Werksschließung: Deutlicher Imageverlust für Nokias kühle Rechner

Werksschließung: Deutlicher Imageverlust für Nokias kühle Rechner

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Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo bei einer Pressekonferenz in Helsinki: Die Schließung des Bochumer Werks wird teuer

Heute trifft Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben. Für die Handy-Fertigung in Bochum besteht aber wenig Hoffnung. Klar ist allerdings: Das fröhliche Bild des weltgrößten Handyanbieters hat hässliche Kratzer bekommen. Dabei ist der finnische Konzern schon immer vor allem eines gewesen: eine gigantische Gewinnmaschine. Was ist ihr Geheimnis?

Die Ankündigung klingt nicht gerade nach einem Treffen auf höchster Ebene: Im Laufe des heutigen Montags will Thoben den Nokia-Chef Kallasvuo in Düsseldorf treffen. Thoben werde dem Nokia-Chef die Forderung des Landes nach Erhalt eines Nokia-Standorts in Bochum vortragen, sagte ein  Sprecher der Landesregierung . Ein Treffen Kallasvuos mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist nach Angaben der Staatskanzlei derzeit nicht geplant. Rüttgers fliegt am Mittag zu einem Besuch in die USA.

Um etwas über Nokias Beweggründe zu erfahren, ist ein Besuch in der Firmenzentrale deutlich lehrreicher. Dichter Nebel hüllt das Nokia-House an einem Januarmorgen ein. Still liegt die Zentrale des Handykonzerns direkt an der Küste des Finnischen Meerbusens in Espoo, der zweitgrößten Stadt Finnlands, unweit der Hauptstadt Helsinki. Ein Fischerboot tuckert vorbei, Segelboote liegen verlassen an den Bootsstegen.

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Fast schon idyllisch könnte es sein, wenn es nur nicht so feucht, kalt und dunkel wäre. Selbst um zehn Uhr morgens ist es immer noch nicht richtig hell. „Viel heller wird es auch nicht mehr zu dieser Jahreszeit“, sagt ein Nokia-Mitarbeiter, zuppelt die dicke, schwarze Wollmütze zurecht und hastet weiter. Schwer fällt hinter ihm die große Eingangstür der Nokia-Zentrale ins Schloss. Gesprächig sind die Finnen nun wirklich nicht.

Das große Glashaus, in dem der finnische Handyweltmarktführer in Espoo residiert, wirkt gemütlich und praktisch zugleich. Viel Holz haben die Finnen im Innern verbaut. Eine einladende Kantine, die einem Ikea-Restaurant ähnelt, liegt im Erdgeschoss. Sie ist der zentrale Treffpunkt von Mitarbeitern und Management. Auch hier beherrscht ein Thema die Gespräche: Bochum und die Schließung des Handywerks.

Die Finnen reden nicht gern um den heißen Brei. Direkt und unmissverständlich stellen sie ihrem Management längst angstvoll die Frage: Erst Bochum – und was kommt dann? Wann sind wir hier dran? Langjährige Nokia-Mitarbeiter wissen längst, was die Bochumer gerade schmerzvoll erfahren: Die Erfolge des Marktführers, sie fordern einen hohen Tribut.

Handykönig Nokia – die Finnen sind der ungekrönte Herrscher im Mobilfunkweltreich. In keiner anderen Branche hat der Marktführer eine so herausragende Stellung wie Nokia im Geschäft mit Handys. Eine Milliarde Menschen, fast jeder sechste Erdenbürger, telefonieren mit einem Nokia. Jedes Jahr verkaufen die Finnen mehr Telefone als ihre größten Wettbewerber Samsung, Motorola, Sony Ericsson zusammen. 40 Prozent aller Handys tragen das Logo der Finnen. Mehr noch: 85 Prozent aller Gewinne in der Handybranche, rechneten die Analysten von Credit Suisse First Boston aus, fließen auf das Konto von Nokia.

Welch ein Kontrastprogramm: Einerseits die No-Nokia-Demos gegen die Schließung des Bochumer Werks, öffentliche Debatten über den Anstand eines Konzerns; ein dramatischer Imageverlust von Nokia in Deutschland binnen weniger Tage. Andererseits die Präsentation der Geschäftszahlen für 2007 am vergangenen Donnerstag: Um satte 67 Prozent stieg der Gewinn auf sagenhafte 7,2 Milliarden Euro, um 24 Prozent der Umsatz auf 51,1 Milliarden Euro.

Und ein Ende des Siegeszugs ist noch lange nicht abzusehen. Im vergangenen Jahr feierte die Branche weltweit drei Milliarden Handynutzer, bis Ende 2010 soll ihre Zahl auf 4,3 Milliarden steigen. „Die Zukunft gehört dem Mobilfunk“, jubelt Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo.

Besonders stark ist Nokia in Deutschland; Marktanteil: mehr als 43 Prozent. Es war 2007 der drittgrößte Markt für die Finnen. Die vier großen Mobilfunkbetreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 bieten in ihren Shops mehr als 40 verschiedene Nokia-Modelle an. Während maximal je zwei Geräte der Konkurrenten Sony Ericsson, Samsung und Motorola den Sprung in die Top-Ten-Bestsellerlisten schaffen, ist Nokia stets gleich mit fünf Modellen vertreten.

Und als ob das noch nicht reichte, will Nokia-Chef Kallasvuo das Rekordjahr 2007 noch einmal übertreffen: Eine gigantische Modelloffensive mit über 50 Neuheiten soll dafür sorgen, dass keine noch so kleine Marktnische unbesetzt bleibt. Gleichzeitig will Kallasvuo alle Fabriken noch stärker auf Effizienz trimmen, damit selbst Billighandys für 40 Euro die Rendite steigern. Denn ein Großteil des Wachstums kommt aus Schwellenländern wie Indien und China oder den Entwicklungsländern in Afrika, wo viele Menschen unter der Armutsgrenze leben. Einsteigermodelle für diese Märkte – im Fachjargon ultra low cost handsets, kurz Ulchs, genannt – dürfen deshalb nicht mehr als 40 Euro kosten. Ein enges Kostenkorsett, in dem kein Platz mehr war für Bochum.

Parallel dazu richtet Kallasvuo Nokia radikal auf Zukunft aus. Seine Vorgänger starteten vor knapp 150 Jahren als Papierkonzern, zwischendurch produzierten die Finnen sogar Gummistiefel, ehe sie sich High Tech zuwandten; jetzt folgt eine weitere Häutung: Kallasvuo will mit Nokia im mobilen Internet eine völlig neue Erlebniswelt schaffen, um den Vormarsch von Marktneulingen wie Apple und Google zu stoppen. „Wir brauchen nicht ein cooles Gerät, das einen neuen Trend setzt, wir brauchen ganz viele coole Handys“, sagt Kai Öistämö, Chef von Nokias Handysparte (siehe Wirtschaftswoche 1|2/2008).

„Cool“ war das Gerät wirklich nicht, das sich Michail Gorbatschow da ans Ohr hielt: Am 9. April 1987 reiste der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nach Helsinki und telefonierte von dort aus mit seinem Kommunikationsminister in Moskau. Dabei benutzte er eines der ersten Mobiltelefone der Welt. Mit 800 Gramm war das Nokia „Mobira Cityman 900“ das leichteste Gerät auf dem Markt und kostete umgerechnet 4560 Euro. Das Bild von Gorbatschow mit dem schwarzen Klotz an der Backe war ein Marketingerfolg für die Finnen – und ein Vorgriff auf die Zukunft.

Denn damals steckte Nokia in der Krise. Das Gemischtwaren-Konglomerat produzierte Papier, Kabeltrommeln, Gummistiefel und Fernsehgeräte. Einer der wichtigsten Abnehmer war die Sowjetunion. Doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brach der Markt in sich zusammen. Der damalige Nokia-Chef Kari Kairamo beging 1988 in seiner Badewanne Selbstmord.

Nach Kairamos Freitod kam die große Zeit von Jorma Ollila. Unter seiner Führung trennte sich der Konzern von traditionellen Geschäftsbereichen und konzentrierte sich auf Handys. Der damalige Finanz- und heutige Konzernchef Kallasvuo machte Nokia attraktiver für ausländische Investoren. Beiden gelang der Coup: Sie bewiesen, dass sie nicht nur knallharte Manager sind. Sie zeigten vor allem, dass sie einen Markt, in dem es auf Design, Marke und ein Gespür für Trends ankommt, verstehen.

Dennoch wurde Nokia beinahe vom eigenen Erfolg überrollt: Nokia verkaufte so viele tragbare Telefone, dass der Konzern Mitte der Neunzigerjahre in kurzer Folge zwei Gewinnwarnungen herausgeben musste, weil die Produktion der Nachfrage gar nicht mehr nachkam. Der Konzern reagierte auf den Engpass und baute die Produktion massiv aus. 1998 wurde Nokia erstmals Weltmarktführer. Und ist es geblieben.

Zu verdanken hat das der Konzern seinem Gespür für Kundenwünsche und rigorosem Kostenmanagement. Keiner achtet so sehr auf Konsumtrends wie Nokia. „Was wollen die Kunden eigentlich?“, fragt sich Handychef Öistämö immer wieder. Fast panisch ist die Angst der Vorstände, sie könnten wie vor drei Jahren bei den Klapp-handys einen Trend verschlafen. Alle drei bis vier Jahre lässt Nokia die Führungskräfte zwischen den Sparten rotieren. Keiner soll sich auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Nokia sucht die Nähe zum Kunden. 100.000 Intensiv-Interviews führten die acht auf allen Kontinenten verteilten Design-Studios allein im vergangenen Jahr, denn lokale Eigenarten spielen eine immer größere Rolle. Die Interviews bringen mitunter überraschende Erkenntnisse: So äußerten mehr als 50 Prozent aller Kunden in unterentwickelten Ländern wie Indien und Pakistan den Wunsch, dass sie das Handy mit Familienmitgliedern und Freunden gemeinsam nutzen wollen. Anders als in den Industrieländern werden die Handys herumgereicht und brauchen beispielsweise eine viel robustere Tastatur und bis zu fünf separat aufzurufende Telefonbücher.

Für Nokia eröffnet sich durch dieses Gespür für lokale Besonderheiten die Chance auf enormes Wachstum. Nur teuer dürfen die Geräte nicht sein. Nokia produziert so große Mengen nicht zuletzt für die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas, dass jeder einzelne gesparte Cent in der Bilanz Millionen wert sein kann.

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