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Zeitarbeit: Potemkinsche Firmen nicht nur bei Schlecker

von Harald Schumacher

Der Schmuh mit der Leiharbeit bei Schlecker ist kein Einzelfall. Auch andere Unternehmen würde eine Gesetzesänderung treffen. Und die Zeitarbeitsbranche wird von ihrem Schmuddelimage eingeholt.

Verkäuferin bei Schlecker Quelle: dpa
Verkäuferin bei Schlecker Quelle: dpa

Kurz und schmerzhaft war die Debatte für Anton Schlecker, dann gab Deutschlands umsatzstärkster und dickköpfigster Drogerieunternehmer nach: Die Konzernzentrale im schwäbischen Ehingen teilte am vergangenen Montag mit, sie werde keine neuen Mitarbeiter mehr über das mit ihr eng verbundene Zeitarbeitsunternehmen Meniar („Menschen in Arbeit“) einstellen.

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Grund für den Kotau waren zwei politische Hiebe, die den Unternehmer offenbar tief trafen. Am Samstag vor Schleckers Kapitulation hatte die WirtschaftsWoche gemeldet, die arbeitsmarktpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP, Karl Schiewerling und Heinrich Kolb, wollten Schleckers Missbrauch der Zeitarbeit per Gesetz unterbinden. Und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte am Sonntag in der ARD-Talkrunde von Anne Will angekündigt, wenn sich die Vorwürfe bestätigten, werde sie „gesetzlich nachsteuern“.

Schlecker-Modell auch bei TUI, der AWO und Gruner+Jahr

Was die Politiker so in Wallung versetzt, droht die Zeitarbeit grundsätzlich in Verruf zu bringen – in jedem Fall aber das Geschäftsmodell jener Unternehmen zu erschüttern, die es dem Drogerieriesen gleichtun. In Pflegeeinrichtungen der Arbeiterwohlfahrt AWO, in privaten wie öffentlichen Krankenhauskonzernen, aber auch unter dem Dach renommierter Unternehmen wie TUI und dem Verlag Gruner+Jahr gibt es Zeitarbeitsfirmen, die noch eindeutiger als Meniar konzerneigen sind. Das Sparmodell ist zumindest ähnlich: Schlecker-Verkäuferinnen, die vorher für 12,70 Euro pro Stunde arbeiteten, verdienen als Meniar-Leihkräfte oft nicht einmal sieben Euro pro Stunde.

Beamte im Arbeitsministerium beginnen nun darüber zu brüten, wie das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geändert werden könnte. Ziel dabei ist, potemkinschen Zeitarbeitsfirmen wie Meniar oder der Personal Service Gesellschaft der AWO Westliches Westfalen, die nur dem Mutterkonzern dienen, die Grundlage zu entziehen.

Die Zeitarbeitsbranche ist nicht schuldlos, dass sie nun wieder von ihrem Schmuddelimage eingeholt wird. Die Großen der Branche – Randstad, Adecco, Manpower und Co. – sehen seit Jahren tatenlos dabei zu, wie ihr verbesserter Ruf von Firmen wie Meniar missbraucht wird. „Das ist nicht so wahrgenommen worden, es gab wichtigere Themen“, sagt Ingrid Hofmann, Chefin des zehntgrößten Personalverleihers in Deutschland, I.K.Hofmann in Nürnberg.

Michael Wehran, Sprecher des Bundesverbands Zeitarbeit, würde das Problem gerne nur an der Quantität messen: Bei den konzerninternen Gesellschaften, relativiert er, gehe es doch nur um einen verschwindend kleinen Anteil der Zeitarbeitsbranche, die krisenbedingt von 800.000 auf 600.000 Mitarbeiter schrumpfte.

Doch halten sich immer mehr Unternehmen – Volkswagen und Deutsche Telekom, Deutsche Bahn und BASF – eigene Zeitarbeitstöchter. Meist dienen die dazu, überzählige Kräfte im Konzern zu vermitteln, aber die Grenzen zum Schlecker-Modell sind nicht immer eindeutig.

175 Verleihunternehmen gezählt

Nach Zählung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, wurden von Mitte 2006 bis Mitte 2008 175 solcher Verleihunternehmen mit gut 30.000 Beschäftigten gegründet. Die Zahlen sind laut IAB „nur eine Näherung“ – sie gehen davon aus, dass Leihunternehmen, die bei der Gründung mehr als 100 Beschäftigte haben, der Ausgliederung von Stammbelegschaften dienen könnten. Die nach Verdi-Informationen 4300 Schlecker-Verkäuferinnen von Meniar sind in den IAB-Zahlen noch nicht erfasst.

„Es ist nicht im Sinne der Zeitarbeit und einfach nicht in Ordnung, wenn Mitarbeiter ihre bisherige Arbeit plötzlich für die Hälfte machen müssen, weil ihr Arbeitgeber sie zum Beispiel aus Gründen der Tarifflucht zu Zeitarbeitskräften erklärt“, sagt die Unternehmerin Hofmann, die auch dem Präsidium der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände angehört: „Das hat etwas mit Würde zu tun.“

Gleichwohl sorgt sie sich, dass in einem politischen Klima, in dem die Rente mit 67 und die Hartz-IV-Regeln infrage gestellt werden, auch noch das Zeitarbeitsgesetz auf den Prüfstand kommt: „Manche wollen einen Uralt-Zustand wieder herstellen. Ich warne davor, das Rad jetzt zehn Jahre zurückzudrehen.“

19 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.02.2010, 08:21 Uhrnachdenker

    Andere Konzerne nehmen dazu noch den bisherigen Zeitarbeitslieferanten die dort unbefristet angestellten Mitarbeiter weg und stecken sie mit befristeten Verträgen in eine eigene Zeitarbeitsbude wie Siemens mit Komptime. So macht man aus 3 Mio. Umsatz in 2007 über 100 Mio.€ in 2008. Auch ein Geschäftsmodell...

  • 02.02.2010, 13:10 Uhrbritta23

    Da kann man sich nur die Augen reiben. Jetzt hat die kommunistische Hetzpropaganda auch die gute alte Wirtschaftswoche ereilt. Es ist zum Haare raufen. Wann endlich werden die Deutschen verstehen, dass Dumpinglöhne, befristete Arbeitsverträge, Minijobs und Zeitarbeit ein Gottegeschenk sind.

    Und wann werden sie endlich aufhören zu glauben, dass man von seiner Hände Arbeit auch nur halbwegs ordentlich leben können sollte. immer diese Anspruchmentalität der Deutschen. So kann das nichts werden mit dem Aufschwung. Und HartziV nennen wir ab sofort: Reichtumsbeschleunigungsgesetz.

  • 22.01.2010, 11:25 UhrZeitarbeit nein danke

    Wie ich weiter unten schon anführte, macht ZA allenfalls bei Projekten Sinn. Dazu müssten Projekte von regulärer Arbeit klar gesetzlich unterschieden werden und einen Stundenlohn von mindestens 10 Euro beinhalten, um zu unterstreichen, dass hier gut ausgebildete Fachkräfte beschäftigt werden.

    Zeitarbeit im Handel wie Schlecker es uns nun vorführte, ist jedoch eine Verhöhnung von Arbeitskräften, die auf Dauer angelegt sind. bittere ironie: Wer zudem noch wenig verdient, wird zwangsläufig auch noch Kunde dieser Ausbeuter. Früher hieß es mal: Wer was leistet, kann sich was leisten. Heute muss es heißen: Wer was leistet, wird über den Leisten gezogen. Und nicht nur er, sondern auch der Staat, der ja so auch weniger Steuern einnimmt. (Was er sich aber auch selbst eingebrockt hat.)

    Fazit: Zeitarbeit darf kein instrument sein, dass die Gesellschaft sozial wie monetär unterläuft. Doch das ist gegenwärtig der Fall.

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