US-Wahlkampf: So stimmte ich per Fax gegen Donald Trump

US-Wahlkampf: So stimmte ich per Fax gegen Donald Trump

, aktualisiert 07. November 2016, 06:54 Uhr
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Das Wahlrecht in den USA ist hochkomplex – denn es untertscheidet sich für die Präsidentschaftswahl von Region zu Region.

Quelle:Handelsblatt Online

Ein Amerikaner in Deutschland schildert das Abenteuer, wie er in Sichtweite der Alpen seine Stimme im US-Präsidentschaftswahlkampf abgibt – mit Hilfe von Technologie aus den 1980er-Jahren.

Seit vier Jahren wohnt der Amerikaner Matt Stanley (Name von der Redaktion geändert) in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Das knappe Rennen zwischen der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton und ihrem republikanischen Rivalen Donald Trump bringt ihn dazu, sein Wahlrecht in den USA wahrzunehmen. Doch das ist eine ganz besondere Herausforderung, wie er hier schildert.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in einem Bundesstaat gewohnt, der regelmäßig mit großer Mehrheit für die demokratischen Kandidaten bei US-Präsidentschaftswahlen gestimmt hat. Das ist der Grund, weshalb ich tatsächlich bislang nur bei zwei von fünf Wahlen, bei denen ich abstimmen durfte, mein Kreuz gemacht habe. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich gehöre damit eben zu den 45 bis 50 Prozent der Amerikaner, die an Präsidentschaftswahlen nicht teilnehmen.

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Im August, als Donald Trump nach dem republikanischen Nominierungsparteitag in den Umfragen drastisch zulegte, entschloss ich mich aber, es diesmal anders zu machen. Ich wollte, was immer nötig war tun, um gegen „The Donald“ zu stimmen. Dass es nicht so leicht werden würde, ahnte ich bereits – doch es wurde ein richtiges Abenteuer.

Denn zuerst musste ich überhaupt erst einmal rausfinden, wo ich mich für die Abstimmung registrieren musste. Denn ich bin ein Amerikaner, der in Deutschland lebt und da ist das nicht unbedingt so einfach. Anders als in Deutschland erhalten die meisten Amerikaner keine Wahlbenachrichtigung, sondern müssen sich jedes Mal erneut registrieren lassen, um wählen zu können. Die Tücken des US-Wahlrechts machten es knifflig herauszufinden, wo mein Stimme gezählt werden dürfte.

Den größten Teil meines Lebens habe ich in New Jersey an der Ostküste verbracht, bevor ich nach Deutschland zog. Den Aufenthalt hier unterbrach ich, um ein Jahr lang in Florida zu leben und einen Masterabschluss zu machen. Seit vier Jahren lebe ich jetzt wieder ein einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Zuletzt hatte ich also in New Jersey gewohnt und probierte zunächst dort mein Glück. Doch durch einen Anruf fand ich heraus, dass die Ämter dort nichts mehr von mir wussten. Ich war nicht im System gespeichert – die Beamten gaben mir die Empfehlung, mich in Florida zu registrieren, wo ja mein letzter Wohnsitz in den USA gewesen sei.

Über eine Website in Florida konnte ich mich dann tatsächlich registrieren. Ich füllte ein Formular aus und mailte es an das lokale Wahlbüro, das für mich zuständig sein sollte. Dann begann ich zu warten, was geschehen würde.

Dass ich in Florida wählen sollte, hatte einen besonderen Charme. Denn der Staat gehört zu den sogenannten „Swing States“, die mal für republikanische, mal für demokratische Kandidaten stimmen. Meine Stimme gegen Donald Trump würde hier also ein besonderes Gewicht haben. Ich freute mich.

Es dauerte jedoch satte sechs Wochen, bis ich aus Florida etwas hörte. Ich fand einen Brief in meinem Briefkasten in Deutschland und hoffte, endlich den Stimmzettel sehen zu können – doch vergeblich. Als ich den Umschlag öffnete, fand ich nur eine ausgedruckte Version des Fragebogens, den ich schon im Internet ausgefüllt hatte. Ich sollte meine Unterschrift hinzufügen und das Dokument zurücksenden, was ich sofort machte.

Und siehe da, noch einmal dreieinhalb Wochen später erhielt ich per Post meine offizielle Wahlbenachrichtigung. Dabei lagen die genauen Anweisungen, wo ich am 8. November zum Wahltag meine Stimme abzugeben hätte. Ab diesem Moment wurde ich nervös.

Denn ich hatte nicht geplant, für die Wahl nach Florida zu fliegen. Ein Briefwahlbogen war aber auch nicht beigefügt – und es war bereits der 23. Oktober. Sollte mein im August begonnenes Unterfangen der Stimmabgabe etwa scheitern? Wie sollte ich jetzt abstimmen? Doch ein weiterer Check der Wahl-Website in Florida zeigte, dass meine Briefwahlunterlagen in einem separaten Umschlag auf dem Weg seien. Tatsächlich kamen sie am 31. Oktober in Süddeutschland an. Neun Tage vor dem Wahltag war ich also endlich bereit, meine Stimme abzugeben.

Der Blick auf den Wahlzettel ließ mich allerdings erschaudern. Ich hatte mir es so vorgestellt, allenfalls ein paar Kreuze machen zu müssen. Doch der Zettel aus meinem County umfasste nicht weniger als 32 Positionen – Abstimmungen über die Präsidentschaftswahl, lokale Abstimmungen, Ernennungen von Richtern und Verfassungsänderungen in Florida. Ich musste den Zettel zunächst zur Seite zulegen, weil die Zeit nicht reichte, sich eingehend damit zu befassen. Fast hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, meine Stimme gegen Donald Trump abgeben zu können.


Die Sekretärin mit dem Faxgerät

Doch am 4. November entschied ich mich, es doch zu tun. Im Internet hatte ich nicht nur gelesen, dass der Rückstand Trumps in den Umfragen schrumpfte ¬– nein, er hatte auch bereits einen Ort für eine „Siegesfeier“ in New York gewählt. Es war jetzt wirklich an der Zeit, mein staatsbürgerliches Wahlrecht in Anspruch zu nehmen.

Nach einigen Stunden Recherche hatte ich dann nicht nur gegen Donald Trump gestimmt, sondern war auch sicher, die kompetentesten Kandidaten für die diversen anderen Posten gewählt zu haben. Und ich meine sogar die kompliziert formulierte Frage verstanden zu haben, die wie ein Votum zur Förderung von Solarenergie klingt, aber das Gegenteil meint. Ja, ich hatte mich sogar schlau gemacht, was es mit der Aufsicht der Wasserwerke auf sich hat, über die ich ebenfalls abstimmen musste.

Doch dann kam ich ins Grübeln. Denn in der Anleitung zum Absenden des Stimmzettels stand natürlich, dass dieser bis zum 8. November um 19 Uhr in Florida sein müsste – und das war in vier Tagen. So viel Vertrauen hatte ich dann doch nicht in die Post. Doch im Kleingedruckten stand, dass der Poststempel vom 8. November oder zuvor reichen würde, solange der Brief dann zehn Tage später in den USA eintreffen würde. Doch da ich unsicher war, ob diese Frist nur für die regionalen Punkte und nicht die Präsidentschaftswahl gilt, entschied ich mich für Variante 2 der Stimmabgabe: das Fax.

Kurz musste ich darüber nachdenken, wo es denn überhaupt noch ein Fax-Gerät gibt. Aber dann mir fiel ein, dass im Büro noch eine Maschine steht. Jetzt galt es noch ein Hindernis zu überwinden: Die Sekretärin frage, ob ich denn auch ja nicht für Donald Trump werde, wenn sie schon ihr Faxgerät zur Verfügung stelle. Davon konnte ich sie leicht überzeugen, denn schließlich hatte ich mit der Unterschrift unter dem gefaxten Stimmzettel bereits mein Recht auf geheime Wahl abgetreten. Also lud sie den drei Seiten umfassenden Stimmzettel mit dem zusätzlichen Begleitschreiben in das Gerät. Wenige Momente später seufzten wir beide erleichtert auf, als das Fax die Sendebestätigung ausspuckte.

Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass die Faxmaschine das einzige ist, dass in den 1980er-Jahren erste Erfolge feierte und auch nach dem Wahltag noch eine Rolle spielen wird. Die Wahlnacht werde ich gespannt verfolgen – mit einem besonderen Augenmerk auf dem Ausgang in Florida. Jede Stimme zählt!

Quelle:  Handelsblatt Online
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