Valley Voice: Von hier an blind

Valley Voice: Von hier an blind

, aktualisiert 14. März 2017, 15:04 Uhr
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Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Das Technologie-Festival „South by Southwest“ war in diesem Jahr eine Post-Trump-Konferenz. Das liberale Amerika hinterfragt in diesen Tagen sich selbst – und die Rolle der Technologie als Lösung aller Probleme.

AustinRay Kurzweil hat es sich auf der Bühne gemütlich gemacht, das rechte Bein lässig über das linke geschlagen. Und dann sagt der Google-Entwicklungschef einen jener Sätze, den die Leute im Publikum von ihm erwarten. „Wir werden uns selbst intelligenter machen, indem wir uns mit Computern verbinden.“ Schon heutige Rechenmaschinen, zum Beispiel Smartphones, seien doch bloß eine Erweiterung des Gehirns, so der 69-Jährige. „Wir Menschen haben immer schon Werkzeuge geschaffen, um uns zu verbessern. Das Gleiche tun wir bald mit unserem Intellekt.”

Bestseller-Autor Kurzweil ist überzeugt, dass Maschinen im Jahr 2029 die gleichen intellektuellen Fähigkeiten haben werden wie Menschen – und dass in naher Zukunft das menschliche Bewusstsein mit den Computern verschmilzt und der Mensch damit unsterblich wird. Der Informatiker und Futurist gilt als einer der wichtigsten Vordenker des Silicon Valley. Sein Auftritt hat die Massen in den großen Saal des Austin Convention Centers gezogen, er ist einer der vielen Höhepunkte des Technologie-Festivals „South by Southwest“ (SXSW) in der texanischen Großstadt.

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Doch etwas ist anders als sonst. Kurzweil, der Technologie-Apologet, wirkt an diesem Tag geradezu anachronistisch. Zwar feiert die SXSW wie immer die großen Visionen für die digitale Zukunft. Doch das Mantra der Technologie-Szene, nach dem mehr Technologie zwangsläufig mehr Fortschritt bedeutet, ist längst nicht mehr unhinterfragt.

In die übliche Tech-Euphorie hat sich große Ernsthaftigkeit gemischt und ein Hauch von Besorgnis. Früher galt etwa Künstliche Intelligenz vor allem als Chance für das Wachstum und das Geschäft. Nun diskutiert die Branche allerorts über die dunkle Seite der Macht, über diskriminierende Algorithmen, Filterblasen oder Hasskommentare.

Die SXSW ist in diesem Jahr eine Post-Trump-Konferenz. Nach der Wahl des neuen US-Präsidenten, der das Bild des Landes so fundamental umgekehrt hat, denkt das liberale Amerika über sich selbst nach. Begrüßten die Festival-Besucher bisher fast jeden Fortschritt geradezu naiv, ging es nun um die Frage, welches Verhältnis Gesellschaft und Wirtschaft zu den neuen Technologien einnehmen wollen, um die drängenden ethischen Fragen angesichts umfassender Digitalisierung.


Das Silicon Valley braucht Unterstützung

Wie programmieren wir Werte in die Maschinen? Wie gehen wir damit um, dass Robotik und Automatisierung bald Millionen Jobs ersetzen könnten? Wie lässt sich der Eindruck einer gesamtgesellschaftlichen Realität aufrechterhalten, angesichts der Tunnel-Visionen, in die uns soziale Netzwerke wie Facebook manövrieren? Wie diskutieren wir mit einer Generation von Internet-Nutzern, die eine Aufmerksamkeitsspanne von um die zehn Sekunden besitzen?

Die Technologiebranche stellt Fragen, ohne die Antworten zu kennen. Sie erkennt, dass die Technologie, anders als bisher behauptet, eben nicht die Lösung für alle Probleme ist, dass die digitalen Visionäre in punkto Zukunft genauso „von hier an blind“ sind wie alle anderen. Sie versteht erstmals, dass sie auf die Inspiration und Unterstützung anderer angewiesen ist, zum Beispiel der Politiker, Philosophen, Juristen oder Geisteswissenschaftler. Es ist das längst überfällige Eingeständnis der vermeintlichen Alleswisser. Die SXSW feiert das Nicht-Perfekte, das Leben als ewige Beta-Version.

Wie wichtig diese Einsicht ist, erkennt, wer ein halbe Autostunde entfernt zum Rodeo-Event in Austin geht. Dort sitzt das ausschließlich weiße Publikum in Cowboy-Hut und Stiefeln und feiert zu Bullenreiten, Pferdequälerei und Lasso-Schwingen das Amerika der 50er- und 60er-Jahre: das Amerika der Rassentrennung, das Amerika ohne Einwanderer, das Amerika der klaren Rollenverteilung, das Amerika, das US-Präsident Trump in seinen Reden beschwört. Das liberale Amerika, es ist ein zerbrechliches Konstrukt.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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