US-Wahlkampf: Was Hillary Clinton fehlt

US-Wahlkampf: Was Hillary Clinton fehlt

, aktualisiert 19. September 2016, 12:43 Uhr
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Sieben Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl sieht es für Clinton eng aus.

Quelle:Handelsblatt Online

Ihre Attacken gegen Donald Trump sind verpufft: Die bisherige Strategie von Hillary Clinton geht nicht auf. Ihr Vorsprung in den Umfragen ist geschrumpft. Was Strategen der Präsidentschaftsbewerberin raten.

WashingtonNur noch sieben Wochen sind es bis zur Wahl: Hillary Clinton und ihre Gefolgsleute hatten eigentlich gehofft, zu diesem Zeitpunkt alles in trockenen Tüchern zu haben. Stattdessen ist der Vorsprung wieder zusammengeschmolzen, den sie sich in der zweiten Sommerhälfte vor ihrem Rivalen Donald Trump herausgearbeitet hatte. Es sieht eng aus. Aber was tun?

Über Wochen hinweg hat sich Clinton mit Wonne darauf konzentriert, Trump zu attackieren – das war nicht allzu schwer nach einer Serie von Wahlkampfpatzern, mit denen der Republikaner der Demokratin selber Munition geliefert hatte.

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Den Milliardär zu wählen, wäre ein „historischer Fehler“, warnte sie, sprach von „überkandidelten Trumpschen Ideen“, „fiesen Tweets“, die ihr Gegner verschicke und „dass er vom Temperament her und überhaupt total unqualifiziert“ für das Präsidentenamt sei.

Allerdings muss Clinton in diesem Wahlkampf nicht nur erklären, wer Trump, sondern auch, wer sie selber ist – trotz all ihrer langen Jahre auf der politischen Bühne. Und genau in diese Richtung scheint sich ihr Wahlkampf jetzt zu verschieben, mit ungewöhnlichen Augenblicken der Selbstprüfung, die man bisher von Clinton kaum kennt.

So brachte der September eine Serie von Beinahe-Entschuldigungen – bemerkenswert für eine Kandidatin, die Monate brauchte, um öffentlich Bedauern über die Nutzung ihres privaten E-Mail-Systems für dienstliche Korrespondenzen in ihrer Zeit als Außenministerin zu äußern.

Sowohl das als auch ihr damaliges Votum im Senat für den Irakkrieg seien ein Fehler gewesen, räumte sie kürzlich in einem Fernsehforum zum Thema nationale Sicherheit ein. Eine Bemerkung über Trump-Unterstützer, die zur Hälfte „erbärmlich“ seien, nahm sie nach Kritik rasch wieder zum Teil zurück und räumte ein, solche groben Verallgemeinerungen seien verkehrt.

Clinton ging auch darauf ein, dass eine Reihe von Wählern sie als unnahbar betrachteten. „Ich halte mich nicht für kalt oder emotionslos. Auch meine Freunde und meine Familie tun es nicht“, postete sie auf der populären Webseite Humans of New York. „Wenn das manchmal der Eindruck ist, den ich erwecke, dann kann ich es Menschen nicht zum Vorwurf machen, dass sie das denken“, fügte sie hinzu.


Clintons größtes Problem

Ihre Wahlkampfmannschaft hofft, dass solche öffentlichen Demonstrationen von Demut zusammen mit einer Serie von Reden über ihre Pläne für die Zukunft des Landes helfen, Clinton den Wählern näherzubringen.

Clinton muss ihr größtes politisches Problem überwinden: Eine Mehrheit der Wähler traut ihr einfach nicht. Ihre Umfragewerte in Sachen Ehrlichkeit sind niedrig geblieben – sogar auch unter Demokraten. Gerade mal 35 Prozent der Amerikaner bescheinigten ihr diesen Monat in einer ABC/„Washington Post“-Erhebung, dass sie vertrauenswürdig sei – ein krasser Unterschied zu ihrem Höchststand von 53 Prozent im Juni 2014. Mit 31 Prozent schnitt Trump nur geringfügig schlechter ab.

Strategen befürchten, dass die Charakterfrage bei manchen überlagert hat, wofür Clinton steht, was sie zu bieten hat – ein realer Grund zur Besorgnis, zumal in einigen Staaten schon per Brief gewählt werden kann. „Sie wissen nicht, was ihre Vision ist“, sagt etwa der demokratische Stratege Chris Kofinis. „Sie hat keine positive Strategie artikuliert. Sie hat einen Slogan. – Biete eine Vision an.“

Er und andere Experten sagen, es bringe nichts, sich weiterhin so stark auf Trump zu konzentrieren, bringe nichts. Clintons Wahlkampftruppe und andere Unterstützer haben allein von Mitte Juni bis zur vergangenen Woche umgerechnet knapp 145 Millionen Euro in Fernseh- und Radiowerbespots gesteckt, ein großer Teil davon mit Angriffen gegen Trump. Der Republikaner und dessen Unterstützer gaben im selben Zeitraum 34 Millionen Euro aus.

Berater und frühere Mitarbeiter räumen unterdessen ein, dass sich Clintons Image in den Augen der Bevölkerung nicht so leicht ändern lassen wird. Es hat sich über fast drei turbulente Jahrzehnte hinweg entwickelt und teilweise durch unaufhörliche Kritik ihrer Gegner geformt.

Nicht alle Schuld liegt bei den Republikanern. Bekannt für ihr Bemühen, ihre Privatsphäre zu schützen, hat sich Clinton stets gescheut, persönliche Einblicke zu gewähren, was ihr Image einer harten, kühlen Politikern hätte verändern könnte.

„Sogar, wenn du Leute extrem gut zu kennen glaubst: Kennst du wirklich ihre ganze Persönlichkeit?“ fragte Clinton, als sie 2000 erstmals für den Senat kandidierte. „Offenbaren sie, wenn du mit ihnen zusammen bist, stets, wer sie sind? Natürlich nicht.“ Clinton fügte dann hinzu: „Wir erwarten jetzt von Menschen in der öffentlichen Arena, irgendwie so etwas zu tun. Ich verstehe die Notwendigkeit dafür nicht.“

Auch zu ihrer Lungenentzündung äußerte sie sich erst, als Videokameras ihren Schwächeanfall während einer Gedenkfeier zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 eingefangen hatten. Später bekannte sie: „Wenn es um den öffentlichen Dienst geht, bin ich im Teil „Dienst“ besser als im Teil „Öffentlichkeit“.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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