Valley Voice: Kalifornien kämpft gegen Enteignung durch Tech-Milliardäre

Valley Voice: Kalifornien kämpft gegen Enteignung durch Tech-Milliardäre

, aktualisiert 15. August 2017, 14:23 Uhr
von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Unter Silicon-Valley-Größen geht ein dekadenter Trend um: Mit Grundstückskäufen versuchen sie, öffentliche Strände abzuriegeln. Der Risikoinvestor Vinod Khosla musste nun jedoch eine herbe Niederlage einstecken.

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Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoEs ist eine krachende Niederlage für den Milliardär Vinod Khosla und praktisch niemandem im Silicon Valley tut es leid. Der heutige Risikokapitalinvestor und Mitgründer von Sun Microsystems hat sieben Jahre lang mit juristischen Tricks versucht, die Einwohner des Silicon Valley von einem der schönsten Strände Nordkaliforniens fernzuhalten.

Er hatte ein Stück Land erworben, über das die einzige Zugangsstraße zum malerischen Surferparadies Martins Beach führt, rund zehn Kilometer südlich des Küstenorts Half Moon Bay. Mit dem Verbot sein Land zu betreten, hatte Koshla den international bekannten Strandabschnitt im Silicon Valley praktisch für sich alleine, ohne ihn kaufen zu müssen.

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Was er auch gar nicht hätte machen können. Nach kalifornischem Recht ist der Strand per Gesetz öffentliches Gelände. Vergangene Woche verurteilte ein Berufungsgericht ihn dazu, die Gittertore zu öffnen und seine Wachtruppen abzuziehen, die jeden zurückschickten, der an den Strand wollte.

Man könnte das Ganze als schrullige Macken eines alternden Milliardärs abtun – doch Khosla ist kein Einzelfall: Bei superreichen Tech-Investoren liegt es im Trend, die Filetstücke der öffentlichen Küstenabschnitte oder die Ufer von bekannten Seen wie dem Lake Tahoe zu privatisieren und für den Rest der Welt zu sperren. Allen liberalen Sonntagsreden zum Trotz: Wenn es um ihre Grundstücke und Immobilien geht, fallen die Tech-Milliardäre nicht selten durch imperiales Gehabe auf.

So wollte Facebook-Mitgründer Mark Zuckerberg Anfang 2017 Familien auf Hawaii per Gericht dazu zwingen, ihm Grundstücke zu verkaufen, die an sein 2,8 Quadratkilometer großes Areal mit weißen Sandstränden auf der viertgrößten Insel Kauai angrenzen. Nach kurzer Zeit und massiven öffentlichen Anschuldigungen zog er die Klagen wieder zurück und nannte sie einen „großen Fehler“.

Zuckerberg ist nicht der erste Hawaii-Freund. Oracle-Chef Larry Ellison hatte ein Jahr zuvor Lanai gekauft, die sechstgrößte Insel des US-Bundesstaates. Auch hier geht die Angst der Zwangsumsiedlung unter den verbliebenen Bewohnern um.


Symbol des Widerstands gegen die Tech-Aristokratie

Während Hawaii aber weit weg erscheint, ist Martins Beach ein historisch bedeutsamer Ort im Valley. Gut 100 Jahre lang wuchsen Generationen von Nordkaliforniern mit Martins Beach als Erholungsgebiet und Surfparadies auf. Bekanntestes Wahrzeichen ist ein Fels vor der Küste, den die einen „Haiflosse“, andere „Hexenhut“ nennen. Der Strand war so beliebt, dass dort sogar eine öffentliche Toilette installiert wurde. Doch Tech-Milliardär Khosla installierte auf dem Zugangsweg Sperranlagen.

Nun wird Martins Beach zum Symbol des Widerstands gegen die Enteignung der Öffentlichkeit durch die Tech-Aristokratie. Das Bild der sympathischen, jungen und innovativen Unternehmer weicht zunehmend dem Bild einer selbstgerechten Gruppe von Superreichen, die durch Skandale wie bei Uber auffallen oder Diskriminierungs-Memos eines jungen Google-Entwicklers, der der Hälfte der Weltbevölkerung, Frauen, einfach die Befähigung abspricht, bei Google als Programmierer arbeiten zu können. Auch Khosla hatte jüngst für hochgezogene Augenbrauen gesorgt, als er sexuelle Übergriffe oder Diskriminierung in der Risikokapitalbrache für „weniger verbreitet“ als in anderen Industrien bezeichnete.

Die Surfrider Foundation, die Khosla seit Jahren vor Gericht zieht und bislang in jeder Instanz gewonnen hat, geht nicht davon aus, dass der Kampf jetzt vorbei ist. Der Milliardär wird nach Meinung der gemeinnützigen Stiftung bis zum obersten Gerichtshof der USA, dem Supreme Court, gehen.

Es gibt aber Hoffnung, dass er damit scheitert. Malibus „Carbon Beach“ war über mehr als zwanzig Jahre von der Öffentlichkeit abgeschnitten. Superreiche Investoren bekamen Ausnahmegenehmigungen, dort stattliche Anwesen zu bauen, und mussten im Gegenzug Zugang zu den malerischsten Küstenabschnitten gewähren. Was aber nicht geschah und jahrelange und teure Prozesse nach sich zog. Mittlerweile ist Carbon Beach wieder für einen Abendspaziergang verfügbar.

Anders als Martins Beach: Die Gittertore waren am Wochenende jedenfalls trotz Niederlage vor Gericht weiterhin fest verrammelt. Aber zumindest die lokale Polizeibehörde hat mitgeteilt, sie werde keine Strafanzeigen oder Bußgeldbescheide für Strandtouristen wegen unerlaubten Betretens ausstellen.

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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