Verwöhnraum des deutschen Sozialstaates blühende Imagination. Sicher, Bertram Kandziora, Chef des Motorgeräteherstellers Stihl, vermeldet „niedrigere Wachstumsraten als erwartet“ und „gewisse Auswirkungen“ der Krise; der Umsatz aber habe im Krisenjahr 2008 dennoch um zweieinhalb Prozent zugelegt.

Selbst beängstigende Zahlen aus den USA versetzen Kandziora nicht in Alarmbereitschaft. Die Zahl der auf das Jahr hochgerechneten Baubeginne ist von mehr als zwei Millionen im Januar 2006 auf zuletzt 466.000 (Januar 2009) abgestürzt; das Profigeschäft, vor allem mit Trennschleifern, zudem in Spanien und Großbritannien eingebrochen. Für Kandziora ist das alles Grund zur Sorge, nicht zur Panik: „Wir planen Jahre im Voraus und wissen doch, dass Konjunkturabschwünge so sicher sind wie das Amen in der Kirche.“

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