Valley Voice: Alles künstlich, keine Intelligenz

Valley Voice: Alles künstlich, keine Intelligenz

, aktualisiert 11. April 2017, 12:29 Uhr
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Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Das Silicon Valley schwärmt von der künstlichen Intelligenz. Doch was wir heute davon geboten bekommen, ist lediglich die Illusion von Intelligenz. Und das ist auch gut so – denn mehr könnten wir auch gar nicht ertragen.

San FranciscoManchmal muss man einfach mal raus aus der Filterblase des Silicon Valley. Weg von den Networking-Events der Risikokapitalanleger und den Meet-and-Greets der Start-ups am Freitag mit Wein und Häppchen in schicken Lofts über den Dächern von San Francisco, bezahlt mit dem Geld der Investoren. Einfach mal Luft schnappen.

Da ist ein Ausflug nach Orlando gar nicht schlecht, ein Art Anti-Technologie-Stadt, in der noch Micky Maus und Elsa die Schneekönigin in Disneyworld regieren. SAS Institute hat eingeladen, das wohl dienstälteste Big-Data-Unternehmen. Mit 40 Jahren auf dem Buckel und mit einer Zentrale in North Carolina, dem Anti-Silicon-Valley, gibt es hier die Ernüchterung vom dauerbeschleunigten Kalifornien.

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SAS befindet sich in Privatbesitz und wird noch immer geführt vom 74-jährigen Mitgründer James Goodnight. Das Unternehmen ist schuldenfrei, schreibt vom ersten Jahr seines Bestehens an Nettogewinne und steigende Umsätze, wenn auch moderat. Es ist also der Gegenentwurf schlechthin zu Snap, dem sozialen Netzwerk in den Kinderschuhen, das mehr Verlust als Umsatz macht und trotzdem einen fulminanten Börsengang hingelegt hat.

Rund 30.000 SAS-Spezialisten waren nach Orlando zur Jahreskonferenz gekommen, um zu hören, was die Zukunft bringt. Und wenn auf einmal nicht mehr Milliarden von Dollar an Risikokapital auf dem Spiel stehen, nicht auf einen schnellen Mega-Börsengang hingearbeitet wird, dann sieht die Welt auf einmal ganz anders aus, alles scheint viel simpler und weniger eilig. Künstliche Intelligenz? „Was wir heute als künstliche Intelligenz verkauft bekommen, ist in erster Linie künstlich und kaum Intelligenz“, sagt Technologievorstand Oliver Schabenberger.

Maschinenlernen hat nichts mit Intelligenz zu tun. Die Maschinen mit ihren neuronalen Netzen lernen, wenn man sie damit beauftragt, das zu tun und die Ergebnisse sind, die richtigen Daten vorausgesetzt, durchaus spektakulär. So hat Googles „künstliche Intelligenz“ den besten menschlichen Go-Spieler geschlagen. Aber das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit unglaublich schnellem Lernen auf Basis eines kompletten Datenbestands.


Vachani will weiter kämpfen

Dank Cloud und Big Data ist das Arbeiten mit „Samples“, einer Datenauswahl, vorbei. Der digitale Go-Spieler kennt einfach alles und alle denkbaren Varianten. Aber deshalb kann er noch lange nicht Schach spielen, und er lernt es auch nicht durch noch so viele Partien Go. Er kann seine Fähigkeiten nicht auf andere Bereiche ausdehnen. Dafür bräuchte er eben Intelligenz; ebenso zur unabhängigen Lösung von neuen, überraschend auftretenden Problemen oder kreativen Innovationen.

Alles, was wir heute also sehen, ist nichts weiter als ein Hilfsmittel, um Entscheidungen zu treffen. Maschinen, die 24 Stunden am Tag unermüdlich gigantische Datenmassen verarbeiten und analysieren und Entscheidungen nach vorgegebenen Regeln ausführen, die Algorithmen vorgeben. So toll das heute alles auch klingt, es sind nicht mehr als Hilfssysteme zur Entscheidungsfindung.

Die Alternative wäre, vielleicht einmal in ferner Zukunft, eine intuitive algorithmische Intelligenz, die sich ihrer Umgebung und Situation bewusst ist und eigene Vorstellungen und Moral entwickelt. Eine Intelligenz, die uns nicht mehr bei der Entscheidung hilft, sondern uns mitteilt, was sie in unserem Auftrag für uns entscheiden hat. Google-Mitgründer Larry Page träumt schon lange von dieser Welt, in der Googles persönlicher Assistent seinen Nutzern sagt, was sie zu tun haben, ganz alleine aus dem Datenreichtum eines Lebens auf Google-Servern.

Doch sind wir so weit und auch willens, unser Partnerwahl, unsere finanzielle Zukunft oder unsere Berufswahl unserem digitalen Zwilling zu überlassen, der wie „Mein Freund Harvey“ unsichtbar neben uns herläuft? Wohl kaum. Oder, wie es SAS-Manager Oliver Schabenberger formuliert: „Die Illusion von Intelligenz ist alles, was wir handlen können. Wir wollen, dass uns die Maschinen clever beschummeln. Der Rest ist Hype.“
Und damit wären wir also wieder zurück im Silicon Valley.

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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