Wilfried Vyslozil im Interview: „Ich bin sehr besorgt“

Wilfried Vyslozil im Interview: „Ich bin sehr besorgt“

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Wilfried Vyslozil, 49, ist seit Januar Geschäftsführer von SOS Kinderdörfer weltweit in München. Zuvor leitete der Wiener 15 Jahre die österreichische SOS-Kinderdorf-Organisation

SOS-Kinderdörfer-Chef Wilfried Vyslozil fürchtet wegen der Unicef-Affäre einen stärkeren Einfluss der Politik.

WirtschaftsWoche: Herr Vyslozil, Unicef steckt in einer Krise um dubiose Geschäftspraktiken. Bekommt SOS-Kinderdörfer als größte sammelnde Organisation in Deutschland den Zorn der Spender zu spüren?

Vyslozil: Wir merken es bisher nicht beim Spendenaufkommen. Aber wir haben in der Tat nun vier bis fünf Anrufe täglich von besorgten und skeptischen Menschen. Dass die Vorwürfe gegenüber Unicef seit November im Raum stehen und jetzt im Februar noch immer nicht ausgeräumt oder angemessen aufgeklärt sind, ist unglaublich lang. Für so einen Fall müsste die Geschäftsordnung viel schnellere Reaktionen und Aufklärungsmechanismen vorsehen.

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Viele werden die Aufklärung der Affäre gar nicht im Detail verfolgen, haben sich aber ihr Urteil längst gebildet: dass sich nämlich hinter dem Idealismus auch der renommiertesten Spendensammler Eigennutz verbirgt.

Es ist problematisch für den gesamten Spendenmarkt, dass der Name Unicef so Schaden nimmt. Unicef ist schließlich eine ganz tolle Kraft und eine sehr wichtige Marke in unserer Branche. Ich bin sehr besorgt wegen des Klimas, das sich dadurch entwickelt. Der ganze Sektor der Spendenorganisationen und NGOs könnte einen außergewöhnlich tiefen Vertrauensverlust erleiden. Das ist gerade hierzulande gefährlich, denn Deutschland ist im Rahmen der weltweiten gemeinnützigen Hilfe als Spender eine Großmacht. Und wenn sich das Klima so verändert, kann der Ruf nach dem Staat laut werden.

Inwiefern?

Politiker könnten nun glauben, die Spendenorganisationen insgesamt ans Gängelband nehmen zu müssen.

Was wäre schlecht an verbindlichen Kontrollen – bei Unicef etwa geht es um Beraterbeziehungen ohne Vertrag und um sehr legere Verwendung von Spendengeldern?

Verbindliche Kontrollen sind nicht schlecht, sondern notwendig. Und die Spendenorganisationen müssen vor dem Hintergrund der Unicef-Probleme jetzt dafür sorgen, dass professionelles und unabhängiges Controlling allgemeinverbindlich wird. Aber das soll durch Selbstverpflichtung geschehen und nicht durch Gesetze, die oft am Problem vorbei und übers Ziel hinaus gehen.

An welche Maßnahmen denken Sie konkret?

Heute unterwirft sich SOS-Kinderdörfer freiwillig dem deutschen Handelsrecht. Warum nur freiwillig? Das könnte beispielsweise allgemeinverbindlich und verpflichtend für alle gemeinnützigen Organisationen sein. Möglich wäre es außerdem, das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in seinen Kompetenzen zu stärken. Und die internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – bei SOS-Kinderdörfer ist das PricewaterhouseCoopers – könnten im Bereich der gemeinnützigen Organisationen noch aktiver werden.

Unicef wehrt sich gegen die Vorwürfe mit dem Argument, es gehe eigentlich um „normale Projekte und Dienstleistungen, wie sie zum Alltag vieler Organisationen“ gehörten. Zu Recht?

Ohne mir die Vorwürfe im Einzelnen zu eigen zu machen: Was über Unicef in den Zeitungen steht, wäre bei uns unmöglich. Ich dürfte niemanden hier, der in Pension geht, anschließend mit sechsstelligem Jahresgehalt weiter beschäftigen. Es gibt bei uns keine fünfstelligen Provisionen für die Vermittlung von Spenden oder Kontakten. Baumaßnahmen geben wir nach Abwägen von mindestens drei Angeboten in Auftrag – wenn der Vorstand es absegnet. Es ist eine Frage der Satzung und eben verbindlicher Regeln, den Entscheidungsspielraum der Funktionsträger angemessen zu definieren. Für die handelnden Personen in gemeinnützigen Organisationen muss die kaufmännische Sorgfaltspflicht nicht nur im Normalmaß, sondern in besonders strenger Auslegung gelten.

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