Willi Verhuven im Interview: „Wir leben in keiner Planwirtschaft“

Willi Verhuven im Interview: „Wir leben in keiner Planwirtschaft“

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Alltours-Chef Willi Verhuven

Willi Verhuven, Chef des Veranstalters Alltours, über die Zukunft der Pauschalreise – und wie er Flugpreiserhöhungen parieren will.

WirtschaftsWoche: Herr Verhuven, wohin geht’s in den Urlaub – haben Sie schon gebucht?

Verhuven: Leider habe ich in diesem Jahr nur wenig Zeit, aber Anfang Mai gehe ich für ein paar Tage mit der neuen „AidaDiva“ auf Mittelmeerkreuzfahrt...

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...Sie reisen mit der Konkurrenz? Wir hatten eigentlich erwartet, dass Sie nichts ohne Ihren Alltours sagen.

Ich buche auch häufig eines unserer eigenen Angebote – meist geht es dann um Vertragsverhandlungen. Trotzdem lerne ich bei solchen Gelegenheiten immer etwas dazu: Man sieht das Produkt aus der Perspektive des Kunden – und die ist meist ganz anders als die aus dem Büro.

Die deutsche Reisebranche hat schwere Zeiten hinter sich, wie geht’s Alltours?

Sehr gut. Der Winter war hervorragend, die Vorausbuchungen für den Sommer sind noch besser, seit Februar verzeichnen wir zweistellige Zuwachsraten gegenüber dem Vorjahr. Und was die Vergangenheit angeht: Bei uns gab es nie eine Delle, wir haben immer kontinuierlich expandiert. Lediglich 2007 fiel etwas schwächer aus – da wäre das Wachstum größer gewesen, wenn wir uns anders ausgerichtet hätten.

Das müssen Sie uns erklären.

Ausschlaggebend war die Entscheidung der TUI, die Ferienfluggesellschaft Hapagfly mit dem eigenen Billigflieger HLX zu TUIfly zu fusionieren. Die Umbenennung war ein Affront gegen alle Veranstalter, die keine eigene Fluggesellschaft haben. Diese Provokation wollten und konnten wir nicht akzeptieren. Die Beförderung von Alltours-Gästen in einem Flugzeug, auf dem der Name eines Konkurrenten steht – das geht überhaupt nicht. Wir haben darum die Hälfte der bei Hapagfly bestellten Plätze zurückgegeben. Das hat uns zwar Umsatz gekostet, aber die klare Positionierung unserer Marke war uns wichtiger.

Demnächst verschwindet TUIfly vom Markt und wird mit Germanwings zusammengelegt.

Das geht mit auf unser Konto. Die Entscheidung der TUI ist die Quittung für die Namensänderung, denn auch andere Veranstalter haben Geschäft von Hapagfly abgezogen. Wir hätten aber keine Probleme, unsere Feriengäste mit Germanwings an ihr Urlaubsziel zu fliegen – wir kooperieren bereits seit einiger Zeit erfolgreich.

Die Konzentration auf dem deutschen Flugmarkt geht weiter, demnächst will Air Berlin nach der LTU auch noch den Ferienflieger Condor schlucken. Wird der Urlaub teurer, weil Air-Berlin-Chef Joachim Hunold die Preise diktiert?

Nein, Urlaub bleibt erschwinglich – selbst, wenn Air Berlin vorhaben sollte, an der Preisschraube zu drehen, wird das nicht gelingen. Wir leben in keiner Planwirtschaft. Wenn mein Freund Joachim Hunold meint, er könne den Markt kaufen, hat er sich geirrt – das habe ich ihm auch ganz deutlich gesagt. Ein Preisdiktat von wem auch immer werden sich weder Veranstalter noch Kunden gefallen lassen. Es gibt Alternativen, der britische Billigflieger Easyjet zum Beispiel, auch der Ferienflieger Hamburg International will die Kapazitäten aufstocken, andere könnten neu in den Markt einsteigen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Im Übrigen hat das Kartellamt die Übernahme von Condor durch Air Berlin noch nicht genehmigt...

...Sie glauben an Wunder?

Das nicht, aber so wie wir die Sache einschätzen, untersucht das Kartellamt nicht nur den Wettbewerb im deutschen Flugmarkt insgesamt, sondern vor allem die Auswirkungen auf die Preise von Urlaubsreisen. So wie es aussieht, müssten die Wettbewerbshüter die Übernahme verbieten. Darum habe ich starke Zweifel, ob aus der Air-Berlin-Condor-Connection tatsächlich etwas wird.

Und wenn doch?

Dann gäbe es für uns immer noch die Möglichkeit, unseren Flugbedarf anders darzustellen – notfalls auch über entsprechende Eigeninitiativen, die notwendigen finanziellen Mittel wären vorhanden.

Sie wollen Ihre eigene Airline gründen?

Sollte sich der Markt wider Erwarten doch gravierend ändern, gäbe es diese Alternative. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Alltours gilt als Meister der Pauschalreise. Viele halten diese Urlaubsform aber für ein Auslaufmodell. Was tun Sie gegen diesen Trend?

Die Pauschalreise ist kein Auslaufmodell sondern nach wie vor ein Renner, und das wird auch so bleiben. Denn diese Art zu reisen hat zwei entscheidende Vorteile, die die Urlauber sehr schätzen: Sie bietet Bequemlichkeit und ein hohes Maß an Sicherheit. Und sie ist in der Regel deutlich preisgünstiger als eine Individualreise. Eine andere Frage ist, aus welchen Einzelleistungen das Reisepaket geschnürt wird und wie das technisch abläuft. Dazu haben wir unseren neuen Reiseveranstalter ByeBye. Hier können die Kunden Flug und Hotel ganz flexibel miteinander kombinieren, die Preise werden tagesaktuell aus den einzelnen Komponenten kalkuliert.

Das hört sich nach Bausteinreisen an – andere Veranstalter haben sowas längst im Programm.

Mit zwei großen Unterschieden. Zum einen ist unser Flugangebot wesentlich breiter – wir haben Liniengesellschaften wie Lufthansa, Ferienflieger wie Air Berlin und Billiggesellschaften wie Germanwings und Easyjet im Angebot. Zum anderen bieten wir ausschließlich eigene Vertragshotels an und nicht nur Häuser aus irgendeiner großen Hoteldatenbank.

Steht ByeBye nicht doch für ein neues Geschäftsmodell für Alltours?

Nein. ByeBye wird eine neue Säule unserer Gruppe. Wir erweitern unser Angebot, neben klassischen Urlaubszielen bieten wir auch Städtereisen an. Und mit dem anvisierten Buchungsvolumen von mittelfristig bis zu 500.000 Reisen im Jahr wachsen wir in ganz neue Dimensionen hinein. Zum dritten wollen wir mit ByeBye den Verkauf von Reisen im Internet ankurbeln...

...wo Sie Nachholbedarf haben?

Der Online-Anteil an unserem Umsatz liegt bei knapp fünf Prozent. Rechnet man die über Internet-Reiseportale wie Expedia gebuchten Reisen hinzu, sind es über zehn Prozent. Natürlich hätten wir gern mehr, und wir arbeiten auch daran, aber ich glaube nicht, dass wir den Anteil wesentlich steigern können – eine Bahnfahrt oder einen Flug zu buchen ist einfach, eine Pauschalreise hat Beratungsbedarf. Auf absehbare Zeit bleibt das Internet, was es heute schon ist: ein wichtiger ergänzender Buchungskanal.

Aber auf Kataloge mit festen Preisen könnte die Branche doch sicher verzichten?

Blödsinn – auch in Zukunft wird es Kataloge geben, Pauschalreisen ohne Katalog sind undenkbar. Der Kunde verlangt eine schriftliche, verbindliche Grundlage und eine einheitliche Gesamtdarstellung aller Reisekomponenten. Auch hier ist das Internet eine sinnvolle Ergänzung für den, der mehr wissen will. Aber es wird den Katalog nicht ersetzen. Eine andere Frage ist es, ob Kataloge auch in Zukunft noch einen festen Preisteil haben werden.

Zu Alltours gehören Hotels, ein Unternehmen, das die Reisenden vor Ort betreut, womöglich irgendwann auch eine Fluggesellschaft. Ist das die Renaissance des integrierten Reisekonzerns mit Produkten auf allen Wertschöpfungsstufen?

Nie und nimmer. Was bei TUI und Thomas Cook abgelaufen ist, war der Wettbewerb zweier Manager an der Unternehmensspitze: Da wurden Entscheidungen aus purem Ego, aus Eitelkeit und Machtdenken gefällt, oder weil gierige Börsenanalysten ruhiggestellt werden mussten. Integrierte Reisekonzerne können nicht funktionieren, dazu ist das Geschäft viel zu kompliziert. Das gilt vor allem für das Flugangebot: Sie müssen in Deutschland 22 Flughäfen bedienen – da muss eine Riesenkapazität vorgehalten werden, die außerhalb der Hauptreisezeiten zu Überkapazitäten und Preisverfall führt. Alle anderen Industriezweige arbeiten mit Zulieferern – warum sollte das in der Reisebranche anders sein?

Aber eigene Hotels scheinen doch ein gutes Geschäft zu sein – Sie haben doch auch welche?

Wir haben einige Hotels – aber glauben Sie mir: Ohne wäre das Leben viel schöner. Urlaub ist ein Trendgeschäft, das sich jedes Jahr ändert: Mal fahren die Leute nach Mallorca, mal nach Ägypten, mal sind die Kanaren gefragt, mal Fernreisen, und auch die Anforderungen an ein Hotel ändern sich. Im Zweifelsfall sitzt man auf eigenen Kapazitäten herum, die wie ein Klotz am Bein hängen.

Mit einer Gewinnmarge von knapp zwei Prozent wird in der Reisebranche nicht üppig verdient. Was bleibt bei Ihnen unter dem Strich?

Wir haben im vergangenen Jahr rund 24 Millionen Euro verdient...

...also genauso wenig wie alle anderen...

...und das reicht mir völlig – zwei Prozent sind sehr gut. Die totale Fixierung börsennotierter Unternehmen auf die Rendite ist eine Katastrophe. Diese Gier von Managern und Anteilseignern führt zu permanenter Verunsicherung der Mitarbeiter und zu Demotivation. Wir sind nicht auf der Erde, um Geld zu horten. Ich will gut leben und gleichzeitig Spaß an meiner Arbeit haben – und das wollen und sollen meine Mitarbeiter auch.

Käme für Sie nicht auch irgendwann einmal ein Börsengang infrage wie ihn Air-Berlin-Chef Hunold vor zwei Jahren vollzogen hat?

Auf keinen Fall, das ist für mich undenkbar. Hunold hatte keine andere Wahl, weil er für seine Expansion Geld brauchte. Alltours hat genug Reserven, um aus eigener Kraft zu wachsen. Ich habe seit Jahren keine Gewinne aus dem Unternehmen entnommen. Wir können auch eine Krise überstehen, ohne jemanden zu entlassen.

Das klingt nach Gutmenschentum. Was halten Sie denn von Umweltabgaben für Flugreisen?

In den Niederlanden gibt es die schon, und auf Dauer wird das hier bei uns auch so sein. Wir tun immer noch so, als seien die Energievorräte unendlich. Kerosin muss dauerhaft teurer werden – schon um einen Anreiz zu bieten, den Treibstoffverbrauch weiter zu senken. Ohne wirtschaftlichen Druck geht da leider nichts. n

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