Wettbewerb: IT-Industrie im Fusionsfieber

Wettbewerb: IT-Industrie im Fusionsfieber

Bild vergrößern

Rechenzentrum: Die Grenzen zwischen Hard- und Softwareanbietern verschwimmen

Die weltweite Software- und Hardware-Industrie scheint auf dem Weg zurück in die Siebzigerjahre: Hin zu wenigen Großkonglomeraten – und geringerem Wettbewerb.

Christine Varney ließ keinen Zweifel an ihrer künftigen Gangart. Sie werde sich „verstärkt mit Firmenübernahmen beschäftigen“, kündigte Amerikas neue oberste Wettbewerbshüterin vor Analysten der US-Denkfabrik Center for American Progress an. „Dies gilt besonders für den High-Tech- und den Internetmarkt.“

Das war im Mai. Doch statt allzu Fusionswütige abzuschrecken, wirkte die Warnung der resoluten Anwältin wie ein Brandbeschleuniger.

Anzeige

Der US-Softwareriese Oracle, der gerade die Übernahme des Server-Spezialisten Sun für 7,4 Milliarden Dollar angekündigt hatte, schluckte innerhalb weniger Wochen weitere Informationstechnologie-Firmen für insgesamt geschätzte 300 Millionen Dollar. Prozessorproduzent Intel erwarb für knapp 900 Millionen Dollar das US-Softwarehaus Wind River System, Speichergigant EMC gar für 2,1 Milliarden Dollar den Datenexperten Data Domain. Vor zwei Wochen entschied IBM, sich für 1,2 Milliarden Dollar den Statistiksoftwareexperten SPSS aus Chicago einzuverleiben. Angesteckt von so viel Appetit jenseits des Atlantiks, kaufte in Deutschland die Software AG Mitte Juli für eine knappe halbe Milliarde Euro den Wettbewerber IDS Scheer.

IT ist nun eine reife Industrie

Dieser Übernahmeeifer erklärt sich jedoch nur zum Teil aus einer möglichen Torschlusspanik der Chefs vor weitreichenden Eingriffen der neuen US-Wettbewerbshüterin. Immerhin kennt Varney den Machthunger der Branche – Ende der Neunzigerjahre beriet sie den Internet-Browser-Pionier Netscape bei dessen Kartellklage gegen den Softwaregiganten Microsoft.

Die eigentlichen Gründe für die wachsende Zahl der Unternehmenskäufe liegen jedoch tiefer. Zum einen habe sich die IT „von einer aufstrebenden zu einer reifen Industrie“ entwickelt, sagt David Mitchell, IT-Analyst beim britischen Marktforschungshaus Ovum. Damit seien Zusammenschlüsse, also die Konsolidierung der Branche, „ganz natürlich“.

Zudem hat sich die IT (Informationstechnologie) in den vergangenen Jahren stark verändert. Arbeitsplatzrechner, Großrechner (sogenannte Server), Netzwerke, dazu unzählige Programme – das alles hat den Computereinsatz innerhalb der Unternehmen zu einem Werk aus immer mehr Einzelteilen gemacht. „Diese Fragmentierung sorgt für Probleme bei der Integration und damit für zusätzliche Kosten beim Kunden“, sagt Mitchell. Mit dem Zusammenschluss verschiedener Anbieter reagiere die Branche auf die komplexeren Anforderungen der Unternehmen.

Die Folgen der Verschmelzungen sind überraschend. Mit der zunehmenden Konzentration schreitet die IT-Industrie offenbar zurück in die Siebzigerjahre, als große Konglomerate das Geschäft beherrschten, die von Hardware über Software bis hin zu IT-Dienstleistungen alles aus einer Hand anboten und den Zugang zum Kunden kontrollierten. Experten jedenfalls haben diesen Trend ausgemacht. „Es wird künftig nur eine Handvoll IT-Riesen geben“, sagt Rüdiger Spies, Analyst beim Marktforschungsunternehmen IDC. Bis vor Kurzem noch scharfe Grenzen zwischen Hard- und Softwarefirmen verschwimmen, immer mehr Anbieter wollen heraus aus ihrer Rolle als Server-, Netzwerk- oder Softwarespezialist und alles aus einer Hand verkaufen. Denn das verspricht höhere Margen.

Wie heiß die Jagd nach Übernahmekandidaten inzwischen ist, zeigen die Preise, die für IT-Firmen bezahlt werden. IBM bekommt SPSS noch relativ günstig und zahlt etwa das Zweieinhalbfache des Jahresumsatzes. Wesentlich teurer wird der Kauf von Data Domain. EMC-Chef Joe Tucci lieferte sich ein Bietergefecht mit Netapp und muss nun das Siebenfache des Jahresumsatzes von Data Domain lockermachen.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%