US-Politik historisch: Derbe Rhetorik gab es auch schon vor Trump

US-Politik historisch: Derbe Rhetorik gab es auch schon vor Trump

, aktualisiert 07. März 2016, 18:35 Uhr
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Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump: Macht und Potenz.

Quelle:Handelsblatt Online

„Bastardbengel“ und „Huren zum Abzapfen“ – diese Worte stammen nicht von Donald Trump, sondern von den Gründervätern der USA. Das zeigt: Auch schon vor dem diesjährigen US-Wahlkampf wurde manchmal heftig ausgeteilt.

WashingtonSexuell gefärbte Zweideutigkeiten, Schmähungen, Schadenfreude: Die jüngsten Entgleisungen im US-Wahlkampf sind ein Tiefpunkt der politischen Kultur der Vereinigten Staaten. Könnte man meinen. Doch der Blick auf die US-Geschichte der politischen Auseinandersetzung belehrt eines Besseren. Schon die Gründerväter waren für derbe Sprüche bekannt. Und das nicht zu knapp.

Im 18. Jahrhundert nannte John Adams, der zweite Präsident der USA, seinen Gründervaterkollegen Alexander Hamilton einen „Bastardbengel.“ Dieser habe „einen Überfluss an Sekreten, für die er nie genug Huren zum Abzapfen finden“ könne, schrieb Adams laut dem Historiker Ron Chernow. Einen Unterschied zwischen damals und heute gibt es aber doch: „Das waren Worte, die im Privaten geschrieben oder gesprochen wurden, nicht in der Öffentlichkeit“, sagt der Wissenschaftler. Die ordinären Äußerungen wurden immerhin in Briefen überliefert, die die Jahrhunderte überdauerten.

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Wenig zimperlich gingen seine Gegner auch mit dem Demokraten Grover Cleveland um, der von 1885 bis 1889 und noch mal zwischen 1893 und 1897 im Weißen regierte. Als um die 1880er Jahre Gerüchte über dessen uneheliches Kind die Runde machten, wurden die Republikaner kreativ: „Mama, Mama, wo ist Papa?“, lautete ein Spottlied-Titel aus ihrer Feder. Als Cleveland dann Präsident wurde, kam die Antwort hinzu: „Ins Weiße Haus gegangen, ha ha ha!“

Die amerikanische Politik früherer Zeiten sei voll solch gemeiner Einlassungen gewesen, weiß Arnold Shober von der Lawrence University in Appleton im Staat Wisconsin. „Das haben wir in den vergangenen 70 Jahren irgendwie verloren, und ich denke, es kommt gerade wieder zurück.“


Ein Treffer in die „Cojones“

Was aber nicht heißt, dass Politiker des 20. Jahrhunderts die Unschuld vom Lande gewesen wären. Man denke etwa an Ex-Präsident Bill Clinton, der sich einst zweideutig über die Innendekoration seines Kleintransporters aus den 70er Jahren ausließ: „Ich hatte Kunstrasen auf dem Rücksitz. Sie wollen nicht wissen warum, aber so war es.“

Auch Clintons Außenministerin Madeleine Albright verstand sich auf den Dirty Talk. Als Kuba ein von kubanisch-amerikanischen Exilanten gesteuerte Zivilflugzeug abschießen ließ und der verantwortliche Kampfpilot die Aktion als Treffer in die „Cojones“ (spanisch für Hoden/Eier) abfeierte, sagte die Chefdiplomatin unverblümt: „Das ist nicht 'Cojones'. Das ist Feigheit.“

Doch zurück zum Präsidentschaftsrennen der Republikaner. Jüngst sagte Bewerber Marco Rubio über seinen Rivalen Trump: „Und ihr wisst, was sie über Männer mit kleinen Händen sagen.“ Das wurde prompt als Hinweis auf ein anderes, eher privates Körperteil verstanden – auch vom derart Geschmähten, der in der TV-Debatte am Donnerstag mit zurückschoss: „Wenn sie klein sind, muss ja etwas anderes klein sein. Ich garantiere euch, da gibt es kein Problem.“ Quasi zum Beweis präsentierte Trump dem Publikum stolz seine Handinnenflächen. Seinen Widersacher bezeichnete der Immobilienmogul zuletzt immer wieder als „kleinen Marco.“

Sexualtherapeutin Judy Kuriansky hat eine Erklärung für dieses Verhalten parat. Derart sexualisierte Gespräche zwischen Männern „sind ihre Art, um sich zu vergleichen und ihren Einfluss und ihre Macht übereinander zu bewerten“. Sicherlich sei darauf auch bei der Debatte angespielt worden. „Alles bezieht sich auf Potenz und Macht in direktem Zusammenhang mit der Größe“, sagt Kuriansky. „Ich bin größer als du und mein Penis ist größer als deiner und deshalb bin ich mächtiger als du.“


„Es gibt zu viel politische Korrektheit“

Doch was denken die Wähler? Jene, die Trump mögen, sehen es ihm nach. „Es gibt zu viel politische Korrektheit“, sagt etwa Trump-Anhängerin Carol Ebright bei einer Kundgebung des Polit-Seiteneinsteigers in Michigan. Ihr sei es wichtiger, dass Dinge angepackt würden und nicht die Frage: „Habt ihr eben gehört, was er gesagt hat?“.

Die Abgeneigten sind allerdings angewidert von Trump. Amy Woody, eine nach eigener Darstellung moderat-liberale Wählerin aus dem Osten Tennessees, hält dessen Rhetorik für „völlig daneben.“ Dabei habe sie ein sehr dickes Fell, habe sie doch 16 Jahre bei der US-Luftwaffe in Staffeln mit einem Frauenanteil von weniger als 20 Prozent gedient. Dort seien wahrscheinlich viel unanständigere Witze gerissen worden als bei herkömmlichen Jobs. Doch erwarte sie in einem Wahlkampf vor allem bei Präsidentschaftskandidaten „zumindest eine Spur von Klasse und Würde“.

Ob daneben oder nicht, eines scheint klar: Trumps Bemerkungen stehen wohl nicht für einen großen Sündenfall im Betragen. Schon seit Jahrhunderten gibt es politische Schlammschlachten, die Toleranz für Vulgäres dürfte mit der Zeit eher gewachsen sein. Mit Blick auf Trump zieht Andrew Ricci von der Washingtoner PR-Agentur Levick sogar eine Parallele zum Entertainment. „Politik hat sich im Wesentlichen zu einer Reality-TV-Show entwickelt, und deswegen kann Trump das so geschickt für sich nutzen: Er versteht das Format. Darauf hat er seine Kampagne aufgebaut.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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