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Wirtschaftskrise: Sinkende Zahlungsmoral wird zur Gefahr

von Christian Ramthun (Berlin) und Henryk Hielscher

In der Krise leidet die Zahlungsmoral. Lieferanten warten aufs Geld, der Wirtschaft droht ein Dominoeffekt. Brüssel plant nun drastische Strafen.

Einkaufswagen von Edeka. Der Quelle: AP
Einkaufswagen von Edeka. Der Lebensmittelhändler macht Druck auf seine Lieferanten Quelle: AP

Wer nicht rechtzeitig zahlt, der kann demnächst sein blaues Wunder erleben. Statt 2,50 Euro soll die Mahngebühr bald 40 Euro, 70 Euro oder noch mehr betragen. Bei säumigen Handwerkern, Freiberuflern und anderen Mittelständlern dürfte das „Brüsseler Inkasso“ dann einen ähnlichen Schock auslösen wie bisher schon die berüchtigten dunkel gekleideten Herrschaften von „Inkasso Moskau“.

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Zumindest wenn es nach dem Willen der EU-Kommission geht. Sie hat an die Mitgliedstaaten einen Reformvorschlag zur EU-Richtlinie 2000/35/EG (Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr) geschickt, über dem nun die Fachverbände brüten. Das Timing der Brüsseler Kommission hätte kaum besser sein können.

Schlechte Zahlungsmoral

Die starke Rezession habe „bereits auf die Zahlungsmoral durchgeschlagen“, beobachtet die Auskunftei Creditreform. Auch die Inkassounternehmen spüren überwiegend eine Verschlechterung, sagt deren Verbandspräsident Wolfgang Spitz, sowohl bei privaten als auch bei gewerblichen Schuldnern. Von einer „Eskalation am Markt“ spricht Thomas Reifert, Direktor für Corporate Finance bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte. Auftrags- und Ertragseinbrüche, Liquiditätsprobleme, Kreditklemme und letztlich die Verschleppung von Zahlungszielen formen sich laut Reifert „zurzeit zu einem Teufelskreislauf“.

Die EU-Kommission sieht eine „Kettenreaktion über die ganze Lieferantenkette“, die in der Wirtschaftskrise durch schlechtes Zahlungsverhalten „bereits eingetreten ist“. Deshalb, so die Kommission, „muss die Politik umfassend reagieren“. Brüssel will sich vor allem auf die Seite des Mittelstandes schlagen. Die Bösen, das macht Brüssel klar, sind große Unternehmen und die öffentliche Hand.

Das deckt sich mit den Beobachtungen vor Ort. So sind die Energieversorger dabei, die Zahlungsziele bei ihren Lieferanten von bisher 30 bis 60 Tagen auf nunmehr 60 bis 90 Tage auszuweiten. „Das belastet die Unternehmen mit zusätzlichen Finanzierungskosten“, kritisiert Friedhelm Loh, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Dabei geht es RWE, E.On, EnBW und Vattenfall dank hoher Strompreise noch vergleichsweise gut. Deren zähes Zahlverhalten hat nichts mit drohender Insolvenz zu tun, sondern mit Marktmacht.

Einstweilige Verfügung gegen Edeka

Das lässt sich auch von den Handelskonzernen sagen. Edeka, die Nummer eins im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, erschreckte kürzlich etliche Lieferanten mit einem formal freundlichen Schreiben. Unter dem Betreff „Anpassung des vereinbarten Zahlungsziels“ ließ der gelb-blaue Riese seine Nahrungsmittelhersteller wissen: Die Edeka-Gruppe habe sich 2008 gut behaupten können. Gerne wolle man „diesen Weg gemeinsam mit Ihnen weitergehen“. Dafür allerdings, so die unverhohlene Drohung, müsse die Zusammenarbeit „mit einem entsprechenden Zahlungsziel auch Ihrerseits unterstützt werden“.

Dabei geht es Edeka blendend, die Einkäufer in der Hamburger Zentrale ließen schlicht ihre Muskeln spielen und wollten die kostspielige Übernahme des früheren Tengelmann-Discounters Plus wohl zum Teil auf die Lieferanten abwälzen. In der Branche werden die Forderungskataloge nach Firmenübernahmen als „Hochzeitsgrüße“ bezeichnet.

Dass Edeka diesmal aber nicht nur versuchte, niedrigere Einkaufspreise zu diktieren, sondern auch rund 15 Tage zusätzlichen Aufschub durchzusetzen, ist neu und rief den Markenverband auf den Plan. Vor dem Landgericht Hamburg erwirkte die Industrielobby inzwischen eine einstweilige Verfügung. Sie verbietet es Edeka, „Lieferanten dazu aufzufordern“, entgegen „bestehenden vertraglichen Regelungen längere Zahlungsziele“ zu akzeptieren.

Ob das Urteil allerdings die nächsten Jahresgespräche zwischen dem Handelsriesen und den Herstellern übersteht, darf bezweifelt werden. Eine Auslistung ihrer Produkte aus den Edeka-, Netto- und Plus-Regalen können sich die wenigsten meist mittelständischen Produzenten leisten.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.07.2009, 16:51 UhrAnonymer Benutzer: Liebeangelamerkel.de

    „Solche Konzerne müssen vom Kartellamt streng beaufsichtigt und notfalls zerschlagen werden“, soviel zur Glaubhaftigkeit von Politikern. Der Genosse der bosse war es doch einst, der Tür und Tor für HedgeFonds und Firmenübernahmen öffente und die Oligopolbildung noch steuerlich begünstigte. in diesem Land muss man sich vor lauter Dämlichkeit der herrschenden Eliten über nix mehr wundern. Kann man dort noch unlautere Absichten und Gutgläubigkeit unterstellen, oder muss man gar schon böswillikeit und Mutwilligkeit in der Zerstörung des Staates mutmassen?

  • 21.07.2009, 00:28 UhrAnonymer Benutzer: werner

    solche skrupellosen Konditionsverhandlungen wie hier von EDEKA genannt, sind doch schon seit langer Zeit gang und gebe. Man nennt das auch Knebelverträge in der branche. Machen sie doch mal Geschäfte mit der Media-Markt- Saturn-Gruppe. Da wird ihnen vielleicht freundlicherweise noch mitgeteilt, wann die mal bereit sind zu zahlen. Und ständig müssen sie 10% Sondernachlass machen, da die ja fast jede Woche wieder einen Grund haben irgendein Anlass wie Geburtstag oder Wiedereröffnung usw. Und dann noch das Handaufhalten in den einzelnen Hierachieebenen. Als Lieferant werden sie da bestimmt in kurzer Zeit um ihre Marge gebracht.
    Oder beliefern sie mal die Contigruppe, die rechnen ihnen aus was sie als Lieferrant zum überleben brauchen. Und wenn sie nicht spuren, dann läßt man sie verhungern, weil sie doch recht schnell abhängig werden. Lieferranten von Aldi bleibt nichts anderes übrig, als mit der Zeit die Zutaten ihrer Produkte zu vereinfachen. im schlimmsten Fall ist halt der Frascati mit einem Landwein abgefüllt.

  • 20.07.2009, 23:31 UhrAnonymer Benutzer: Papageno

    Liquidität muss immer das oberste Prinzip eines Unternehmens sein. Aber viele Firmen gehen darüber hinaus und erpressen Reduktionen mit oft unfairen und sogar brutalen Taktiken. Und je grösser die Firma, umso länger auch die Zahlungszeiträume. Die Verträge werden anscheinend von geistesperversen Juristen verfasst: Die Vorteile liegen ausschliesslich bei der Abnehmerfirma, alle eventuellen Nachteile hat der Lieferant zu verantworten. Das Problem fusst auf einem generellen Phänomen: Wir leben in einer Wildwest-Ökonomie, es gilt das Gesetz des Stärkeren. Die Ethik muss man da mit dem Fernrohr suchen.

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