Wulf Bernotat im Interview: "Wie ein Mikadospiel"

Wulf Bernotat im Interview: "Wie ein Mikadospiel"

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Wulf Bernotat, chief executive of the German utility giant E.ON poses for photographers before the company's annual news conference in Duesseldorf March 10, 2009. A disappointing outlook from Germanyís E.ON further undermined utilities' shaky status as safe haven investments and sent its shares down more than 10 percent on Tuesday. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY)

E.On-Chef Wulf Bernotat über die chaotische deutsche Energiepolitik, den Teilrückzug aus der Ostseepipeline – und sein verflixtes siebtes Amtsjahr.

WirtschaftsWoche: Herr Bernotat, haben Sie eigentlich schon mit dem neuen Wirtschaftsminister zu Guttenberg gesprochen und über das Gestrüpp der Energiepolitik geklagt?

Bernotat: Wir haben vor allem darüber gesprochen, dass wir für Deutschland ein stimmiges Energiekonzept brauchen, das alle Ziele gleichermaßen berücksichtigt: Sicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung. Und wir brauchen eine neue Art der Diskussion, ohne jeden ideologischen oder politischen Vorbehalt. Weil beides fehlt, gibt es ein ständiges Hin und Her in der Energiepolitik, unter dem vor allem die energieerzeugende Industrie leidet. Die Themen wechseln dabei fast mit den Jahreszeiten. Mal treibt die Gaskrise die Ängste um die Versorgungssicherheit, mal ist es wieder der Klimaschutz, der alles verdrängt. Dann diskutiert man erregt nur noch über Energiepreise. Die einen warnen vor der Kernkraft, obwohl sie CO2 frei ist, andere protestieren gegen Steinkohle, obwohl Kernenergie und Kohle zusammen mehr als 75 Prozent unserer Stromversorgung sichern.

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Haben Sie konkrete Forderungen gestellt?

Darum ging es nicht, sondern um Verständigung. Wir müssen in der Energiepolitik generell raus aus den Schützengräben. Wenn die Energieagentur davor warnt, dass uns eine Kraftwerkslücke droht, falls viele Bauprojekte durch Proteste torpediert werden, dann kommen sofort die Umweltverbände und sprechen von einer Kraftwerkslücken-Lüge.

Und die Energieerzeuger sind der ruhige Pol mit den richtigen Argumenten?

Das will ich so nicht sagen. Die Energiewirtschaft ist ja selber kein monolithischer Block mit einheitlichen Interessen und Botschaften. Das Problem ist eher, dass die Politik bei vielen energiepolitischen Vorstellungen nur selten gemeinsam mit der Industrie einen Realitätscheck macht und fragt: Geht das in der Praxis überhaupt – und wenn ja, mit welchen Folgen und zu welchen Kosten und Preisen? Die Energiewirtschaft mit ihrem derzeit breiten Mix von Kernkraft, Kohle, Gas und erneuerbaren Energien gleicht doch einem Mikadospiel. Wenn ich hier etwas bewege, bewegt sich woanders etwas mit. Wenn ich mich gegen Kernkraft und für Gas oder erneuerbare Energien entscheide, hat das Auswirkung auf die Versorgungssicherheit.

Ein Beispiel?

Wenn man Kernkraftwerke ersatzlos auslaufen lässt, bekommen wir Versorgungsengpässe, zum Beispiel in Bayern. Kohle » wäre dabei für Bayern kaum eine Alternative, weil man über die Binnenschifffahrtswege nur sehr schwer Steinkohle nach Süddeutschland transportieren kann. Die Schifffahrtskanäle geben solche Massengut-Verschiffungen nicht her, es würde außerdem sehr teuer. Ersatz für die Grundlast, also für den kontinuierlichen Strombedarf in der Großindustrie, könnten deshalb nur Gaskraftwerke bieten. Die würden aber die Abhängigkeit von russischem Gas deutlich erhöhen.

In Schweden hat die Regierung gerade den Bau neuer Reaktorblöcke politisch ermöglicht. Das ist ein Ausstieg aus dem Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie. Kommt die Atomkraft auch bei uns bald wieder zu Ehren?

In Schweden hat man die politische Ablehnung gegen die Kernkraft gerade aus Klimaschutzgründen aufgegeben. Und die schwedischen Sozialdemokraten haben diesen Beschluss mitgetragen. Bei uns dagegen verläuft in der Kernenergiefrage ein tiefer Riss durch die Politik, auch innerhalb der Parteien selber. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich daran vor der Bundestagswahl im Herbst etwas ändert.

Sie betreiben auch Atomkraftwerke in Schweden – wittern Sie dort jetzt Morgenluft?

Wir betreiben allein oder mit Partnern in Schweden die Kernkraftwerke Forsmark, Oskarsham und Ringhals, jeweils mit mehreren Blöcken. Schon vor Monaten haben wir die Genehmigung der schwedischen Behörden erhalten, diese Kraftwerke zu modernisieren. Dies umfasst sowohl Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Sicherheit als auch zur Steigerung der Kraftwerksleistung. Innerhalb weniger Jahre werden wir somit mehr als 1000 Megawatt zusätzlicher CO2-freier Grundlastkapazität schaffen, das entspricht ungefähr der Leistung eines neuen Kernkraftwerkes. Diese Genehmigung haben wir vor dem Regierungsbeschluss erhalten. Aufgrund unserer Investitionen hat die schwedische Regierung die Laufzeit der Kernkraftwerke auf 60 Jahre verlängert. Es ist möglich, neue Kernkraftwerke zu errichten – wenn auch an den alten Standorten. Das planen wir jedoch derzeit nicht.

Das alles müsste doch den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier umstimmen, der pragmatisch ist und im Ausland sieht, wie dort mit Kernenergie umgegangen wird, nicht nur in Skandinavien, sondern in den Niederlanden, in der Schweiz.

Ich denke, die offizielle Linie seiner Partei lautet anders. Die SPD ist noch immer strikt auf sogenanntem Anti-Atom-Kurs.

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