Valley Voice: Uber gegen Google – ein Duell auf der Straße

Valley Voice: Uber gegen Google – ein Duell auf der Straße

, aktualisiert 30. August 2016, 13:42 Uhr
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Kaum ein anderer Konzern im Valley wirbt bei Google derzeit so aggressiv Mitarbeiter ab wie der Fahrdienst.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Uber und Google haben sich kräftig verkracht. Ein hochrangiger Google-Manager muss jetzt den Verwaltungsrat des Fahrdienstes verlassen. Im Kampf um Talente und das autonome Fahren schaltet Uber-Chef Kalanick auf Angriff.

Im Silicon Valley läuft man als Jogger ständig Gefahr, überfahren zu werden. Stopp-Schilder ignorieren die Leute hinterm Steuer ebenso wie das Konzept Zebrastreifen oder Rückspiegel. Oft kommt man nur knapp mit dem Leben davon. Allein schon deshalb sind selbstfahrende Autos eine gute Idee.

Uber testet diese Technologie nun in Pittsburgh an der US-Ostküste, erste Fahrzeuge wurden bereits auf der Straße entdeckt. Die Motivation dahinter ist dabei nicht in erster Linie die Sicherheit von Freizeitsportlern, sondern wirtschaftliches Interesse. Uber-Chef Travis Kalanick will Kosten drücken. Bald sollen Roboter Fahrzeuge navigieren.

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Der Schritt demonstriert mal wieder, dass Kalanick die Vision von den selbstfahrenden Autos ohne Google erreichen will. Der Internetkonzern gehörte zu den ersten Investoren seiner Firma, bis sich beide Seiten öffentlichkeitswirksam verkrachten.

Jüngster Beweis: Gestern meldete Uber, dass Google-Manager David Drummond, seit 2013 im Verwaltungsrat von Uber, seinen Posten räumt – mit Hinweis auf die gestiegene Konkurrenz. Zuvor hatte „The Information“ berichtet, dass Drummond von Sitzungen des einflussreichen Kontrollgremiums ferngehalten worden sei.

Uber gegen Google – die Unternehmen tragen die Sache jetzt auf der Straße aus. Auf der einen Seite steht Kalanick, der dringend gute Nachrichten braucht. Vergangenes Halbjahr verbrannte sein Expansionskurs laut Medienberichten 1,2 Milliarden Dollar. Im chinesischen Markt waren es bereits weitere zwei Milliarden in zwei Jahren. Der Verkauf des China-Geschäfts an den Konkurrenten Didi mag Uber dem Börsengang näher bringen.

Doch der Rückzug bleibt eine Macke in der glänzenden Story, die Kalanick gern erzählt. Ubers Bewertung von 68 Milliarden Dollar wird inzwischen angezweifelt. Vor zwei Wochen kassierte ein Richter die Einigung mit Fahrern in San Francisco, die von Uber wie Mitarbeiter behandelt wollen werden. Die Entschädigung könnte bald weit höher ausfallen als jene 100 Millionen Dollar, auf die man sich zuvor geeinigt hatte.


Kalanick wirbt aggressiv um Mitarbeiter

Viele Hürden für Uber liegen jenseits der Technologie, bei den Gesetzgebern und Regulatoren. In Pittsburgh werden zwei Fachleute hinterm Steuer die Systeme beaufsichtigen. In welchem Umfang die Autos im fast unkalkulierbaren Innenstadtverkehr tatsächlich autonom unterwegs sind, bleibt abzuwarten.

Die Wahl des Test-Ortes ist dabei kein Zufall. Uber kooperiert mit Robotik-Experten der ortsansässigen Carnegie Mellon University. Pionier Sebastian Thrun, der für Google das erste autonome Fahrzeug entwickelte, forschte sieben Jahre an der Universität. Chris Urmson, langjähriger Chef von Googles Auto-Projekt, studierte dort. Der ehemalige Leiter des Robotik-Departments der Uni, John Barnes, arbeitet inzwischen bei Uber.

Kaum ein anderer Konzernchef im Valley wirbt bei Google derzeit so aggressiv Mitarbeiter ab wie Kalanick. Er will unabhängig von Googles omnipräsentem Kartendienst werden. Dominik Graf, früher bei Google Maps, wo er die Kartensoftware iPhone-tauglich machte, ist heute verantwortlich für die komplizierte Mathematik hinter Ubers Erfolgsalgorithmus, der Fahrer und Passagiere zusammenbringt und den Preis festlegt.

Auch Brian McClendon, Pionier von Google Maps, und sein Kollege Manik Gupta wechselten zu Uber. Im August verlor Google dann auch den langjährigen Chef des Teams rund um das autonome Auto, Urmson. Die Ex-Google-Mitarbeiter Alexander Levandowski gründete mit drei weiteren Kollegen Otto, das Technologie für autonome Lastwagen baut und erst kürzlich ebenfalls von Uber geschluckt wurde.

Von Kalanick war das ein ziemlich schlauer Zug. Er hat die Kooperation mit Google abgesagt und sichert sich die wertvollen Talente eben auf anderem Wege. Angesichts der besseren Berechenbarkeit der Szenarien für autonome Fahrzeuge auf der Autobahn, dürfte die Technologie von Start-up Otto früher marktfähig sein.

Für Google auf der anderen Seite sind das schlechte Nachrichten. Seit sieben Jahren – so lange wie es Uber gibt – schraubt die Firma nun schon an seinem selbstfahrenden Auto. Da stellt sich leicht Frust ein bei den ehrgeizigen Valley-Technologen, wenn es mit Entwicklung und Marktreife nicht schnell genug voran geht, und die Abwanderung beginnt.

Vielleicht reizt die Aussicht auf Aktienpakete für Ubers Börsengang. Vielleicht nervte auch einfach das putzig-bunte Office-Design. Die Science-Fiction-Konzernzentrale von Uber in San Francisco jedenfalls, in Kupfer-Metall und dunklem Holzmobiliar, fühlt sich eher an wie ein Ort, an dem Erwachsene arbeiten.


Googler verlassen den Konzern scharenweise

Trotz der an den Tag gelegten Zwangsjugendlichkeit ist Google eben kein Start-up mehr, sondern feiert bald Zwanzigjähriges. Da kann der Spirit schon mal verloren gehen. Die Wanderungen zwischen Konzernen sind im Valley keine Seltenheit, wo der Krieg um Talente so heftig geführt wird wie kaum woanders. Doch für Google kommt die jüngste Entwicklung zur Unzeit.

Ja, Google ist ein Technologie-Gigant, der regelmäßig Milliardenumsätze erwirtschaftet. Aber ein neues Standbein neben dem einträglichen Geschäft mit der Suche ist weiter nicht in Sicht. Das Gründerduo Larry Page und Sergey Brin hat dem Konzern mit der Reform in Alphabet Kostenkontrolle verordnet.

Sie betrifft vor allem die „Other Bets“, die mit einem Verlust von 3,6 Milliarden Dollar 2015 und weiteren 859 Millionen im letzten Quartal, regelmäßig das Konzernergebnis verhageln. Zu ihnen gehört neben dem geheimen Forschungslabor X auch das Projekt mit dem fahrerlosen Auto.

Die „Other Bets“ müssen verstärkt belegen, wie Milliarden-Investitionen für Schüsse auf den Mond Produkte werden. Da gehen den Strategen in jüngster Zeit die Argumente aus. Bei X etwa liefen die Kosten für Google Glass völlig aus dem Ruder. Das einst so prestigeträchtige Projekt ist inzwischen eingestellt.

Tony Fadell, Gründer des Thermostate-Herstellers Nest, verließ Google ebenfalls. Nach der Übernahme war es still um seine Firma geworden. Auf innovative Geräte hatte die Branche vergeblich gewartet. Kein Wunder, dass die Googler befürchten, das selbstfahrende Auto könnte die Erwartungen ebenfalls nicht erfüllen. Sie wechseln scharenweise, zum Beispiel zu Uber.

Die Googler wandern übrigens auch zu europäischen Unternehmen ab. Airbus-Chef Tom Enders etwa ernannte Paul Eremenko Anfang Juni zum Chef Technologie Officer der Airbus Group. Der erst 36-jährige Luftfahrtspezialist hatte bei Google und der regierungsnahen Darpa-Initiative gearbeitet.

Airbus kündigte die Entwicklung autonomer Helikopter für den Taxibetrieb an. Der erste Prototyp soll 2017 getestet werden. Wann ein Produkt auf den Markt kommt steht, so gehört sich das für ein Luft- und Raumfahrtunternehmen, bislang noch in den Sternen. Aber vielleicht ist die Idee, Autos komplett von der Straße zu entfernen, ohnehin die beste Idee – jedenfalls für die bedrohten Jogger.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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