US-Präsidentschaftswahl: Kohlearbeiter hoffen auf Trumps Hilfe

US-Präsidentschaftswahl: Kohlearbeiter hoffen auf Trumps Hilfe

, aktualisiert 22. November 2016, 17:45 Uhr
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Die Kohlearbeiter von West Virginia erwartet Großes von Donald Trump.

Quelle:Handelsblatt Online

Unter den Kohlearbeitern in West Virginia keimt Hoffnung angesichts des Wahlsieges von Donald Trump. Doch an eine Rückkehr der guten alten Zeiten glaubt hier niemand mehr.

WilliamsonDas Kohlerevier von West Virginia erwartet Großes von Donald Trump. Der künftige US-Präsident steht wegen eines Wahlkampfversprechens bei den Kumpeln in der Pflicht: Er hatte gelobt, die Bergbauindustrie der Appalachen wiederbeleben.

Dass ihm das vollständig gelingt, glauben weder Ökonomen noch ehemalige Bergleute – noch nicht einmal solche, die seit neuestem wieder Arbeit haben. Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren schöpfen manche in den vergessenen Bergbaustädtchen Hoffnung.

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Für die meisten war Trump die einzige Option. Schließlich versprach er, das Kohlemoratorium von Präsident Barack Obama rückgängig zu machen und nannte dessen Bergbau-Politik „lächerlich“. In Charleston betonte er vor Bergleuten: „Wir werden uns darum kümmern, dass ihr jahrelang schrecklich behandelt wurdet.“ West Virginia stimmte am 8. November mehrheitlich für Trump, den Bergbau-Milliardär und Demokraten Jim Justice machten die Wähler zum Gouverneur.

Schlecht behandelt fühlte sich etwa Roger Prater. 20 Monate lang war er ohne Arbeit. „Ich habe mein Haus verloren, mein Fahrzeug, alles“, sagt er. Kurz vor der Wahl wurde er mit einigen anderen wieder eingestellt, nun soll er wieder unter Tage fahren. Zwar ist der 31-Jährige noch jung genug, wieder neu anzufangen, doch nur vorsichtig optimistisch: „Während Trumps Amtszeit wird es uns wohl gut gehen, doch danach – wer weiß?“

Auch Branchenexperten sind skeptisch: Ein potenzieller Aufschwung im Bergbausektor würde sich weiter im Westen abspielen und nicht in den Kohlefeldern von Kentucky und West Virginia im Osten. Und die besten Zeiten sind ohnehin vorbei: 2015 gab es in den USA nur noch rund 66.000 Jobs im Bergbau - der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik 1978. Seit dem Höhepunkt 2008 gingen 20.000 Stellen verloren, nach vorläufigen Zahlen in diesem Jahr noch einmal 10.000 Jobs.

„Ich glaube an den Kerl“

Am ehesten werden noch die Bergwerke im Westen von Trump profitieren: In Wyoming, Montana, Colorado und Utah liegen riesige Kohlereserven auf Staatsgebiet. Dave Bettcher ist Betriebsleiter bei Wolf Mountain Coal nahe Decker in Montana. „Ich glaube an den Kerl“, sagt er über Trump, während ein Förderband Kohle in einen Lastwagen schiebt. „Wenn er sein Versprechen halten kann, wird er vielen Leuten helfen.“ Acht Jahre Anti-Kohle-Politik in Washington hätten die Branche in schwere Nöte gebracht.

Im Januar belegte die Obama-Regierung – teils wegen der Erderwärmung – neue Leasingverträge mit einem Moratorium, während das staatliche Kohleprogramm drei Jahre lang überprüft werden sollte. Trump schwor, das Moratorium aufzuheben, was riesige Kohlereserven zugänglich machen könnte.

Ihre Verbrennung würde nach Einschätzung der US-Umweltschutzbehörde EPA 3,4 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen, was dem jährlichen Schadstoffausstoß von 700 Millionen Autos entspräche. Trump versprach außerdem, Obamas Clean Power Plan zu kippen – Emissionsbeschränkungen, die den Einsatz von Kohle für Energieversorger teurer machen würden.


Sieben Entlassungswellen in acht Jahren

Kohleexperte Andy Roberts von Wood Mackenzie betont, dies alles werde gegenüber Erdgas und erneuerbaren Energien „die Wettbewerbsbedingungen für Kohle wieder ausgleichen“. Gleichzeitig prophezeien Führungskräfte der Branche, der Druck zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes werde anhalten.

„Man kann nicht einfach sagen: ,Wir werden uns von diesen Vorschriften befreien, und ihr könnt Party machen, bis die nächste Regierung kommt“, warnt Richard Reavey, Vizepräsident von Cloud Peak Energy. „Weltweit bestehen ernsthafte Sorgen über klimaschädliche Emissionen. Wir müssen respektieren, dass dies eine politische Realität ist und innerhalb dieses Rahmens arbeiten.“

Mary Ann Hitt ist Direktorin der Anti-Kohle-Kampagne der US-Naturschutzorganisation Sierra Club und betont, die Betreiber von mehr als 200 Kohlekraftwerken - fast die Hälfte der USA - planten deren Stilllegung bis 2025. Mit der zunehmenden Kosteneffizienz von Wind- und Sonnenenergie sowie Erdgas als billiger Alternative sei es unwahrscheinlich, dass sich dieser Trend umkehre. Vorsicht sei trotzdem geboten, warnt Hitt: „Die Kohleindustrie wird Freunde in hohen Positionen haben.“

Bergwerksbetreiber Justice öffnete in West Virginia im November wieder vier seiner Minen und versprach 375 Jobs, bevor er zum Gouverneur gewählt wurde. Dort wird Hüttenkohle zur Stahlherstellung produziert, dessen Preis wegen der sinkenden Produktion in China steil anstieg. Im Wahlkampf räumte Justice jedoch ein, Kohle sei ein hartes Geschäft - 2015 gab es nur noch rund 15.000 Bergbaujobs in West Virginia, 7000 weniger als 2008. Am Samstag debattierte er nach eigenen Angaben mit Trump über Arbeitsplätze im Bergbau - ohne danach nähere Angaben zu machen.

Vorsichtiger Optimismus

Williamson ist eines der verlassenen Städtchen im Rostgürtel des Nordens mit geschlossenen Fabriken und leeren Schaufenstern. Auf der Brücke über den Fluss Tug Fork bittet ein Mann auf einem Schild um Hilfe. Greg Blankenship aus Kentucky verlor 2009 seinen 50.000-Dollar-Job im Bergbau und erhielt Monate später einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz. Sein Vater konnte von seiner Arbeit als Bergmann gut leben und zog drei Kinder groß. Mit 44 setzt Blankenship seine Hoffnungen nun in Trump. Gleichzeitig weiß er jedoch, „dass der Präsident nicht alles kann“.

Dieser Meinung ist auch der Wirtschaftsexperte John Deskins von der Universität von West Virginia. Trump habe keinen Einfluss auf die Mechanismen niedriger Erdgaspreise oder das langsamere globale Wachstum, betont Deskins. Zwar werde er gewissen Einfluss auf Umweltgesetze haben, doch in welchem Maße, das sei bisher unklar.

Gary Chapman ist vorsichtig optimistisch. Der 25-Jährige überstand sieben Entlassungswellen in fast acht Jahren, war auf Kurzarbeit und arbeitete Tage vor der Wahl wieder fünf bis sechs Schichten pro Woche. „Ich denke, dass Vieles wieder besser wird“, sagt er. Aber dass im Bergbau wieder goldene Zeiten anbrechen, glaubt auch er nicht: „Nein. So wird es nie wieder.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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