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Werksschließung in Nürnberg: AEG-Belegschaft zieht in den Kampf

Ob die Konzernoberen im fernen Schweden mit solch einer Gegenwehr gerechnet hatten? Die Geschäftsführung vor Ort jedenfalls, im Nürnberger AEG-Werk, sieht sich 1700 wütenden Arbeitern gegenüber. Die wollen sich nicht so einfach entlassen lassen. Sie sind zu allem bereit, haben sie doch nichts mehr zu verlieren. Und es sieht gar nicht so schlecht für sie aus.

Die AEG-Mitarbeiter sind zu allem entschlossen, halten auch nachts Wache vor dem Werk. Foto: dpa
Die AEG-Mitarbeiter sind zu allem entschlossen, halten auch nachts Wache vor dem Werk. Foto: dpa

HB NÜRNBERG. Die Verbitterung nach dem Scheitern der Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag ist groß bei den AEG-Arbeitern in Nürnberg. „Frechheit“, „Sauerei“, „Unverschämtheit“ – in Kraftausdrücken machen die Beschäftigten ihrer Wut Luft. In klirrender Kälte stehen sie am Freitagmorgen vor den Werkstoren und applaudieren Betriebsratschef Harald Dix, der die Kampfbereitschaft mit markigen Worten anheizt: „Die verarschen uns bis zum Letzten“, ruft Dix an die Adresse der AEG-Mutter Electrolux. Der schwedische Konzern will das Werk mit seinen rund 1700 Beschäftigten bis Ende 2007 schließen. Waschmaschinen und Geschirrspüler sollen dann billiger in Polen produziert werden. Dort entstehen schon zwei neue Werke. Am Donnerstagabend waren die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag endgültig geplatzt. Zwar hatte AEG-Verhandlungsführer Dieter Lange ein, wie es von Unternehmensseite hieß, ein „faires Angebot“ in der Tasche. Doch er legte es nicht auf den Tisch. Zuvor müsse die IG Metall verbindlich erklären, dass bis 31. Januar nicht gestreikt werde, lautete die Bedingung der Arbeitgeber. Darauf wollten sich die Arbeitnehmervertreter nicht einlassen. „Taktische Spielchen“ seien das, mit denen die Belegschaft hingehalten werden solle, wetterte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer. Nürnbergs IG-Metall-Vize Jürgen Wechsler, der seit Monaten die Fäden in der Auseinandersetzung zieht, hatte eine andere Theorie: Das Manamegement des Mutterkonzerns aus Schweden habe möglicherweise Druck auf die AEG-Geschäftsführung ausgebübt, das Angebot nicht vorzulegen. Wie dem auch sei – die Gewerkschaft scheint fest entschlossen, es auf einen Arbeitskampf ankommen zu lassen. Am Freitag wurden die Weichen dafür gestellt. Die Große Tarifkommission stellte das Scheitern der Verhandlungen offiziell fest und beantragte beim IG Metall-Vorstand in Frankfurt die Urabstimmung. Bereits am kommenden Dienstag und Mittwoch soll sie über die Bühne gehen, unmittelbar darauf könnte der Streik beginnen. Der lokale IG-Metall-Vize Wechsler will möglichst wenig Zeit verstreichen lassen, um zu verhindern, dass die Kampfbereitschaft der Beschäftigten sich in diesen eisigen Wintertagen abkühlt. Zwar bestreiten die Gewerkschafter, dass sie den „Fall AEG“ als bundesweiten Präzedenzfall nutzen wollen, um im Kampf gegen die überall zu beobachtende Verlagerung von Arbeitsplätzen einmal nachdrücklich die Macht der IG Metall zu demonstrieren. Er wehre sich dagegen, AEG zu einer „Stellvertreter-Auseinandersetzung“ hoch zu stilisieren, beteuerte Neugebauer am Freitag. Doch er ist sich in einem möglicherweise langen und teuren Arbeitskampf der Unterstützung der IG Metall sicher – bis hinauf zu deren Chefs Jürgen Peters und Berthold Huber.

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Lesen Sie weiter auf Seite 2: AEG in Nürnberg ist das ideale Schlachtfeld.

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In Nürnberg findet die Gewerkschaft besonders günstige Voraussetzungen für einen Arbeitskampf vor. Einerseits benötigt Electrolux noch für einige Zeit Ware aus Nürnberg, ehe die entsprechenden Kapazitäten in Polen aufgebaut sind. Andererseits haben die Beschäftigten, denen die Schließung bereits angekündigt wurde, nichts mehr zu verlieren, sind entsprechend zornig und für einen Arbeitskampf besonders motiviert. So wie Zlatko Super, der seit 19 Jahren bei AEG arbeitet. „Wir sollen den Mund halten und uns wie Lämmer benehmen“, schimpft der 44-jährige gebürtige Kroate. Electrolux betreibe eine „Hinhaltetaktik“, um die Verhandlungen zu verzögern. „Die Kampfbereitschaft ist groß“, unterstreicht auch sein Kollege Fritz Mitschke. „Viele sind der Meinung, dass es schon früher hätte losgehen sollen.“ Super gibt zu bedenken, dass es bei vielen Beschäftigten und ihren Familien um die Existenz gehe. „Aber das interessiert Electrolux nicht. Sie wollen dort nur höhere Dividenden.“ Ziel des Arbeitskampfes ist nach wie vor, dass Electrolux den Beschluss zur Schließung des Nürnberger Traditionswerks zurücknimmt. „Solange das nicht der Fall ist, werden wir Forderungen stellen, um die Folgen dieses Beschlusses für die Betroffenen abzumildern“, sagte Neugebauer. Vor allem fordert die Gewerkschaft Ersatzarbeitsplätze für einen Teil der Mitarbeiter, eine Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft bis zum 31. Dezember 2007, eine Vorruhestandsregelung für Mitarbeiter ab 53 Jahren und eine Abfindung pro Beschäftigungsjahr in Höhe von drei Bruttomonatsverdiensten. Bis dieses Ziel erreicht ist, dürfte das Nürnberger Werk stillstehen.

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