Valley Voice: Der Fall des Hauses Uber

Valley Voice: Der Fall des Hauses Uber

, aktualisiert 21. März 2017, 10:15 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Sexismus-Vorwürfe und Manager-Abgänge: Der Fahrdienstvermittler Uber stürzt von Skandal zu Skandal. Doch das Chaos im wertvollsten Start-up von Silicon Valley zeigt die viel größere Sinnkrise der Branche.

San FranciscoEin Start-up in Silicon Valley zu führen, das ist wie eine Dauerfahrt auf der Überholspur – bei der man die Überholspur auch noch bauen muss. Der Druck von Investoren und Konkurrenz ist enorm, alles geht stets schief, an Schlaf ist nicht zu denken, am Wochenende sowieso nicht. Gründern darf dennoch nicht die Kontrolle über das Narrativ ihrer Firma entgleiten, so wie dies nun bei Uber zu beobachten ist.

Erfolg ist auch eine Frage der Kultur. Die Rundum-Sorglos-Pakete der Unternehmen, die kunterbunten Büros, das Bio-Essen – die „soften“ Faktoren der Unternehmensführung, sie werden von Außenstehenden gern als niedlich verlacht. Doch sie zahlen auf die Moral ein. Das ist wie mit dem guten Essen auf See: In Krisenzeiten beugt es der Meuterei vor.

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Die jüngsten Abgänge im Management deuten darauf hin, dass die Stimmung bei Uber mindestens so gruselig ist wie in einer Geschichte von Edgar Allan Poe. Nach Präsident Jeff Jones verließ auch Brian McClendon, der die Entwicklung des Zukunftsgeschäfts mit autonomen Fahrzeugen maßgeblich steuerte, das Start-up, Als „giftig“ gar bezeichneten Freada Kapor Klein und Mitch Kapor, frühe Investoren bei Uber, die interne Atmosphäre in einem offenen Brief.

Der Aufsichtsrat der Firma, zu dem Medienunternehmerin Arianna Huffington gehört, hat Kalanick erneut das Vertrauen ausgesprochen. Fragen nach weiteren möglichen Änderungen im Uber-Management wollte das Unternehmen gegenüber dem Handelsblatt am Montag nicht kommentieren.

Doch intern gerät der Gründer immer mehr unter Druck, nicht nur wegen der Vorwürfe der Ex-Mitarbeiterin Susan Fowler über stillschweigend geduldeten Sexismus im Unternehmen, sondern auch wegen der Klage von Google-Mutter Alphabet. Sie wirft Anthony Levandowski, Gründer des inzwischen zu Uber gehörigen Lkw-Start-ups Otto vor, Technologie gestohlen zu haben.

Kalanick will sich inzwischen als Führungskraft „fundamental verändern“. Eine neue Nummer zwei im Unternehmen soll ihn künftig bei operativen Fragen unterstützen. Doch ob das reicht, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, er sei in ein paar Wochen vom Rowdy zum weisen Konzernlenker gereift?


Das Silicon Valley braucht Unterstützung

Wohl kaum – zeigte der 40-jährige Kalanick doch bislang wenig Willen zum Kompromiss. Die Wohnplattform Airbnb, die mit ähnlichen Problemen wie Uber zu kämpfen hat, lädt Gastgeber regelmäßig zu Treffen und Partys in der physischen Welt ein und will bei Steuerfragen enger mit den Städten zusammenarbeiten. Der Uber-Chef hingegen spricht davon, die eigenen Fahrer irgendwann durch Roboter zu ersetzen, streitet vor Gericht über Versicherungsfragen und beschimpfte einen Mitarbeiter des Limousinenservices Uber Black, statt sich anzuhören, was der Mann ihm zu sagen hatte.

Kalanick hat viele Fehler gemacht – doch die aktuelle Krise von Uber deutet noch auf ein viel größeres Problem hin, das die ganze Branche betrifft. Das Silicon Valley feiert Gründer, die traditionelle Märkte wie Geschäftsgegner aufmischen. Unternehmer werden von Investoren zu Aggressivität und Wachstum um jeden Preis gepeitscht. „Lieber später um Vergebung bitten, als vorher um Erlaubnis”, lautet das Motto der Szene. Kalanick gefiel sich darin, das Prinzip auf die Spitze zu treiben. Er kämpfe gegen ein „Arschloch namens Taxi“, ließ er jeden gern wissen.

Zugegeben, Ubers Geschäftsmodell ist per se eine Kampfansage an die Taxi-Lobby und die Gesetzgebung, egal wie man das nach außen verkauft. Und wer immer nur alle Regeln befolgt, humpelt dem Fortschritt hinterher. Traditionelle Firmen werden immer vor allem den Status Quo pflegen und sich gegen Veränderungen eher stemmen. Doch statt der Öffentlichkeit freundlich, plausibel und – im Sinne der Kundenmentalität vielleicht sogar ein wenig unterwürfig – zu erklären, wie wichtig der eigene Service ist, pflegte Kalanick sein Badboy-Image.

Egal wie es nun für ihn selbst ausgeht, Kalanick hat es geschafft, dass aus einer sinnvollen Idee, nämlich der Erneuerung des innovationsbedürftigen Transportgeschäfts, eine Firma mit moralisch fragwürdigem Außenbild geworden ist. Anderen Gründern sollten aus dem Fall des Hauses Uber lernen.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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