Valley Voice: Snapchat, verweile doch

Valley Voice: Snapchat, verweile doch

, aktualisiert 09. Mai 2017, 09:31 Uhr
von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Mit Spannung schaut das Silicon Valley in dieser Woche auf Snap. Der Tech-Senkrechtstarter legt erstmals seit dem Börsengang Quartalszahlen vor. Welche Überlebenschance hat der Neuling gegen Facebook?

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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoSeit kurzer Zeit lässt sich im Silicon Valley die späte Rache der Geisteswissenschaften beobachten. Bisher galten die schönen Künste gemeinhin als sicheres Ticket in die Armut. Heute sucht Google per Stellenanzeige nach Ethik-Spezialisten, die sich mit den juristischen und philosophischen Fragen befassen, die die neuen Technologien aus Mountain View aufwerfen. Das kategorische Durchdenken von Kant und Co. erlebt eine unerwartete Renaissance.

Kein Wunder also, dass sich der Ehrgeiz des jüngsten Neuzugangs auf der Tech-Bühne ebenfalls am geisteswissenschaftlichen Gedankengut orientiert. Ginge es nach Snapchat-Gründer Evan Spiegel, dann sollen künftig mehr Nutzer bei ihm verweilen als bisher. Ganz nach dem Motto aus Goethes „Faust“ – mit besserem Ausgang hoffentlich.

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Nun wird sich zeigen, ob der Plan aufgeht. Erstmals seit dem Börsengang vor knapp zwei Monaten präsentiert die Firma Snap Geschäftszahlen. Die Investoren werden genau hinsehen. Nicht so sehr auf Umsätze oder Gewinne. Die wird das Start-up aus Los Angeles auf absehbare Zeit nicht liefern. Das hatte Spiegel bereits vor dem Börsengang klar gemacht und sogar einen Verlust in Höhe von 515 Millionen Dollar für 2016 vermeldet.

Immerhin: Snaps Umsatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr fast versiebenfacht. Die Aktionäre griffen zu. Doch nach Kursschwankungen von mehr als zehn Prozent in den vergangenen Wochen muss der Gründer demonstrieren, dass seine Firma, deren Wert zwischenzeitlich auf 24 Milliarden Dollar schoss, dauerhaft überlebensfähig ist. Und das ist sie nur, wenn sie Reichweite und Werbeumsätze vergrößern kann, auf denen ihr Geschäftsmodell beruht.

Rivale Facebook hat die Expansion des Neulings teilweise bereits gestoppt. 175 Millionen Menschen nutzen inzwischen den Snapchat-Klon „WhatsApp Stories“, Snapchat selbst hatte zuletzt nur 161 Millionen Nutzer. „Instagram Stories“ riefen sogar 200 Millionen Menschen täglich auf. Das Wachstum schob Facebook laut „The Information“ auch durch gezielte Finanzspritzen an. Instagram stockte den Etat für Eigenwerbung um zwischen 30 und 40 Prozent auf und investierte insgesamt eine Summe von 80 Millionen Dollar, Snap hingegen nur 9,4 Millionen Dollar.


Image des verrückten, angesagten Anti-Facebook

Das ist deshalb interessant, weil es das grundsätzliche Problem von Gründer Spiegel aufzeigt: Facebook wird aufgrund seiner Reichweite (1,9 Milliarden Nutzer) und Größe (einer Marktkapitalisierung von 434 Milliarden Dollar) viele Ideen einfach aufsaugen und schneller ausliefern können. Die Konsequenz für Spiegel muss deshalb lauten, die Bereiche seines Geschäfts weiterzuentwickeln, in denen Facebook (noch nicht) so stark ist, wie zum Beispiel bei der Hardware.

Hier zeigte Snap bislang mehr Design-Intelligenz als Facebook, das seine eigene Hardware-Kompetenz mit „Building 8“ gerade erst entwickelt. Bei den Nutzern kommen die bunten Sonnenbrillen an, sind sie doch stylisch und kaum als Kamera zu erkennen.

Besonders starken Zuspruch erfährt Snap bei jungen Nutzern; mit dem Image des verrückten, angesagten Anti-Facebook wurde die Firma berühmt. Damit punktet das Netzwerk bei einer den Experimenten zugewandten, aber schwierigen Nutzergruppe, deren Mitglieder immer auf der Durchreise zum nächsten Tech-Spielzeug sind – das Motto „Augenblick, verweile doch“ gilt hier nur bis zur nächsten Sensation.

Die besten Chancen, das digitale Nomadentum zu stoppen, könnte die Plattform „Discover“ eröffnen. Snap hat für seinen neuen Kanal Vereinbarungen über die Produktion eigener Shows mit Medienunternehmen wie NBC Universal, Turner, der BBC, Vice oder der Football-Liga NFL getroffen. Sie könnten Nutzern auch dann einen Grund geben, die Plattform zu besuchen, wenn ihre Freunde längst weitergezogen sind.

Doch Snap wird es auf lange Sicht schwer haben, sich gegen Facebook durchzusetzen, selbst wenn die aktuellen Quartalszahlen nun besser ausfallen, als erwartet. Für das „Verweile doch“ der Snapchat-App auf unseren Telefonen wird entscheidend sein, wie schnell Gründer Spiegel seine Strategie wechselt.

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, im Wechsel über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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