Valley Voice: Die Trumpification des Internets

Valley Voice: Die Trumpification des Internets

, aktualisiert 08. März 2016, 12:34 Uhr
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Hilft der Schlaf des Journalismus seinem Aufstieg?

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Journalisten werden heutzutage für nahezu alles verantwortlich gemacht – inklusive des Aufstiegs von Donald Trump. Doch führt ein Schlaf des Journalismus wirklich zur Trumpification des Internets?

Dating ist kompliziert. Da ist dieser Typ, den meine Freundin wirklich mag. Aber kann sie mit jemandem ausgehen, der nicht weiß, wer David Foster Wallace ist? Wahrscheinlich drückte der tagelange Regen in San Francisco einfach auf unsere Stimmung. Es schüttete, als sei das Ende der Welt nah.

Es regnet nie in Kalifornien. Wenn aber doch, dann verhalten sich die Leute, als ob die Menschheit unmittelbar vom Aussterben bedroht sei. Manchmal stelle ich mir vor, was kalifornische Autofahrer in Berlin anrichten würden.

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Meine Freundin und ich redeten auch über die Zukunft. Ich sagte, ich müsse dringend mit meinem Vermieter über das Wasser-Leck in der Küche sprechen. Meine Freundin sagte, sie wolle den Job wechseln. Das war bemerkenswert, schließlich arbeitet sie für eine dieser Technologiefirmen mit Millionenumsatz. „Ich denke, ich könnte Journalistin werden“, sagte sie.

Ich war überrascht. Meistens sind es die Journalisten, die dringend etwas anderes werden wollen; Medien-Professor, PR-Stratege oder Wasserfilter-Vertreter zum Beispiel. Für sie ist das Reporterdasein oft so erstrebenswert wie ein Barfuß-Dauerlauf durch Glassplitter. Journalisten werden heute schließlich für nahezu alles verantwortlich gemacht, inklusive Tech-Blase, Klimawandel und den Aufstieg von Donald Trump.

Meine Freundin war da anderer Meinung. „Ich denke, das Problem mit Trump ist genau umgekehrt, dass wir nicht genug Filter online haben“, sagte sie. „Wenn er die Lügen, die er bei Twitter oder Facebook verbreitet, in einem Interview von sich gäbe, würde man ihn korrigieren. So kann er sich direkt und ungefiltert an sein Publikum wenden. Er hat seine eigene Zeitung, die all diesen Müll in den sozialen Medien publiziert.“

Aber glauben denn die ganzen intelligenten Menschen im Internet den Mist, den Trump online hinausbläst? „Selbst wenn nicht – viele von ihnen verbreiten seine Auffassungen dennoch weiter indem sie sich über ihn lustig machen“, sagte meine Freundin. „Meine Timeline ist voller Trump- Videos und -Fotos. Warum? Weil sie so unterhaltsam sind.“

Später las ich, dass Trump in einigen Wochen viermal so viel Aufmerksamkeit bei Twitter hatte wie die anderen Kandidaten. Aber was bedeutet das? Der Schlaf des Journalismus führt zur Trumpification des Internets? Und die Journalisten sind die Guten? Höchstens im Kino.

Aber vielleicht bin ich grad auch nur schlecht drauf. Draußen regnet es immer noch. David Foster Wallace hätte das alles verstanden.

There is also an English version of this column.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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