Valley Voice: Die Denkfehler des Peter Thiel

Valley Voice: Die Denkfehler des Peter Thiel

, aktualisiert 01. November 2016, 14:02 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Milliardär und Paypal-Gründer Peter Thiel verteidigt sein Engagement für den umstrittenen Republikaner Donald Trump. Doch er verwickelt sich in Widersprüche – der Rest der Welt kann ihm inzwischen nicht mehr ganz folgen.

Wenn Peter Thiel durch die Fenster seines Büros im vierten Stock gen Horizont blickt, rechts leuchtet die Golden Gate Bridge, links zieht ein Lastkahn die Bay entlang, dann denkt er vielleicht über die großen Fragen nach. Etwa darüber, „Wie wir den Plan der Welt neu schreiben“, so formulierte er das in seinem Buch „Zero to One“.

Unter diesem Anspruch geht es kaum für den Bewohner von 1 Letterman Drive, einem roten Backsteingebäude auf dem ehemaligen Militärstützpunkt der Spanier von 1772. So abgeschottet wie der 49-Jährige da sitzt vom Rest der Welt, so gern sieht er sich als Visionär, der Dinge sagt, die sich andere nicht trauen, im Blick das große Ganze.

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Doch der Rest der Welt kann inzwischen nicht mehr ganz folgen. Das politische Engagement für Republikaner Donald Trump hat Thiel, den sie im Valley immer schon ein wenig „strange“ fanden, noch mehr zum Außenseiter gemacht.

Der Mann tritt nun die Flucht nach vorn an. Ihm selbst und seiner Arbeit als Unternehmer habe die Unterstützung des Republikaners „nicht in einer bedeutenden Weise“ geschadet, behauptet Thiel bei einem öffentlichen Termin in Washington. „Ich habe viel Zurückweisung von Leuten erlebt, gelinde gesagt.“ Wichtige Freundschaften und Geschäftsbeziehungen seien davon aber unberührt.

Der Auftritt soll Stärke demonstrieren und, dass sich Thiel von Kritik nicht einschüchtern lässt, die ihm in Silicon Valley und anderswo entgegenschlägt. Vielleicht hat er das auch unterschätzt, nach seinem erfolgreichen Rachefeldzug gegen das Klatschportal Gawker. Vielleicht treibt ihn inzwischen auch ein Trumpscher Größenwahn. Wie der 70-jährige Provokateur hat auch Thiel schon allerlei Unsinn von sich gegeben, als er sich gegen ein Wahlrecht für Frauen aussprach etwa, oder Vergewaltigungen verharmloste.

Thiels aktuelle Äußerungen sind ihrer Rhetorik besonders lückenhaft. „Ich stimme nicht allem zu, was Donald Trump gesagt oder getan hat“, sagt Thiel. Aber eine extreme Situation erfordere eben extreme Maßnahmen. Ein Totschlagargument. Das politische System der USA sei „kaputt“, die Eliten am Ende, nur ein Nicht-Politiker könne es nun richten. „Ich hatte immer schon ein Faible für Außenseiter.“

Thiel gefällt sich selbst in dieser Rolle. Auch er provoziert gern, spielt seine Andersartigkeit als Distinktionsmerkmal aus. „Wo alle einer Meinung sind, lohnt das Engagement nicht“, lautet sein Motto. Die Westküste wählt demokratisch, Thiel unterstützt die Tea Party-Bewegung. Sie schwärmt von der Elite-Universität Stanford, Thiel gibt jungen Menschen Geld, wenn sie das Studium abbrechen und ein Startup gründen.


Eine eklatante Verharmlosung

Außenseiter können richtig liegen, das hat der Milliardär mit der eigenen Karriere bewiesen, als Gründer von Paypal, als einer der ersten Investoren von Facebook. Doch Thiel verkennt, dass die Regeln von Silicon Valley nicht zwangsläufig auf Washington anwendbar sind. Außenseiter kommen in der Politik nur bedingt weiter, jedenfalls nicht, wenn es darum geht, in einem demokratischen System Mehrheiten zu organisieren.

Trump ist denn auch kein disruptives Startup, das den verkrusteten Politikbetrieb umkrempeln will, so wie das Valley hin und wieder innovationsfeindliche, überkommene Industrien. Der Immobilien-Mogul steht für Machotum, Rassismus und Sexismus. Er ist der Kandidat der reaktionären weißen Männer, die beim Wandel auf der Strecke geblieben sind. Das ist das Gegenteil von Fortschritt.

Kurz nach Veröffentlichung des Videos, in dem sich Trump mit Grapsch-Attacken brüstete und zahlreiche Frauen erklärten, der Politiker habe sie sexuell belästigt, spendete Thiel 1,25 Millionen Dollar. Der Skandal führte dazu, dass sich Mark Zuckerberg gezwungen sah zu erklären, warum Thiel Mitglied von Facebooks Aufsichtsrat bleibt.

In Washington nennt Thiel das Video „extrem unangebracht“, ebenso wenig unterstütze er Trumps „besondere Sprache“ gegenüber Muslimen. Nach Ansicht des republikanischen Präsidentschaftskandidaten sollen Muslime zunächst nicht mehr in die USA einreisen dürfen, bis geklärt sei, „was vor sich geht“.

In Washington versucht der Investor, die radikalen Aussagen herunterzuspielen, spricht von kleineren „Makeln“. Man dürfe, was Trump so sage, nicht wörtlich nehmen. Das ist schon eine eklatante Verharmlosung. Wenig glaubwürdig außerdem, dass der Philosophie-Absolvent Thiel, der freihändig Francis Bacon, Friedrich Nietzsche oder auch Karl Marx zitiert, nun plötzlich argumentiert, man solle bei dem, was Trump sagt, nicht auf jedes Wort schauen.

Besonders widersprüchlich fällt jedoch auf, dass Thiel, der in Washington Immigrationsprobleme anmahnt, selbst gar nicht in den USA geboren wurde, sondern im hessischen Sprendlingen bei Frankfurt. Thiel wanderte im Alter von einem Jahr mit seinen Eltern aus.

Wenn man richtig hinsieht, dann beruhen sogar einige der wichtigsten Erfolgsgeschichten von Silicon Valley auf erfolgreicher Immigration. Auch Steve Jobs stammt von einem Einwanderer ab, der aus dem syrischen Homs in den 50er-Jahren in die USA kam. Jan Koum, Gründer von WhatsApp, wuchs in der Nähe von Kiew in der Ukraine auf. Elon Musk kam als Student aus Pretoria, Südafrika, in die Vereinigten Staaten.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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