Weltwirtschaft: Globale Norm für alle Unternehmen

Weltwirtschaft: Globale Norm für alle Unternehmen

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ISO 26000

von Christian Ramthun

Unternehmen und Organisationen sollen sich einer globalen Verantwortungsnorm unterwerfen. Die Wirtschaft ist strikt dagegen.

Die Stationen klingen beeindruckend: 2004 Stockholm, 2005 Salvador in Brasilien und Bangkok, 2006 Lissabon, 2007 Sydney und Wien, 2008 Santiago de Chile, 2009 Quebec – und im Mai in Kopenhagen. Was sich wie die Reiseroute von begüterten Pensionären liest, sind die Tagungsorte einer zuletzt 631-köpfigen Arbeitsgruppe bei der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO), dem globalen Pendant zum Deutschen Institut für Normung (DIN).

Die Teilnehmer der illustren Karawane kommen aus 94 Staaten und vertreten 42 internationale Organisationen. Ihre Mission gilt der globalen Verantwortungsnorm ISO 26000, die weltweit für Unternehmen und Organisationen gelten soll. Es ist ein schier unendliches Unterfangen, das dennoch im Februar einen kleinen Höhepunkt fand. Da stimmten in den einzelnen Ländern die jeweiligen nationalen Komitees über einen gut 100 Seiten dicken Zwischenentwurf ab. Eine breite Mehrheit war dafür, einige Länder dagegen – Deutschland enthielt sich.

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Gegen den Entwurf stimmten hierzulande die Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften. Letztere befürchten eine Privatisierung von Sozialvorschriften, darunter etwa das Verbot von Kinderarbeit oder Arbeitszeitnormen. Erstere halten die ISO 26000 für unpraktikabel und zu teuer. So sollen Unternehmen über ihre gesamte Lieferkette hinweg sicherstellen, dass jeder Zulieferer bis in die letzte Verästelung hinein sozial korrekt produziert.

„Unrealistisch“ sei das, kritisiert der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) und befürchtet Schlimmes: Global agierende Unternehmen liefen Gefahr, dass ihnen durch die Norm unvermittelt „eine Komplizenschaft“ zu irgendwelchen Menschenrechtsverletzern unterstellt werde.

Stattliche Gebühren

Kritisch beobachten die Vertreter der deutschen Wirtschaft obendrein, wie sich die ursprünglich nur als Leitlinie gedachte Norm zu einem Zertifikat entwickelt. Schon wittern findige bis windige Unternehmen ein neues Geschäft. Denn obwohl der bisherige Entwurf noch „zu allgemein gehalten“ sei, wie Rudolf Ruter von Ernst & Young sagt, hält das andere Berater nicht davon ab, schon jetzt für Zertifizierungen nach ISO 26000 die Trommel zu rühren. Der ZVEI sieht bereits eine Zertifizierungswelle auf die Unternehmen zurollen.

Die Kosten dafür könnten schnell 40000 Euro und mehr betragen, schätzt Sarah Jastram vom Institut für Management an der Humboldt-Universität Berlin. Schon wirbt die Technische Akademie Wuppertal für ein Seminar „Unternehmensethik nach ISO 26000“ und verlangt dafür 680 Euro. Der TÜV Nord bietet in arabischen Ländern für 700 Dollar Einführungskurse an. Beim Beuth Verlag können Interessierte den aktuellen Entwurf für die Verantwortungsnorm zum Preis von 204,10 Euro kaufen. Pikanterweise gehört der Beuth Verlag dem DIN. Dieses wiederum ist der deutsche Verhandlungsführer bei der ISO. Viel Geld für nichts, sagt Ruter, denn ein Ergebnis ist nicht absehbar.

Für deutsche Unternehmen ist dabei besonders ärgerlich, dass es ihnen an Regeln für gesellschaftlich verantwortliches Handeln (Corporate Social Responsibility – CSR) keineswegs mangelt. Andreas Zamostny von der Beratungsgesellschaft Schlange verweist auf die ISO 14001 für Umweltmanagement, den Standard SA 8000 für Arbeitsbedingungen oder die GRI-Leitlinien für nachhaltige Unternehmensberichte. Hinzu kommen die Auflagen von CSR-Ratingagenturen oder des „Dow Jones Sustainability Index“ für besonders nachhaltig wirtschaftende Unternehmen.

Die nun angestrebte ISO 26000 hält Zamostny dagegen für „nicht validierbar“. So habe sich auch der Versandhandel Otto, der in Sachen CSR zu den Vorreitern zählt und bei dem Zamostny zuvor tätig war, gegen eine Teilnahme am Beratungsprozess der globalen Verantwortungsnorm entschieden.

Es gibt noch eine weitere Sorge: Die die ISO 26000 könnte so schwammig formuliert werden, dass sich am Ende fast jedes Unternehmen mit einem solchen Zertifikat schmücken kann. Ruter spricht von „Weichzeichnern“, die aus China und anderen asiatischen Ländern versuchten, die Regeln so vage wie möglich festzulegen. Dann wäre der Sinn einer globalen Verantwortungsnorm völlig auf den Kopf gestellt. Fernöstliche Unternehmen könnten mit dem gleichen Zertifizierungsstempel werben wie westliche, die unter viel strengerer Kontrolle stünden.

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