Valley Voice: Angriff der digitalen Zombies

Valley Voice: Angriff der digitalen Zombies

, aktualisiert 25. Oktober 2016, 09:11 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Social Bots und Fake-Accounts sind im US-Wahlkampf angekommen. Politiker und Beobachter fürchten, dass diese digitalen Zombies Debatten im Netz bald unverhältnismäßig verzerren. Nutzer sollten wachsam bleiben.

Kaum eine Gegend der Welt hat unser Ideal vom Wohnen so sehr verändert wie das Silicon Valley. Beispiele dafür sind Airbnb oder die Bürogemeinschaft Wework, aber auch die wackeligen Zelte, die inzwischen überall zu sehen sind in San Francisco. In ihnen wohnen Menschen, die wegen unbezahlbarer Mieten ihre Wohnung aufgeben mussten. Morgens klettern Kinder mit Schulranzen heraus.

Im Zentrum der Entwicklung liegt das Stadtviertel Tenderloin, bekannt für Obdachlose, leere Spritzen und schräge Kunst. Ein kleines Kino zeigt dort derzeit den Horror-Klassiker „Invasion of the Body Snatchers“ von 1978, in dem Außerirdische die Einwohner von San Francisco in eine Armee blutarmer, gefühlloser Wesen verwandeln. Ganz so wie die Gentrifizierung heute aus der Stadt einen Hort seelenloser Luxus-Kondos für Tech-Juppies macht.

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Die Zombies im Film sind exakte Duplikate ihrer Vorbilder, sie verhalten sich so wie die Menschen, fallen nur hin und wieder durch leichte Künstlichkeit auf. Auch manche neue Computerprogramme können den Eindruck erwecken, als seien sie Menschen. Zum Beispiel Bots – Software, die menschliche Kommunikation simuliert. Sind Bots die Zombies der digitalen Gesellschaft?

Firmen wie Facebook, Google, Apple oder Amazon haben in jüngster Zeit verstärkt in die Evolution digitaler Assistenten und Bots investiert, die ein neues Interface für die Schnittstelle von Mensch und Maschine etablieren sollen. Auf eine ähnliche Idee sind nun auch die beiden konkurrierenden US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton gekommen.

Einer Studie der Universität Oxford zufolge setzten deren Polit-Berater die Software ein, um ihre Botschaften automatisch in sozialen Netzwerken zu verbreiten und den Kandidaten virtuell zu applaudieren. Schon beim Brexit-Votum kam demnach eine ähnliche Software zum Einsatz.

Seither tobt eine Debatte darüber, ob solche Werkzeuge eingesetzt werden dürfen, etwa bei der anstehenden Bundestagswahl. Die Befürchtung ist, dass digitale Zombies auf das Meinungsbild im Netz Einfluss nehmen und es unverhältnismäßig verzerren. Das stimmt – aber ist das eine Neuigkeit?


Algorithmus statt objektiver Wahrheit

Wie kaum eine andere politische Auseinandersetzung hat das aktuelle Rennen um das Weiße Haus gezeigt, wie fragwürdig die Wahrheiten sind, die online verbreitet werden, insbesondere von Politikern. Dutzende Exempel dafür lieferte Donald Trump selbst.

Er ist kaum zu stoppen, auch nicht durch die zahlreichen „Faktenchecker“, die sich an seine Tweets geheftet haben. Trump kommuniziert über seinen Twitter-Account direkt mit potenziellen Wählern und Fans, ohne Filter wie Analysten oder Wahlbeobachter, schwört seine Anhänger ein, auf das Internet zu vertrauen, nicht auf die Journalisten. Jeder Tweet erzeugt da nur einen Gegen-Tweet.

Und wie unabhängig sind denn die Plattformen, in denen sich Trump bewegt, die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter, ihres Zeichens kapitalistischen Zwecken verpflichtete Konzerne? Bei Facebook bestimmt ein Algorithmus, welche Inhalte die Nutzer zu sehen bekommen. Mit objektiven Wahrheiten hat das wenig zu tun.

Das Netz hat sich mit diesem Wahlkampf in einen Ort verwandelt, an dem eine „Wahrheit“ nicht mehr ohne weiteres zu finden ist – sofern es diese „Wahrheit“ jemals gab. Nutzer, Wähler sollten wachsam bleiben und hinterfragen, was sie online lesen, so wie sie auch nicht jeden Link klicken, den ihnen ein Fremder mailt.

Schließlich wird sich der Trend fortsetzen. Denn der unerwartete Aufstieg von Donald Trump dank der sozialen Medien wird Vorbild für weitere Politiker werden. Auch in Deutschland.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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