Valley Voice: Home Sweet Home

Valley Voice: Home Sweet Home

, aktualisiert 04. Oktober 2016, 11:35 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Google stellt heute den Sprachassistent „Home“ vor. Der IT-Gigant aus Mountain View sucht dringend nach neuen Geschäftsmodellen – und wir nach einem Hausgast, der Musik spielt, das Wetter ansagt und Uber ruft.

Gemeinhin sind die Einwohner von San Francisco mit Anfang 30 aus dem WG-Alter heraus. Sie wollen dann ihren eigenen Kickertisch. Haben sie jedoch endlich Ruhe und Privatleben, so ist dies auch wieder nicht richtig. Plötzlich wünschen sie sich einen, der da ist, wenn sie abends nach Hause kommen. Die Einwohner von San Francisco verfolgen dazu ganz unterschiedliche Strategien. Viele lassen einfach den Fernseher laufen, wenn sie die Wohnung verlassen, so quasselt im Grunde immer einer. Andere schaffen sich einen Partner an. 

Nun kommt der Einsatz vasenförmiger Sprachboxen mit integriertem digitalen Assistenten dazu. Amazon hat mit „Echo“ bereits ein Produkt auf dem Markt. Google will heute „Home“ launchen, eine Art moderner Hausfreund, in Sachen Interaktion wesentlich gewitzter als die alte Kinderpuppe, deren Beitrag wenn überhaupt aus Heulen bestand. 

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Ähnlich der Spielkameraden von früher steht auch Amazons zylinderförmiges „Echo“ im Bücherregal. Bislang nur in den USA und in Großbritannien, ab Ende Oktober startet der Verkauf in Deutschland. Wie Amazon will auch Google via „Home“ dem Nutzer dabei helfen, den Alltag besser zu meistern. So lautet wenigstens das Werbe-Versprechen.

Die Sache ist Google wichtig. Chef Sundar Pichai selbst hatte „Home“ bei der hauseigenen Entwicklerkonferenz im Mai vorgestellt, zusammen mit Sprachassistent „Allo“, der künftig quer über alle Geräte inklusive Betriebssystem Android, Browser Chrome und Maps hinweg schalten und walten soll. 

Nein, unwahrscheinlich, dass Google plötzlich ins Hardware-Geschäft einsteigt. „Hardware is hard – this is why they call it hardware“, lautet nicht umsonst eine populäre Handreichung der Branche. Für Google gilt das besonders. Pilot-Projekt Google Glass ist inzwischen gescheitert. 

Mountain View sucht dringend nach einem neuen finanziellen Standbein. Noch läuft das klassische Kerngeschäft mit der Suche, doch künftiges Wachstum findet auf dem Smartphone statt, wo Werbeanzeigen weniger einbringen. Der Mini-Bildschirm der Smartwatches wird noch schlechter mit klassischen Formaten auszuschlachten sein.

Google hat deshalb „Allo“ entwickelt. Der Sprachassistent soll den Nutzer enger an die konzerneigene Infrastruktur binden, uns ebenso sicher durch die mobile vernetzte Welt navigieren, wie die Google-Suche durch Webseiten. Der Lautsprecher selbst ist da nur schönes Beiwerk. 


Der digitale Hausgast hat auch angenehme Seiten

Schon seit längerem investiert Google in Spracherkennung, neuronale Netzwerke und „Deep Learning“, damit die Software noch schneller, besser und intuitiver antworten, vom Nutzer lernen und sich seinen Bedürfnissen anpassen kann, um sie irgendwann sogar vorherzusagen.

Gelingt es Google, die Idee mit attraktiven Funktionen für die Nutzer umzusetzen, könnten sich daraus tatsächlich neue Erlösquelle ergeben. Abzuwarten bleibt, wie die Konkurrenten Amazon, Apple oder Facebook mit ihren eigenen Chatbots und Assistenten reagieren.

Egal ob „Allo“ oder „Echo“ – den Marketing-Strategen von Google und Amazon sollte man schon vorab gratulieren. Sie schaffen es, sich mit schönem Design und wenigen Features in das intime Leben ihrer Nutzer zu manövrieren – und ihn dafür auch noch selbst zahlen zu lassen. „Echo“ kostet in den USA 179,99 Dollar. 

Solange uns das bewusst ist, können wir uns über die Lautsprecher-Vasen im Wohnzimmer freuen. Der Hausgast hat schließlich viele angenehme Seiten, er spielt Musik, sagt das Wetter an, ruft ein Uber – und hält vor allem den Mund, wenn er nicht angesprochen wird. 

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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