US-Wahlkampf im Fernsehen: Die Late-Night-Bühne von Donald Trump

US-Wahlkampf im Fernsehen: Die Late-Night-Bühne von Donald Trump

, aktualisiert 08. November 2016, 11:39 Uhr
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In der „Tonight Show“ zeigte sich der republikanische Präsidentschaftskandidat offen für Spaß.

von Laura WaßermannQuelle:Handelsblatt Online

Wer in das Weiße Haus einziehen möchte, muss das Spiel der Late-Night-Shows mitspielen. Besonders Trump lieferte viel Futter für die Persiflagen der Moderatoren. Geschadet hat das dem Republikaner nicht – im Gegenteil.

DüsseldorfDie Haare von Donald Trump hatten nicht immer die Farbe einer leuchtenden Apfelsine, vor rund zehn Jahren waren sie noch blond. Seine Haare sind sein Markenzeichen. Und die Öffentlichkeit liebt Marken. Immer wieder drehte sich der mediale Wahlkampf nicht um Trump selbst, sondern um das, was ihn ausmacht. Als der Late-Night-Moderator Jimmy Fallon Trump in der „Tonight Show“ Mitte September gebeten hat, dessen Haare durchwuscheln zu dürfen, fanden das Millionen Menschen urkomisch. Das Video wurde auf Youtube mehr als achteinhalb Millionen Mal geklickt. Doch Fallon wurde dafür auch kritisiert, weil er Trump zu zahnlos gegenübergetreten sei. Dabei macht Fallon vor allem eins: harmlose Scherze. Doch in diesem Wahlkampf will das Publikum mehr.

Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, Samantha Bee, EllenDeGeneres, John Oliver: Die Liste der Late-Night-Moderatoren in den USA ist lang. Deren Präsenz in hochpolitischen Phasen wie den letzten Wochen eines Präsidentschaftswahlkampfes ist nicht vergleichbar mit Comedy-Shows in Deutschland. Denn: Fallon und Co. bieten mit ihrem Programm nicht nur Unterhaltung, sondern dienen auch als Informationskanal, insbesondere für junge Wähler. Von den Moderatoren wird plötzlich erwartet, dass sie Position beziehen. Wenn der „Tonight Show“-Moderator mit Hillary Clinton ein Telefonat als Donald Trump inszeniert, karikiert er die beiden Kandidaten nicht nur, er bildet Meinungen.

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Als Präsidentschaftskandidat gehört es in den USA dazu, sich in diesen Shows zu zeigen, schlagfertig auf die Feixe der Moderatoren zu reagieren und jeden Unfug mitzumachen. Das sorgt für Aufmerksamkeit. Und vor allem erreichen die Kandidaten damit ein Publikum, das traditionelle Medien kaum noch konsumiert. The show must go on – erst Recht im Heimatland von Hollywood. Vorgemacht hat das Barack Obama in den vergangenen acht Jahren. Nie zuvor trat ein Präsident in so vielen Talkshows auf.

Zuletzt hat der 55-Jährige in der Sendung von Jimmy Kimmel Tweets vorgelesen, in denen er fies beleidigt wurde. Der eigentliche Seitenhieb galt aber nicht ihm, sondern Donald Trump: Obama las vor, wie Trump schrieb, Obama gehe als der wohl schlechteste Präsident aller Zeiten aus der amerikanischen Geschichte hervor. Obama guckte in die Kamera und sagte: „Wenigstens werde ich... (Pause)... als Präsident hervorgehen.“

Nie zuvor wurde ein Präsidentschaftskandidat so oft persifliert wie Donald Trump. „Er ist die Türangel, um die sich der ganze Wahlkampf herumdreht“, sagt Thomas Jäger, Leiter des Lehrstuhls für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität Köln. Der runde Mund, wenn er „huge“ sagt, die Haare, die zusammengekniffenen Augen: „All das bietet den Late-Night-Profis nie dagewesene Möglichkeiten der Parodie.“ Zumal Trump schlichtweg hohe Einschaltquoten einbringe.

Jäger erklärt das Phänomen Late-Night-Satire anhand der drei TV-Debatten in diesem Herbst: Während diese Debatten früher getrennt voneinander wahrgenommen worden wären, gäbe es heute ein millionenfaches Echo im Netz – dank Twitter, Facebook oder eben der Parodien der Late-Night-Moderatoren.

Jäger meint unter anderem die Parodien der US-Stars Alec Baldwin als Trump und Kate McKinnon als Clinton in der Show „Saturday Night Live“. Tatsächlich gab es in diesem Wahlkampf kaum eine lustigere Satire als diese: Baldwin schnieft als Trump ins Mikro und sagt immer wieder „huge“ und „China“. McKinnon hingegen äfft Clinton nach, als wäre sie schon Präsidentin.


Klassische Medien sind quasi machtlos

Trump hat in den vergangenen Monaten die Medien bestimmt. Doch dabei passierte etwas interessantes: Je mehr sich die eher demokratisch gesinnten Late-Night-Moderatoren über ihn lustig machten, desto verschworener wurde die Fangemeinde Trumps. Ein unschätzbarer Vorteil des republikanischen Kandidaten: Seine Anhänger halten zu ihm, egal was kommt. Fakten sind egal, solange sie ihm nicht nützen.

Trump musste kaum Werbung schalten, das Fernsehen kam von alleine. Der Soziologe Michael Zöller kritisiert diesen Hype als „abschreckendes Beispiel für den Voyeurismus, den das amerikanische Fernsehen zu bieten hat“. Zöller leitete unter anderem die Amerika-Forschungsstelle der Universität Bayreuth: „Trump führt zu Einschaltquoten. Je übler die News über ihn waren, desto mehr davon wurden medial aufgegriffen.“ Und im Kampf um Aufmerksamkeit gilt am Ende das Motto: Es ist egal, was sie schreiben, Hauptsache sie schreiben meinen Namen richtig.

Diese Machtlosigkeit spüren vor allem die traditionellen Medien. Ihre Enthüllungen über Trump scheinen die Öffentlichkeit weniger zu beeinflussen, als sie es gewohnt sind. Dass journalistische Medien sich politisch bekennen, ist in den USA während eines Wahlkampfes üblich. Jedoch haben sich in der Geschichte der Präsidentschaftswahlen noch nie so viele Medien zu Wort gemeldet, wie in diesem Jahr: Die „New York Times“ und die „Washington Post“ appellierten an ihre Leser, Clinton zu wählen. Beide Zeitungen hatten 2008 und 2012 Barack Obama empfohlen, obgleich die Washington Post früher zu republikanischen Kandidaten tendierte. Das Besondere in diesem Wahlkampf: Auch Publikationen, die sich in früheren Diskussionen politisch stets neutral gezeigt hatten, bekennen jetzt (demokratische) Farbe. Das Magazin „The Atlantic“ beispielsweise hat erst dreimal eine direkte Wahlempfehlung abgegeben, und zwar 1860 (Abraham Lincoln), 1964 (Lyndon B. Johnson) und 2016 (Hillary Clinton).

Einzig der Fernsehsender Fox News argumentierte schon immer pro republikanisch. Stimmung macht vor allem der Moderator Bill O’Reilly in seiner Show „The O’Reilly Factor“, der laut Zöller eine wichtige politische Funktion in dem US-Wahlkampf innehat: „O’Reilly macht Empörungsjournalismus und seine Fans mögen seinen sarkastischen Ton. Sie glauben ohnehin alles, was er sagt.“

Politologe Jäger hält die Berichterstattung und die hohe Schlagzahl der Parodien für große Einflussfaktoren, schließlich hätten Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Co. eine ungewöhnlich große Politisierung ausgelöst. Was Jäger glaubt, wie die Wahl ausgeht: „Entweder Clinton gewinnt haushoch oder Trump ganz knapp.“

Das Phänomen „Late Night“ hat also weniger politischen Einfluss als die Moderatoren ein politisches Selbstverständnis. So hat Trevor Noah die Kampagne Trumps in seiner „Daily Show“ mit einer Folge der US-Serie „Scandal“ verglichen – nur dass die Darsteller von „Scandal“ ein realistischeres Verständnis von Politik hätten.

Allein Seth Meyers, der Moderator der Show „Late Night“, brachte die Diskussion um den geeigneten Präsidentschaftskandidaten in der vergangenen Woche auf eine andere Ebene. In nur einer Minute stellte er den E-Mail-Skandal um Clinton den unzähligen Skandalen Trumps gegenüber, um schließlich das Publikum zu fragen: „How do you choose?“ Tatsächlich ist Ironie in diesem Wahlkampf voller Wahnsinn aber auch das einzige Mittel, das funktioniert.

Quelle:  Handelsblatt Online
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