US-Wahlen: Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington

US-Wahlen: Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington

, aktualisiert 02. November 2016, 01:38 Uhr
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„Ich bin kein Politiker und will mich auch nicht so bezeichnen.”

von Vera MünchQuelle:Handelsblatt Online

Neben dem Präsidenten wird am 8. November auch ein Teil des US-Kongresses gewählt. Auf einen Platz hofft Dimitri Cherny. Er war IT-Manager, verlor 2008 alles und wurde obdachlos. Dann machte er sich auf eine große Reise.

CharlestonEin undefinierbares Fahrradkonstrukt rollt auf den Schotterparkplatz der lokalen Brauerei Holy City Brewing im Norden von Charleston, South Carolina. Halb Boot, halb Fahrrad. Die Besucher auf der Terrasse der Brauereibar schauen interessiert und neugierig. Im Sattel: Dimitri Cherny, einer der wohl ungewöhnlichsten Politiker in den USA.

Die Ärmel seines durchschwitzten Hemds sind hochgekrempelt, auf dem Unterarm zeigt sich ein Tattoo von Bernie Sanders, dem unterlegenen Parteirivalen von Hillary Clinton. Cherny steigt ab und gesellt sich unter die Menschen. Die scharen sich interessiert um ihn, um mehr über den Mann mit der Tropenmütze und der blauen Krawatte zu erfahren. Cherny schüttelt viele Hände, hört zu und beantwortet Fragen. Manche rollen die Augen, drehen sich wieder weg, doch die meisten bleiben stehen und hören seine Geschichte.

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Der 56-Jährige ist Wahl-Obdachloser und fährt derzeit mit seinem selbstgebastelten Fahrradboot durch South Carolina. Er verbindet damit seine politische Kampagne mit seiner Leidenschaft fürs Tüfteln, Radeln und Segeln. Er übernachtet bei Freunden und Bekannten auf der Couch. Nach wie vor kann er sich keine Wohnung leisten. Natürlich könne Cherny einen Job auf Mindestlohnbasis annehmen und sich eine kleine Wohnung mieten. Doch er möchte etwas verändern in den Vereinigten Staaten. Und so fließt all seine Energie und seine finanziellen Mittel in seine persönliche Kampagne.

Auf seiner Fahrradtour vom 29. Juni bis 30. September durch den Bundesstaat an der Ostküste hat er rund 1700 Kilometer zurückgelegt. So wollte er mit möglichst vielen Leuten in Austausch kommen und erfahren, was dem Durchschnittsamerikaner wirklich wichtig ist. Denn das sei es, was ihm in seinem Heimatland fehle, sagt er: Eine Stimme, die fürs Volk spricht und dessen Interessen durchsetzt. „Es wird Zeit, dass das amerikanische Volk wieder gehört wird. Während meiner Tour wurde mir klar, dass Wähler von Demokraten und von Republikanern im Grundsatz das Gleiche wollen“, so der selbsternannte progressive Demokrat. „Es wird Zeit, dass wir die Barrieren im Kopf, die durch die politischen Labels entstanden sind, abbauen.”

Cherny ist Ingenieur und arbeitete als Projektmanager im Bereich Computeranimation. Einst riss er 50 Stunden pro Woche ab, verdiente sehr viel Geld und konnte sich alles leisten, was er sich wünschte. Er lebte den Amerikanischen Traum. Im Jahr 2008 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Patent für ein Windenergiesystem. Was vielversprechend begann, fand jedoch sein jähes Ende in der Wirtschaftskrise. Cherny verlor alles, inklusive seinem Dach über dem Kopf. Aus der Not heraus nahm er einen Job als Lastwagenfahrer an.


„Ich bin ein ganz normaler Typ, der etwas verändern will“

Heute sieht Cherny diese Zeit als wertvollste Erfahrung seines Lebens. „Ich lernte, dass man in diesem Land über Nacht alles verlieren kann. Es gibt keine Sicherheit”, sagt er. Mit dem Lkw fuhr er durch 47 Staaten und entdeckte ein Amerika, von dem er nicht wusste, dass es überhaupt existierte. Er traf viele Menschen, die jeden Tag mit dem finanziellen Überleben kämpften, sich von Lohnscheck zu Lohnscheck hangelten.

Und er traf Menschen, die sich engagierten, um etwas zu verändern. Menschen, die sich gegen Rassismus und Waffengewalt sowie für Bildung und Gleichberechtigung einsetzten. „Ich war geschockt zu sehen, wie wenig Bürger der USA tatsächlich die Chance bekommen, etwas aus ihrem Leben zu machen. 75 Prozent der Amerikaner leben von der Hand in den Mund”, sagt Cherny. Das will er ändern. Er hat große Träume für die USA, möchte kostenfreie Universitäten, um junge Menschen vor Überschuldung zu bewahren und ihnen zu ermöglichen, das zu studieren was sie möchten – und nicht etwas, das nachher genügend Geld bringt, um den horrenden Studienkredit zurückzubezahlen.

Cherny fordert zudem ein Verbot von Spendengeldern in der Politik, um zu vermeiden, dass Lobbyisten eine stärkere Stimme haben als die Bürger. Seine Kampagne finanziert er sich ausschließlich durch Privatspenden. Cherny träumt von einer fairen Wirtschaft, die Selbständigkeit vereinfacht und Menschen dazu animiert, Unternehmer zu werden. Er setzt sich für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen ein und deren Ablösung durch erneuerbare Energien. Und er möchte eine faire Behandlung all der Kriegsveteranen, die seiner Ansicht nach viel zu wenig Unterstützung erhalten. Zusammengefasst nennt Cherny das ökonomische Gerechtigkeit.

„Ich bin kein Politiker und will mich auch nicht so bezeichnen”, sagt Cherny. „Ich bin ein ganz normaler Typ, der etwas verändern will. Wir brauchen viel mehr Menschen in der Regierung, die nicht vom Ego getrieben sind, sondern einen Sinn für Gemeinschaft haben.” Sein erklärtes Ziel ist es, bei der Kongresswahl, die gleichzeitig mit den Präsidentschaftswahlen stattfinden, South Carolinas Abgeordneten und ehemaligen Gouverneur Mark Sanford abzulösen. Cherny gibt sich zuversichtlich. Im Jahr 2014 sammelte er als unabhängiger Kandidat für den Kongress fast 9.000 Stimmen. Das waren fast sieben Prozent.

Eins ist sicher: Durch seinen Auftritt bekommt Cherny Aufmerksamkeit und Sympathie. Doch ob das ausreicht, um sich gegen einen alteingesessenem Politprofi durchzusetzen? Die Kongresswahl am kommenden Dienstag wird es zeigen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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