Valley Voice: Unerträgliche Bigotterie

Valley Voice: Unerträgliche Bigotterie

, aktualisiert 11. Oktober 2016, 12:46 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Ein Investor hat Klage gegen Elizabeth Holmes, Gründerin des einst mit Milliarden Dollar bewerteten Blutanalyse-Start-ups Theranos, eingereicht. Der Fall zeigt die tiefe Unaufrichtigkeit im Silicon Valley.

Größer als der Jubel, in den die junge Frau das Silicon Valley gestürzt hatte, ist heute nur noch die Schadenfreude derer, die es angeblich schon immer gewusst hatten. Die 32-jährige Elizabeth Holmes wurde fast über Nacht zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt. Nun schwindet neben ihrem Vermögen auch ihr Ansehen.

Die Vorwürfe gegen die Gründerin wiegen schwer. Das einst mit Milliarden Dollar bewertete Blutanalyse-Start-up soll vorgetäuscht haben, dass seine Technologie kurz vor der Markteinführung stehe. Tatsächlich habe Theranos gar kein neuartiges Verfahren entwickelt, sondern herkömmliche Analyseinstrumente verwendet.

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Erst erließ die zuständige U.S. Food and Drug Administration (FDA) ein zweijähriges Berufsverbot gegen Holmes, weil die Praktiken in ihrem Labor nicht den Vorschriften entsprachen. Dann leiteten die US-Justizbehörden Ermittlungsverfahren gegen die 32-Jährige ein. Die Behörde wirft ihr vor, ihre Investoren über den Zustand ihres Produkts bewusst getäuscht zu haben. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ hat nun offenbar auch der erste Finanzier Konsequenzen gezogen. 

Demnach reichte Partner Fund Management LP, ein Hedgefonds aus San Francisco, Klage gegen Theranos ein. Der Vorwurf: Die Firma habe sich das Investment in Höhe von 91 Millionen Dollar unrechtmäßig erschlichen. Insgesamt hatte Theranos von mehreren Finanziers Geld in Höhe von 800 Millionen Dollar eingeworben. Die aktuelle Klage dürfte daher nur der Anfang sein. 

Doch der Fall Theranos ist bei langem nicht so einfach, wie er vielleicht scheint. Sicher, Kritik und die Härte gegenüber der Gründerin sind berechtigt. Holmes hat Fehler gemacht. Sie hat der Öffentlichkeit vorgegaukelt, ein Produkt zur Revolution des Gesundheitsmarkts zu entwickeln. Doch das gab es de facto gar nicht.

Die Taktik ist im Valley nicht neu. „Fake it, until you make it“ – lautet das Motto. An der Sand Hill Road, wo die großen Risikokapitalgeber aus dem Valley sitzen, sammeln Gründer auch dann Geld ein, wenn sie nicht einmal einen Prototypen besitzen. Können sich Theranos Geldgeber tatsächlich komplett aus der Verantwortung stehlen? 


Die wundersame Geschichte einer Newcomerin

Traditionell nehmen Venture-Capital-Investoren (VC) je nach Höhe der Geldspritze einen Platz im Aufsichtsrat eines Start-ups ein, wo sie sich um die Entwicklung der Firma kümmern. Ich kenne Geldgeber, die telefonieren jede Woche mit ihrem Entrepreneur. Oder Gründer, die im Monatstakt ihrem VC gegenüber Rechenschaft ablegen. Schwer vorstellbar, dass dies im Fall von Theranos ganz anders gewesen sein soll. 

Vielleicht stellten diese Investoren einfach nicht die richtigen Fragen, so lange alles gut lief? So wie die vielen Journalisten, die Holmes erst auf ihre Titelseite hoben („Forbes“ und „Fortune“) oder auf die Liste der „100 einflussreichsten Menschen“ 2015 („Time“) und sich nun gegenseitig mit Häme zu überbieten? 

Etwa, damit keiner merkt, dass die Journalisten jahrelang die wundersame Geschichte einer Newcomerin im Gesundheitsmarkt mitgetragen und einfach schrecklich schlecht recherchiert haben? Klar, all das entlastet Holmes keinesfalls. Aber es zeigt doch eine unerträgliche Bigotterie.

Quelle:  Handelsblatt Online
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