US-Politologe John Mearsheimer: „Der Brexit wäre keine Gefahr für den Frieden“

US-Politologe John Mearsheimer: „Der Brexit wäre keine Gefahr für den Frieden“

, aktualisiert 23. Juni 2016, 14:48 Uhr
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John Mearsheimer wurde 1947 in Brooklyn geboren. Er studierte an der Militärakademie West Point und zählt zu den bedeutendsten Theoretikern der internationalen Politik. Heute lehrt er in Chicago und schaltet sich immer wieder in politische Debatten ein. Er war ein scharfer Kritiker der Irak-Invasion und der Osterweiterung der Nato.

von Moritz KochQuelle:Handelsblatt Online

Der US-Politologe John Mearsheimer ist für seine pointierten Aussagen bekannt. Im Interview erklärt er, warum ihm der mögliche Brexit weniger Sorgen bereitet als die Militärmanöver der Nato in Osteuropa.

John Mearsheimer ist einer der führenden Experten für internationale Beziehungen in den USA. Der Professor von der Chicago University hat sich als Querdenker und scharfer Kritiker der amerikanischen Außenpolitik einen Namen gemacht. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über den drohenden Brexit, Säbelrassel in Osteuropa und Donald Trump.

Die Angst vor dem Brexit hält Europa in Atem, heute stimmen die Briten ab. Premier David Cameron fürchtet nicht nur um Wachstum und Arbeitsplätze, sondern um auch Frieden und Stabilität. Zurecht?
Nein, Stabilitätsgarant in Europa ist die Nato, nicht die EU. Der Brexit würde wirtschaftlichen Schaden anrichten, in Europa und auch in den USA. Aber er wäre nicht das Ende der Nato und damit keine Gefahr für den Frieden. 

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Europäer können mit dieser Sichtweise wenig anfangen. Sie begreifen die EU als Friedensprojekt.
Erinnern Sie sich daran, dass die EU 2012 den Friedensnobelpreis gewonnen hat? Was für ein Fehler! Der Preis hätte an die Nato gehen müssen. Die EU hat mit dem Frieden in Europa wenig zu tun.

Wie besorgt sind Sie über das Wiederaufflammen des Nationalismus in vielen Länder?
Der Nationalismus erhöht das Risiko, dass rechtsextreme Parteien an die Macht kommen. Die jüngsten Entwicklungen in Ungarn und Polen sind besorgniserregend. Die liberale Demokratie, zweifellos die beste Staatsform, ist vielerorts in Bedrängnis geraten.

Sie sagen, der Brexit würde wirtschaftlichen Schaden anrichten. Bedeutet eine wirtschaftlich schwächere EU nicht auch ein weniger schlagkräftiges Europa?
Nein. Hauptgrund für die Stabilität ist die Präsenz von amerikanischen Truppen in Europa. Solange das US-Militär auf dem Kontinent stationiert bleibt, wird es unter den europäischen Mächten kein Wettstreben um Sicherheit geben. Darum stellt auch niemand die Truppenpräsenz der Amerikaner in Frage. Deutschland muss seine eigene Sicherheit nicht gewährleisten, das übernehmen die USA. Übrigens: Auch Russland schätzt dieses Arrangement. Als der Kalte Krieg vorbei war und die Sowjetunion zerbrach, wollte Moskau nicht, dass die Amerikaner Europa verlassen oder dass die Nato aufgelöst wird. Die Russen verstanden die Rolle der USA als Sicherheitsgarant.

Die Nato hält derzeit Militärmanöver im Osten ab. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisiert Säbelrasseln und Kriegsgeheul.
Er liegt absolut richtig. Es ist töricht, dass die Nato Truppenübungen im Osten abhält. Die Russen fassen das verständlicherweise als Drohgebärde auf. Der Westen, speziell Washington, trägt die Hauptverantwortung für die Krise in den Beziehungen zu Russland und für den Konflikt in der Ukraine. Und was der Westen jetzt tut: er verdoppelt den Einsatz, verschlimmert die Krise. Die Nato schafft die Bedingungen dafür, dass es noch schwieriger wird, mit Russland zurechtzukommen. Und noch wichtiger: Russland wird die Ukraine weiter destabilisieren, die ukrainische Wirtschaft weiter zerstören, um sicherzugehen, dass sich Kiew nicht auch noch dem Westen anschließt.

Es waren Russen, die in die Ukraine einmarschiert sind, die Krim besetzt und im Osten des Landes einen Bürgerkrieg entfacht haben – nicht der Westen. Warum soll der Westen für die Krise verantwortlich sein?
Die Ursünde war die Osterweiterung der Nato. Die Russen wollten nicht, dass die Nato sich auflöst, aber sie wollten auch nicht, dass die Nato weiter an sie heranrückt. Doch eben das ist geschehen. 2008 erklärte die Nato auf dem Bukarest-Gipfel, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder der Allianz werden würden. Es ist kein Unfall, dass es danach Krieg in Georgien und Krieg in der Ukraine gab. Die Russen haben unmissverständlich klargestellt, dass sie die Ukraine eher zerstören würden, als das Land dem Westen beitreten zu lassen. Und das tun sie jetzt. Die Ukraine zahlt den Preis für die törichte Politik des Westens.


„Großmächte verhalten sich paranoid, wenn es um ihre Grenzen geht“

Es gilt der Grundsatz der Selbstbestimmung. Warum sollte die Nato Länder ablehnen, die ihren Schutz suchen?
Weil es nicht in ihrem Interesse ist. Wenn jemand sagt, spring von der Brücke, würden Sie dann springen? Natürlich nicht. Es ist nicht in Ihrem Interesse. Die Frage für den Westen sollte nicht sein, was im Interesse Georgiens oder der Ukraine ist, sondern, was im Interesse des Westens ist. Ein Konflikt mit Russland ist es sicher nicht.

Könnte es zum Krieg zwischen Russland und der Nato kommen?
Es ist unwahrscheinlich, aber möglich. Ich studiere die Beziehungen von Großmächten seit 40 Jahren und eine zentrale Erkenntnis ist: Großmächte verhalten sich paranoid, wenn es um ihre Grenzen geht. Wenn die Allianz, die Russland im Kalten Krieg besiegt hat, immer näher an die russische Grenze heranrückt, fühlt Moskau sich bedroht. Angesichts des russischen Nukleararsenals ist dies das Letzte, was wir tun sollten. Ich sehe keinen Grund, die Russen derart zu provozieren.

Die meisten Sicherheitsexperten argumentieren völlig anders: Russland verhalte sich aggressiv. Die Nato müsse dagegenhalten, um es nicht noch weiter zu ermutigen.
Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich Russland aggressiv verhalten hat, bevor es in der Ukraine zum pro-westlichen Coup kam. Was Wladimir Putin getan hat, war weitgehend reaktiv. Er reagierte auf den Westen, nicht der Westen auf ihn.

Sie sind einer der prominentesten Kritiker des außenpolitischen Mainstreams in den USA. Nun gibt es einen Präsidentschaftskandidaten, der einen radikalen Kurswechsel verspricht: Donald Trump. Was halten Sie von seinen Ideen?
Es ist schwer heraufzufinden, was seine außenpolitischen Positionen überhaupt sind. Er widerspricht sich häufig. Wenn man sich seine Reden anhört, werden aber zwei Dinge klar. Erstens, er ist der Ansicht, dass die interventionalistische Politik der USA gescheitert ist, dass die Vereinigten Staaten einen Scherbenhaufen im Nahen Osten hinterlassen haben. Zweitens, er will die Alliierten der USA in Europa und in Asien zwingen, mehr für ihre eigene Sicherheit zu leisten. Für beide Positionen gibt es erheblichen Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung. Sie decken sich sogar in Teilen mit der Politik von Barack Obama. Insgesamt aber bleibt Trump zu vage. Wir wissen nicht einmal, wer seine außenpolitischen Berater sind. Das ist einer der Gründe, warum ich auch glaube, dass er nicht Präsident wird. Wer Präsident werden will, braucht ein klares außenpolitisches Konzept.

Quelle:  Handelsblatt Online
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