_

Zeitarbeit: Das Bohrloch schließen!

von Harald Schumacher

Die Zahlen der Arbeitnehmerüberlasser nähern sich schon wieder den Rekordständen der Vorkrisenzeit. Gleichzeitig steckt die Zeitarbeits-Branche im Image-Tief. Daran wird sich nichts ändern, solange sie den Schlecker-Skandal nicht als ihren eigenen begreift.

Schlecker-Filiale Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche
Schlecker-Filiale Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Am Donnerstag dieser Woche tagte der Spitzenverband der Zeitarbeitsbranche. Zu beobachten war ein Wirtschaftzweig, der einerseits vor Selbstbewusstsein nur so strotzt und auf der anderen Seite zutiefst verunsichert ist.

Anzeige

Das Selbstbewusstsein wird getragen von der aktuellen Geschäftsentwicklung.

So rapide, wie die Mitarbeiterzahlen zu Beginn der großen Konjunkturkrise einbrachen, so zügig gehen sie jetzt wieder hoch: Richtung 800 000, bald vermutlich Richtung der in Deutschland noch nie erreichten Millionengrenze. Händeringend suchen manche Unternehmen schon nach Personal.

Selbst die lange befürchtete Öffnung der Grenzen nach Osteuropa erscheint plötzlich nicht mehr als Sorge, sondern als Chance, weil dort vielleicht ein neues Arbeitskärfte reservoir zu erschließen wäre. Eine fulminante Trotzreaktion ist das nach der Verzagtheit von 2009.

Nun zeigt sich: Das Ab und das Auf der Zahl der Zeitarbeits-Beschäftigten entspricht der gesamtwirtschaftlichen Funktion der Arbeitnehmerüberlassung: Sie federt die Spitzen der volatilen Geschäftsentwicklung bei den entleihenden Betrieben und auch im Arbeitsmarkt insgesamt ab.

Solange weiter geschleckert wird, ist der Skandal nicht vorbei

Die tiefe Verunsicherung der Branche ist Folge der Schlecker-Debatte.

Weil der Drogeriekonzern mit einem ihm nahestehenden Zeitarbeitsunternehmen tausende von zuvor regulär beschäftigten Verkäuferinnen  zu schlechter bezahlten Leih-Arbeitnehmerinnen machen wollte, geriet die ganze Arbeitnehmerüberlassungsbranche ins Zwielicht.

Mit der schnell verkündeten Einsicht, man müsse den Missbrauch stoppen, ist es aber nicht weit her. Die Versuche, per Tarifvertrag und per Gesetz einzugreifen, sind nur geeignet, die schlimmsten Exzesse des Schleckerns zu verhindern. Nicht verhindert wird dadurch, dass Unternehmen aller möglicher Branchen weiterhin eigene potemkinsche Zeitarbeitsfirmen gründen, um aus großen Teilen ihrer Stammbelegschaften Leiharbeiter-Kolonnen zu machen.

Was auch nicht weiter führt, ist die in der Branche gern vertretene These, der Imageschaden habe die Zeitarbeit zu Unrecht ereilt, denn Schlecker sei ja kein Zeitarbeits- sondern ein Einzelhandelsunternehmen.

Stimmt zwar. Aber Meniar - so hieß Schleckers Partner-Unternehmen - ist sehr wohl ein Zeitarbeitsunternehmen und gehörte jahrelang einem der drei Branchenverbände an.

Und auch die Zeitarbeits-Töchter von Arbeiterwohlfahrt, Zeitungsverlagen, Unikliniken oder anderen Krankenhäusern, sind Mitglied beim  Bundesverband Zeitarbeit (BZA), bei der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) oder dem Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP).

Sie schleckern weiter im ganz großen Stil und mit System, auch wenn Schlecker selber inzwischen die Methode des Personalkostendumpings aufgibt. 

Der Schlecker-Skandal ist also ein Zeitarbeitsskandal. Er funktioniert wie die ganze Branche auf Grundlage des unter dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement 2003 liberalisierten Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes.

Die Zeitarbeitsbranche braucht eigentlich ein sehr gutes Image, weil sie schnell Personal rekrutieren muss und zudem immer mehr um höher qualifizierte Arbeitnehmer wirbt.

Um als Arbeitgeber für solche Bewerber attraktiv zu sein, muss die Zeitarbeit jetzt nicht in erster Linie teure Kampagnen inzenieren, sondern die Substanz in Ordnung bringen.

Warum keine Ausschlussverfahren gegen Verbandsmitglieder?

Das ist nicht in erster Linie Sache des Gesetzgebers, sondern der Branche.

Da ist wohl eine klare Entscheidung notwendig und ein harter Schnitt. 

Wenn Arbeitnehmerüberlasser, die allein dem Zweck dienen, Tarife zu umgehen und Personalkosten zu drücken, Teil der Branche bleiben, dann können sich Funktionäre und Manager nicht beschweren über den miserablen Ruf, den die Zeitarbeit hat - auch wenn die untersten Branchen-Tariflöhne auf ein respektables Niveau steigen und die meisten Unternehmer natürlich keine gewissenslosen Ausbeuter sind.

Warum keine Ausschlussverfahren gegen Mitglieder, die den Ruf der Branche ruinieren?

BP muss schließlich auch erst das Bohrloch im Golf von Mexiko schließen und erst dann darüber nachdenken, was nun für´s Image des Konzerns zu tun ist.

Zu diesem Artikel
13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 01.07.2010, 14:09 UhrAnonymer Benutzer: Norbert Fuhrmann

    Das "bohrloch" muss schon professionell geschlossen werden, um den Drehtüreffekt zu stoppen. beim Drehtüreffekt kommt es, wie immer, auf das Ergebnis an. Dem "schleckernden" Entleihbetrieb kommt es darauf an, "teure" Mitarbeiter zu entlassen und sie über Zeitarbeit "billiger" zurück zu bekommen. Ob nun konzernintern oder durch andere Anbieter von Zeitarbeit.

    Dabei ist die konzerninterne Variante den "normalen" Zeitarbeitsfirmen ein Dorn im Auge, da ihnen so nur Geschäft entgeht.

    Wer als branchenverband nur den "Konzernverleih" stoppen möchte, scheint nur eine "Umverteilung" von Umsätzen zu wollen.

    Eine Lösung, die ausschließlich auf eine Sperrzeit der Person bezogen ist, wäre ehrlicher.

    Norbert Fuhrmann
    initiative Qualitätssiegel Zeitarbeit

  • 27.06.2010, 23:33 UhrAnonymer Benutzer: Arnd Schumacher

    Das bohrloch "Schein-Zeitarbeit" kann n u r durch den Gesetzgeber geschlossen werden. Die Merkmale der regulären Zeitarbeit 1. Dreiecksverhältnis der Partner, 2.) Arbeiten auf Zeit und das 3.) das Weiterbeschäftigungsrisiko treffen jeweils auf den konzerninternen Verleih nicht zu. Das ist der heißen Nadel der rot-grünen Koalition aus 2002 zu zu schreiben und nicht der Zeitarbeitsbranche. Warum sich die branche nicht besser gegen die Scheinzeitarbeit abgrenzt, verstehe ich nicht. Das ändert aber nichts an der Unbeeinflußbarkeit durch die branche. Auf das Phänomen des konzerninternen Verleihs allerdings. hat der Vorgänger des Verbandes AMP (MVZ) bereits 2003 hingewiesen.

    Arnd Schumacher

  • 21.06.2010, 04:13 UhrAnonymer Benutzer: Mariposa

    Clement und Schröder mussten damals auf die rapide ansteigenden Arbeitslosenzahlen reagieren. Den Kündigungsschutz einfach abzuschaffen konnte und kann sich noch keine deutsche Regierung erlauben. Die Zeitarbeit war ein Vehikel, der Wirtschaft die Möglichkeit zum "Atmen" zu geben, d.h. Menschen zu beschäftigen, wenn man sie braucht und eben dann wieder freizusetzen. Zudem partizipieren sie auch nicht an den betrieblichen Wohltaten der Stammbelegschaft. Da Deutschland im Wesentlichen auf die Exportindustrie setzt, wird diese Entwicklung weitergehen. Alle Großunternehmen setzten ca. alle 4 bis 5 Jahre neue Produktivitäts- und Kostensenkungsprogramme auf, die im Endresultat zum Personalabbau führen. Kapazitätsspitzen werden dann von zeitlich befristeten Arbeitnehmern abgefangen. Schon in wenigen Jahren werden diese Arbeitsverhältnisse die Mehrheit stellen. Dann kann eine Regierung auch an die Abschaffung des Kündigungsschutzes gehen, der ja dann nur noch eine Minderheit betrifft. M.E. sind wir in 10-20 Jahren soweit. Die Sozialsysteme und die bürokratie beruhen dagegen noch auf einem Arbeitnehmerbild, dass nach der Schulausbildung in den beruf eintritt und mit 65 in Rente geht, dabei mit zunehmenden Alter mehr verdient. Dies ist endgültig vorbei. Das Ende der klassischen Karriere ist eingeläutet. Dies trifft auch Leute mit Universitätsstudium. Statt mit mehr Sozialismus sollte man im Gegenteil mit mehr Kapitalismus reagieren. Unternehmensgründungen und Selbständigkeit müssten gefördert, die Sozialsysteme von der Einkommensentwicklung getrennt werden.
    inländische Serviceleistungen müßten wieder bezahlbar werden, durch Entlastung der Löhne von Nebenkosten.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert
Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert

In einer internen Videobotschaft an die HP-Beschäftigten gibt Meg Whitman mehr Details zu dem geplanten Abbau von 27.000...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.