Unternehmer für Verbleib in EU: Die Brexit-Ängste des Mittelstands

Unternehmer für Verbleib in EU: Die Brexit-Ängste des Mittelstands

, aktualisiert 23. Juni 2016, 12:22 Uhr
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John Fearon ist Chairman von Astro Lighting. Der Designlampen-Hersteller hat enge Handelsbeziehungen zur EU.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Die meisten britischen Mittelständler sind gegen einen Austritt aus der EU – selbst wenn sie nicht alles lieben, was aus Brüssel kommt. Auch auf der anderen Seite des Kanals schauen Unternehmer mit Unbehagen auf einen Brexit.

Harlow/Berlin/GummersbachAus den bunt gestylten Kreativbüros blicken die Mitarbeiter von Astro Lighting durch verglaste Wände direkt ins riesige Logistiklager. Dort werden die Designerlampen verladen, die in Harlow entworfen, in China zusammengesetzt und in Hotels auf der ganzen Welt eingebaut werden.

Vor zwei Wochen erst hat Astro Lighting die ultramoderne Zentrale in Harlow, ein Städtchen im Nordosten von London, bezogen. Es ist noch genug Ausbaufläche da. „Wir wachsen jedes Jahr um mehr als 20 Prozent“, erzählt John Fearon beim Rundgang durch die Firmenhallen. Er hat das Unternehmen 1997 mit James Bassant gegründet. In vielen großen Hotelketten wie Hilton, Mercure oder Accor finden sich heute Leuchten von Astro Lighting.

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Für ihre Leistungen im Außenhandel wurden die beiden Unternehmer sogar mit dem Queen‘s Award ausgezeichnet. Denn längst nicht alle Mittelständler in Großbritannien expandieren so kräftig wie der Designlampen-Hersteller.

Astro macht rund die Hälfte seines Umsatzes von zuletzt 20 Millionen Pfund im Ausland. Die Geschäfte in Deutschland und Frankreich florieren. „Wir haben enge Handelsbeziehungen mit Europa“, sagt Fearon. Was erwartet er im Falle eines Brexits? „Dann gehen wir unsicheren Zeiten entgegen mit Tumulten an der Börse. Das wird sicher etliche Jahre dauern, bis sich das wieder beruhigt.“

Trotz dieser Schauerszenarien schaut der Unternehmer einem möglichen Brexit gelassen entgegen: „Keep calm and carry on! Astro ist eine sehr starke Firma, ohne Schulden und sehr profitabel, in dieser Hinsicht sehr deutsch. Selbst in der Finanzkrise sind wir gewachsen.“ In Amerika und Asien sieht Fearon große Marktchancen, sollte der Handel mit der EU erschwert werden. Sorgen macht er sich im Fall eines Brexits allein ums Inlandsgeschäft. „Da spüren wir jetzt schon eine Zurückhaltung bei den Bestellungen.“

Brüssel ist viel zu autoritär

„Wäre ich jünger, würde ich als Unternehmer sogar einen Brexit befürworten“, räumt der Mittsechziger ein. Denn die Briten seien wirtschaftlich stark und viel geschickter im Aushandeln günstiger Handelsverträge als der Koloss EU. „Briten sind ein rebellisches Volk, wir wollen zu nichts gezwungen werden. Brüssel ist – gerade auch für uns Unternehmern – viel zu autoritär.“

So wie John Fearon sind auch die britischen Unternehmen insgesamt in Sachen EU gespalten. Die CEOs von 36 der größten 100 Konzerne des Landes schrieben im Mai einen offenen Brief, in dem sie bei den Briten für die EU warben. Aber auch die Vote Leave-Kampagne hat Unternehmer für sich gewinnen können. 250 Manager britischer Firmen haben sich offen zu einem Brexit bekannt – dazu zählen Inselpromis wie der Hotelier Rocco Forte oder der Gründer von Phones 4u, John Caudwell.

Matthew Elliot, Anführer der Vote-Leave-Bewegung, betont: „Die EU mag gut sein für große multinationale Konzerne. Aber für kleinere Unternehmen ist sie durch ihre Regularien nichts als eine Jobvernichtungsmaschine.“

Die meisten britischen Mittelständler sehen das anders. Sie wissen, dass sie viele Arbeitsplätze dem EU-Binnenmarkt und der Freizügigkeit zu verdanken haben. SNG Barratt zum Beispiel aus Shropshire, ein Zulieferer von Jaguar. Das Familienunternehmen baut diverse Teile – von Türgriffen bis zu Stoßstangen. Das Unternehmen hat Werke in Frankreich und den Niederlanden. „Die Hälfte unserer Handelsgeschäfte wickeln wir mit EU-Ländern ab“, betont das Unternehmen. „Außerdem profitieren wir stark vom freien Austausch unserer Mitarbeiter innerhalb Europas.“ Das alles wäre nach einem Brexit deutlich schwieriger.


Deutsche Unternehmer befürchten „Buy-British“-Welle

Auch auf der anderen Seite des Kanals schauen Mittelständler mit Unbehagen dem EU-Referendum entgegen. Hermann Bühlbecker, Alleininhaber der Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz, hält nichts von einem Brexit. „Ich komme aus Aachen, einer Stadt im Herzen Europas, habe Kontakte zum britischen Königshaus“, erzählt der Printenkönig. „Das Schlimme an einem Brexit ist die Unsicherheit. Wenn einer der Großen austritt, ist das ein Schaden für das Ganze.“

Für das Unternehmen Lambertz sieht Bühlbecker zwei Gefahren: Einerseits das Beschaffungsrisiko auf der Währungsseite. Bühlbecker ist Honorarkonsul der Elfenbeinküste, dem größten Kakao-Anbauland der Welt: „Das britische Pfund spielt auf dem Kakaomarkt eine große Rolle. Keiner weiß: Wird das Pfund abgewertet? Und welche Auswirkungen hätte das auf viele Rohstoffmärkte?“

Andererseits beliefert Lambertz alle großen britischen Ketten und deutschen Discounter auf der Insel mit Gebäck. Womöglich führe ein Brexit zu einer „Buy-British“-Mentalität oder sogar zu einer Rezession wie in Russland, so dass die Verbraucher weniger kauften, sorgt sich Bühlbecker.

Tatsache ist: 38 Prozent der Firmen des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland befürchten bei einem Brexit negative Auswirkungen auf ihr Geschäft. Keine Folgen erwarten hingegen knapp 61 Prozent, positive Auswirkungen gerade einmal ein Prozent, so das Ifo-Institut zu seiner Umfrage unter knapp 1500 Betrieben.

Auch deutsche Dienstleister machen sich Sorgen. Bis nach Gummersbach wirft ein drohender Brexit seine Schatten voraus. Frank Ferchau, geschäftsführender Gesellschafter der dortigen Ferchau Engineering, meint: „Ein Brexit wäre schlecht für uns als in Europa tätiger Ingenieurdienstleister. Es ist jetzt schon schwierig mit dem Währungsrisiko, das am Pfund hängt.“ Ein Brexit aber würde die grenzüberschreitenden Geschäfte noch deutlich komplizierter machen. Mit Top-IT hat die Gruppe eine Niederlassung in London. Die Luftfahrtabteilung, die für Airbus tätig ist, hat Standorte in Bournemouth und Bristol.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum sich die Briten von der sicherlich nicht perfekten Idee eines vereinten Europas verabschieden wollen – allein aus Trotz.“ Nicht nur Mittelständler Ferchau ist überzeugt: Ein Brexit würde vor allem den Briten selbst wirtschaftliche Nachteile bringen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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