Wirtschaftskrise: Unternehmer: Wer wagt, verliert

Wirtschaftskrise: Unternehmer: Wer wagt, verliert

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Thomas Mann. Sein erster Roman "Buddenbrooks" (1901) machte ihn weltberühmt, Foto: dpa

Die Wirtschaftskrise erinnert daran, dass Unternehmer Gefährdete sind. Sie handeln im Ungewissen, wagen erfolgreich den großen Coup oder werden zu Opfern ihrer Risikofreude. Scheitern gehört zum Spiel.

In Thomas Manns "Buddenbrooks", dem Roman über den "Verfall einer Familie", wird eine Szene geschildert, die den Leser in einem grotesken Vorspiel auf den Untergang der Lübecker Kaufmannssippe einstimmt. Tony Buddenbrook, die Tochter des Hauses, die aus Familienräson die Ehe mit dem Hamburger Geschäftsmann Bendix Grünlich eingegangen ist, wird von ihrem zahlungsunfähigen Gatten beschuldigt, sie habe ihn mit ihrem luxuriösen Lebensstil in den Ruin getrieben. Der anwesende Bankier Kesselmeyer bricht daraufhin in "unerhörtes Gelächter" aus: "Sie…ruin…Sie…Sie ruinieren ihn also? …O Gott! Ach Gott!" Die Schulden seines Klienten könnte selbst die verschwenderischste Ehefrau nicht anhäufen. Der Bankrott Grünlichs beruht auf Betrug. Sein Schwiegervater Johann Buddenbrook lässt ihn daraufhin fallen – im Interesse der eigenen Firma.

Den Niedergang des Unternehmens kann das freilich nicht aufhalten. Als Sohn Thomas Buddenbrook sein Heil in der Spekulation sucht, kostet ihn sein Wagemut ein Vermögen: Ein Unwetter hat die "auf dem Halm" gekaufte Ernte verhagelt. Der Ehrgeiz, den Familienschatz zu vermehren, führt geradewegs zu seiner Entwertung. Am Ende wird das stolze Haus in der Mengstraße verkauft – für 85.000 Mark.

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Was wie Dummheit aussieht, kann auch Pech sein

Ein Fall von kaufmännischer Unfähigkeit, von Leichtsinn, von mangelnder Fortune? Es gebe so große Vermögen, soll Johannes Fürst von Thurn und Taxis, einst der reichste Privatmann Deutschlands, gesagt haben, die könne man gar nicht verspielen, versaufen und verhuren, die könne man allenfalls "verdummen". Doch Vorsicht: Was wie Dummheit aussieht, kann auch Pech sein, die Folge einer Verkettung widriger Umstände. Unternehmerisches Handeln ist immer Risikohandeln. Scheitern gehört zum Spiel. Es gibt kein Regelwerk für erfolgreiches Wirtschaften. Im besten Fall hat der Unternehmer Glück, Verstand und gute Instinkte. So brachte die Witwe Gloria von Thurn und Taxis das angeschlagene Familienunternehmen nach dem Tod des Fürsten im Jahr 1990 mit Cleverness und guten Beratern wieder auf Gewinnkurs.

Nur ein paar Jahre später trat eine andere Witwe an, um das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes fortzuführen: Maria-Elisabeth Schaeffler übernahm mit ihrem Sohn Georg 1996 die Geschäftsführung des Wälzlagerherstellers Schaeffler aus Herzogenaurach. Es sei ihre größte unternehmerische Tat gewesen, wie sie in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt hat: nicht zu verkaufen, sondern weiterzumachen, "auch ohne meinen Mann". Der hatte ihr eingeschärft, dass "Stillstand Abstieg bedeutet". Also expandierte die Witwe, schluckte 2001 den Rivalen FAG Kugelfischer und griff vergangenen Sommer nach Continental, dem nach Bosch größten Autozulieferer Europas.Als "Coup des Jahres" wurde die Operation gefeiert: David siegt über Goliath, Familie schlägt Dax-Konzern, die fränkische Provinz steigt zur Weltspitze auf. Inzwischen wissen wir: Mit der zehn Milliarden-teuren Conti-Übernahme hat sich Schaeffler übernommen. Wegen des globalen Finanzinfarkts und des Absatzeinbruchs in der Autoindustrie sind die Conti-Aktien, für die Schaeffler im Sommer noch 75 Euro bezahlte, mittlerweile unter 15 Euro abgestürzt. Auf zwölf Milliarden Euro belaufen sich die Bankschulden. Fünf bis zu sechs Milliarden Euro Eigenkapital fehlen nach Aussage der Franken zum Überleben.

Zu viel zum falschen Zeitpunkt

Georg Funke, ehemaliger Quelle: dpa

Georg Funke, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate

Bild: dpa

Anders als der geschasste Vorstandschef der Hypo Real Estate Georg Funke, der die Bank ruiniert hat und seinen Arbeitgeber auf 3,5 Millionen Euro verklagt, haftet die Witwe mit ihrem Privatvermögen. Sie kämpft um Ruf und Einfluss – auf verlorenem Posten. Der effektvoll inszenierte Canossa-Gang im roten Genossen-Schal zur Frankfurter IG-Metall-Zentrale verfing nicht. Längst haben die Banken das Ruder übernommen. Aufstieg und Fall einer Musterfrau: Schaeffler, die gefeierte Heldin des Familienunternehmertums, ein Vorbild an Weitsicht und Solidität, steht nur ein paar Monate nach ihrem Triumph als Hasardeurin da, die dabei ist, ein milliardenschweres Lebenswerk zu verspielen.

Ein Fall von Hybris, von Selbstüberschätzung, von Größenwahn? "Den gibt es in der Wirtschaftsgeschichte", sagt der Unternehmenshistoriker Manfred Pohl. Vor allem dann, wenn sich an der Spitze eines Unternehmens die Idee festsetzt, man müsse „unbedingt die Nummer eins auf der Welt sein: Dann bildet sich im Kopf eine Struktur, von der man nicht mehr runterkommt. Dann werden, wie etwa bei der Fusion von Daimler und Chrysler, die Zahlen so lang zurechtgebogen, bis eine Übernahme in glänzendem Licht erscheint“. Das Unberechenbare wird behandelt, als sei es berechenbar, das Unbeherrschbare, als sei es beherrschbar. Schaeffler hingegen, so Manfred Pohl, wollte „die Zukunft des Technologiekonzerns sichern“, das Unternehmen sei "in die Krise hineingeschlittert". Die Franken wollten zum falschen Zeitpunkt zu viel.

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