Valley Voice: Anders geht's nicht

Valley Voice: Anders geht's nicht

, aktualisiert 23. August 2016, 14:41 Uhr
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Der Schauspieler erstritt hohen Schadensersatz von Gawker.com. Es ging um die Veröffentlichung privater Videos.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Am Montag ging das Klatschblog Gawker.com offline. Hintergrund ist auch der private Rachefeldzug eines Tech-Milliardärs. Was bedeutet der Fall für Journalisten in Silicon Valley?

Dem Klischee nach führen Journalisten an der US-Westküste ein feines Leben, unter Palmen bei 30 Grad Außentemperatur oder unterwegs, mal auf dem Surfbrett, mal auf dem Highway 1. Sie hängen ständig auf Partys rum, früher mit Google Glass, als man das noch machte. Nun tragen sie bis auf weiteres die Apple Watch.

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. In San Francisco versperrt Nebel die Aussicht, die Temperatur lässt zu wünschen übrig. In Palo Alto, wo es milder und noch langweiliger ist, schließen Bars knapp nach Sonnenuntergang. Silicon Valley, eine spaßbefreite Zone.

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Besonders für Reporter. Der Untergang von Gawker.com zeigt, wie sich einige aus der Branche anmaßen, über Wohl, Weh und Journalismus zu richten. Die Website wurde zu einem Schadensersatz in Höhe von 140 Millionen Dollar verdonnert, meldete Insolvenz an und gab unter dem neuem Eigentümer am Montag bekannt, den Dienst einzustellen.

Hintergrund ist der Streit mit Hulk Hogan um die Veröffentlichung eines privaten Videos. Der Schauspieler wurde von Paypal-Gründer Peter Thiel unterstützt. Die von dem deutschstämmigen Unternehmer investierten knapp zehn Millionen Dollar dienten einer Art privatem Rachefeldzug. Das Medium hatte Thiel 2007 gegen dessen Willen als homosexuell geoutet.

Was bedeutet das für die Zukunft des Valley-Journalismus? Nein, das Klatschblatt Gawker.com und seine teils zweifelhaften Meldungen waren nicht eben eine Zierde der Branche – aber es darf nicht Schule machen, dass Unternehmer mit ihren Millionen eine Publikation zerstören, die ihnen nicht gefällt. Die Vendetta passt auch schlecht zu Thiels Job im Aufsichtsrat von Facebook, das sich sonst angeblich so sehr für die Redefreiheit einsetzt.

Der Fall zeigt aber auch, dass der Journalismus entgegen aller Klischees ein schwieriges Geschäft ist. Der Journalist hat ständig Streit. Im Valley versuchen Unternehmen wie Facebook, Google, Amazon und Apple immer stärker zu bestimmen, wer was über sie berichtet. Einladungen zu Konferenzen werden so kurzfristig ausgesprochen, dass man sozusagen mit gepackten Koffern ins Bett gehen muss, die Wehen könnten schließlich jederzeit einsetzen.

Einige Publikationen sind ohnehin kaum mehr als der verlängerte Arm der Marketing-Abteilung, sie haben sich selbst überflüssig gemacht. Andere sind völlig abhängig von den Nutzern, die ihnen die Technologie-Firmen zuspülen. 62 Prozent der Amerikaner lesen Nachrichten via Social Media, zeigte jüngst eine Studie. Sie verdrängen, dass Unternehmen dahinter parteiisch sind.

Wer das hinterfragt, gilt als naiv, technologiefeindlich oder hat schlicht nicht kapiert, wie es läuft. Mitarbeiter einschlägiger Firmen reagieren auf Kritik von Journalisten teilweise, als hätte man ihre Mutter beleidigt. Sie sind so sehr mit sich im Einklang – das muss am beliebten Yoga liegen – dass sie alle als potenzielle Feinde betrachten, die ihre Meinung nicht teilen.

Doch nach dem Fall Gawker vs. Peter Thiel ist es um so wichtiger, dass dieses Silicon Valley lernt, Widerspruch auszuhalten. Es muss auch erlaubt sein, was nicht gefällt. Und nein, ein Journalist macht sich nicht beliebt, er gehört nie wirklich dazu, selbst wenn die Leute in den Software-Firmen gleichen Alters sind oder ähnliche Interessen besitzen. Journalismus, das ist eine ziemlich spaßbefreite Zone. Aber anders geht’s nicht.

Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, schreibt über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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