US-Wahl: Donald Trump – ein Fall für den Psychiater?

US-Wahl: Donald Trump – ein Fall für den Psychiater?

, aktualisiert 12. August 2016, 14:28 Uhr
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Ist dieser Mann zurechnungsfähig? Daran zweifeln viele.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Präsidentschaftskandidat soll sich einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen. Dafür macht sich eine US-Abgeordnete mittels einer Petition stark. Amerikas Psychiater müssen dagegen zu Donald Trump schweigen.

WashingtonEin Narzisst, ein Soziopath ohne Selbstkontrolle und ohne Mitgefühl: So mancher Amateur-Psychologe ist sich in der Beurteilung des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump sehr sicher. Von den ausgebildeten Psychologen sind jedoch kaum Kommentare zu hören. Und das hat seinen Grund: Der amerikanische Berufsverband hat seinen Mitgliedern verboten, öffentlich Diagnosen über Menschen anzustellen, die sie nie untersucht haben.

In den sozialen Medien und den Meinungsseiten der Zeitungen häuft sich in den vergangenen Tagen die Küchenpsychologie. Zuletzt ging es darum, dass Trump am Dienstag indirekt zur Waffengewalt gegen seine demokratische Rivalin Hillary Clinton aufgerufen hatte. Nicht nur Trumps politische Gegner waren entsetzt. US-Präsident Barack Obama hat den republikanischen Kandidaten als ungeeignet für das Amt bezeichnet und eine demokratische Kongressabgeordnete startete eine Petition, mit der Trump gezwungen werden soll, sich einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen.

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Die Mitglieder des Verbands Amerikanische Psychiater unterliegen einer 43 Jahre alten Anordnung, der sogenannten Goldwater Rule, benannt nach dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten von 1964, Barry Goldwater. Wer gegen die Regel verstößt, kann vom Verband abgemahnt und schließlich ausgeschlossen werden.

In der aktuellen politischen Lage sagen jedoch manche Mitglieder, sie fühlten sich verpflichtet, öffentlich über ihre Sorgen angesichts des Kandidaten zu sprechen. Andere wiederum betrachten solche Analysen über Trump als gefährlich und befürchten, dass falsche Schlüsse gezogen werden. Die Nachrichtenagentur AP sprach mit elf Psychiatern und Psychologen, die sich uneins darüber waren, ob die geistige Gesundheit Trumps öffentlich diskutiert werden sollte.

Die Analyse eines Patienten, ohne ihn getroffen zu haben und ohne seine Krankheitsgeschichte zu kennen, „wird wahrscheinlich falsch sein, wird der Person wahrscheinlich schaden und ihn wahrscheinlich davon abhalten, sich psychiatrische Hilfe zu suchen“, erklärt Paul Appelbaum von der Columbia University, der in der Vergangenheit Präsident des Verbands war. Psychiater sollten so etwas darum auf keinen Fall tun. Der Verband veröffentlichte in diesem Monat sogar eine Warnung auf seiner Webseite, dass die Mitglieder keinesfalls Kandidaten analysieren sollten. „Das wäre unethisch und unverantwortlich“, hieß es.

Einige wenige Experten äußern sich dennoch öffentlich zu Trump und bemühen sich, den schmalen Grat zwischen einer Diagnose und der simplen Beschreibung seiner öffentlichen Äußerungen nicht zu überschreiten. Einer von ihnen ist Jerome Kroll von der Universität von Minnesota. Er ist Co-Autor eines akademischen Kommentars, in dem die Abschaffung der Goldwater Rule gefordert wird. „Ich bin ein Bürger. Wenn ich etwas sage, dann ist das vielleicht dumm. Was ich sage, ist vielleicht peinlich für die Psychologie, aber es ist nicht unethisch“, sagt Kroll. Er denke, dass Trump der Beschreibung eines „Narzissten“ sehr nahe komme. „Ich glaube, das würde ihn disqualifizieren. Ich breche damit jetzt gerade die Goldwater-Regel.“


„Ich denke, er ist gefährlich und sprunghaft“

Das Wahlkampf-Team von Trump wollte diese Aussage nicht kommentieren. Der republikanische Kandidat und seine Anhänger haben Clinton als gestört und unausgeglichen bezeichnet. Amateur-Psychologen beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, warum Clinton sich nach Affären ihres Mannes Bill nicht von ihm trennte. In den Interviews sprach keiner der Psychologen ihre geistige Gesundheit an.

Katherine Nordal, bei der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft verantwortlich für den Bereich berufliche Praxis, betrachtet es ebenfalls als unangemessen, wenn Psychologen Diagnosen über Menschen anstellen, die sie nie untersucht haben. „Mit Diagnosen um sich zu werfen, ist eine gefährliche Sache“, erklärt sie.

Eine Gruppe von Fachleuten warnte dennoch in einer Petition, die von mehr als 2.000 Therapeuten unterzeichnet wurde, vor den Gefahren von Trumps Ideologie. Sie stellten keine Diagnose, sondern konzentrierten sich auf die Aussagen und Auftritte des Kandidaten. Trump normalisiere mit seiner Rhetorik, was nicht normal sei, „die Tendenz, andere in unserem Leben für unsere persönlichen Ängste und Unsicherheiten verantwortlich zu machen“, hieß es.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, gekennzeichnet von einem übersteigerten Selbstwertgefühl, einem starken Bedürfnis nach Bewunderung und fehlendem Mitgefühl für andere, ist nach Ansicht von Experten eher ein Verhaltensmuster als eine psychische Krankheit, wie zum Beispiel Schizophrenie.

Einige Psychologen und Psychiater betrachten es als ihre Pflicht, die Öffentlichkeit vor einer nahenden Gefahr zu warnen. „Wir erkennen ein möglicherweise gefährliches Verhaltensmuster und wenn ein Mediziner davor warnen will, dann soll er das auch tun dürfen“, sagt Claire Pouncy, Präsidentin des Verbands zur Förderung von Philosophie und Psychologie und Co-Autorin Krolls in der Kritik an der Goldwater-Regel. „Ich denke, er ist gefährlich und sprunghaft, aber man muss kein Psychologe sein, um das zu sehen.“

Goldwater war ein ultrakonservativer Kandidat. Eine Zeitschrift schickte damals einen Fragebogen an Tausende Mitglieder des Verbands Amerikanischer Psychiater und fragte sie nach ihrer Meinung zu Goldwater. Mehr als 1.000 antworteten und beschrieben den Kandidaten als paranoid und gefährlich. Goldwater verklagte damals die Zeitschrift und gewann vor Gericht.

1973 gab der Verband die Goldwater-Regel heraus. Mit Alan Stone stimmte ein einziges Mitglied im Vorstand gegen die Vorgabe. „Ich glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung“, erklärt er. „Wenn Psychologen sich lächerlich machen wollen, dann haben sie das Recht dazu.“ Stone traf Goldwater später. „Er war ein sehr ausgeglichener Mensch. Die Psychiater haben damals politisch gedacht. Wir waren gegen Goldwater.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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