US-Wirtschaft im Wahlkampf: Stabile Daten und steile Thesen

US-Wirtschaft im Wahlkampf: Stabile Daten und steile Thesen

, aktualisiert 01. März 2016, 19:39 Uhr
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Wie geht es der US-Wirtschaft? Die Antwort darauf fällt verschieden aus – je nachdem, wen man fragt.

Quelle:Handelsblatt Online

„It's the economy, stupid“: Bill Clintons Wahlkampfstratege Carville prägte diesen Satz. Bewahrheitet er sich wieder, gewännen die Demokraten die US-Wahl. Allerdings nehmen es die Kandidaten mit der Wahrheit nicht so genau.

Washington/New YorkWas für eine Leistung? Seit Barack Obama im Jahr 2008 zum US-Präsidenten gewählt wurde, hat sich die Arbeitslosenquote in seinem Land halbiert. Die Beschäftigung geht nach oben, das Wachstum stimmt – die größte Volkswirtschaft der Welt könnte jubeln.

Doch die Menschen in Amerika nennen wirtschaftliche Ängste noch immer als eines der Hauptthemen im gerade tobenden Wahlkampf – das Wachstum kommt unten nicht an. Die durchschnittlichen Haushaltseinkommen sind in der Amtszeit Obamas deutlich gesunken, wie aus Zahlen der Statistikbehörde hervorgeht. Die Hauspreise haben sich noch nicht völlig vom Immobiliencrash erholt.

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Die Kandidaten im Wahlkampf nutzen dies, um ihr Süppchen zu kochen. „Die wahre Arbeitslosenquote liegt mindestens doppelt so hoch“, faucht der linke Demokrat Bernie Sanders, der schrille Republikaner Donald Trump taxiert die Quote bei 42 Prozent – ohne jeden Beleg versteht sich. Sein Rivale Ted Cruz macht deutlich, dass 92 Millionen Amerikaner nicht in Lohn und Brot sind. Und Marco Rubio wirft der Demokratin Hillary Clinton vor, „in einer Zeitmaschine in die Vergangenheit“ zu sitzen. Laut Faktencheck-Blogs ist sie die einzige, die die Arbeitslosenzahlen nicht maßlos übertreibt.

Die Kandidaten bauen sich in Sachen Volkswirtschaft ihre eigene Realität – je nachdem, wie sie es für ihre jeweilige Zielgruppe für opportun halten. Doch ein bisschen haben sie auch Recht, mit ihren düsteren Szenarios. Die US-Wirtschaft steckt in strukturellen Schwierigkeiten – nicht lebensbedrohlich, aber ernstzunehmend.

Das schwache Wachstum zum Jahresende, die Risiken durch den Ölpreisverfall und die Dollar-Stärke haben bei Anlegern Sorgen vor einem Absturz der US-Wirtschaft entfacht. An den Finanzmärkten macht sogar schon wieder das böse R-Wort von der Rezession die Runde. Experten halten die Angst vor einem neuen Crash zwar für übertrieben, aber es gibt durchaus einige beunruhigende Faktoren.

Ein Blick auf die Bilanzen der US-Unternehmen im Leitindex S&P 500 verheißt nichts Gutes. Dem Analysehaus Factset zufolge sind die Gewinne im vierten Quartal im Schnitt um 3,3 Prozent verglichen mit dem Vorjahr gesunken. 96 Prozent der Firmen haben inzwischen ihre Zahlen vorgelegt. Es ist das erste Mal seit der tiefen Rezession 2009 mit Abstrichen in drei aufeinanderfolgenden Quartalen.


Das Sorgenkind ist die Energiewirtschaft

US-Großkonzerne wie Alcoa, Caterpillar oder Walmart schwächeln – sie gelten wegen ihrer starken Verflechtung mit dem Rest der Wirtschaft als Indikatoren für Konsumklima und Rohstoffnachfrage und somit als Wegweiser für die Konjunktur. Das große Sorgenkind ist aber die Energiewirtschaft – hier haben die niedrigen Ölpreise die Gewinne um 74 Prozent einbrechen lassen. Branchenriesen wie ExxonMobil oder Chevron ächzen, kleinere Fracking-Firmen kämpfen mit der Pleite.

Branchenübergreifend leiden viele US-Konzerne unter dem starken Dollar, der Auslandseinnahmen nach Umrechnung in heimische Währung verringert. Der Dollar dürfte noch stärker aufwerten, sollte die US-Notenbank Federal Reserve die Leitzinsen weiter erhöhen. Als Gefahr werden zudem die faulenden Kredite an kriselnde Energiefirmen gehandelt, die in den Büchern der US-Banken schlummern. Trotzdem sehen Volkswirte die Lage bislang aber relativ gelassen.

„Für etliche Investoren befinden sich die USA bereits auf dem Weg in eine Krise – unser Modell zeigt hingegen eine Rezessionswahrscheinlichkeit von lediglich fünf Prozent“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Der Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt sei intakt. Das stützt die privaten Einkommen, die für die am Konsum hängende US-Wirtschaft so wichtig sind. Auch die Dollar-Stärke sei gut zu verkraften, meint Krämer. „Und die Kredite an strauchelnde Ölförderer haben nur einen Anteil von zwei bis drei Prozent an den gesamten Krediten der US-Banken.“

Deshalb sei ein Absturz der Wirtschaft wie 2008 nicht zu befürchten. Experte Krämer warnt aber: Das könnte sich in den kommenden Monaten ändern, wenn die Fed die Geldpolitik zu scharf drosseln würde.

Doch die Notenbanker um ihre Chefin Janet Yellen sind – gebremst auch vom Internationalen Währungsfonds – sehr vorsichtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach der ersten vorsichtigen Erhöhung des Leitzinses im Dezember bereits ein Vierteljahr später im März der nächste Zinsschritt kommt, wird derzeit als gering eingestuft. Aus dem Ausland kommen wenig ermutigende Signale. Und die Währungshüter tun das, was die politischen Kandidaten derzeit bewusst unterlassen. Sie blicken über den US-amerikanischen Tellerrand.

Quelle:  Handelsblatt Online
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