Valley Voice: Zuckerbergs vergessene Schlacht

Valley Voice: Zuckerbergs vergessene Schlacht

, aktualisiert 28. März 2017, 09:45 Uhr
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Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Steven Vachani ist längst pleite. Aber er kämpft weiter gegen Facebook. Und ausgerechnet die EU-Kommission könnte Mark Zuckerberg in der vergessenen Schlacht des Silicon Valley noch zum Verhängnis werden.

San FranciscoWas der österreichische Student Max Schrems in Europa ist, ist der Unternehmer Steve Vachani in den USA. Schrems nervte das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook solange, bis es herausrückte, was für Informationen es über ihn gespeichert hat. Der gebürtige Brasilianer Vachani kämpft seit Jahren für das Recht der 1,6 Milliarden Mitglieder auf ungehinderten Zugriff auf ihre persönlichen Daten – und das Recht, diese wieder mitzunehmen, wenn sie es wollen.

Das wäre ein Alptraum-Szenario für Mark Zuckerberg, dessen Geschäftsmodell auf Wachstum, persönliche Daten und Werbung beruht. Alles liegt jetzt in den Händen des Supreme Court, des höchsten Gerichts der USA, das Vachani jetzt angerufen hat. Es ist seine letzte Chance.

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Vachanis Vorstoß könnte nicht weniger als den Wettbewerb zurückbringen in einem Markt, der keinen mehr kennt. Facebook-Mitglieder könnten dann mit einem einzigen Knopfdruck ihre Timeline, Fotos und ihre Freundesliste zu Snapchat oder WeChat transferieren und dort einfach weitermachen. Heute müssten die oft Tausenden Einträge von Hand gelöscht oder kopiert werden. Die Freundesliste müsste mühsam abgeschrieben werden. Wer macht das schon?

Vachani ist alles andere als freiwillig zum Robin Hood der Datenschützer geworden. Es ist ein sonniger Nachmittag in San Francisco. Die Menschen flanieren über die Promenade Embarcadero und schauen den Schiffen hinterher, die langsam in Richtung Golden Gate Bridge vorbeiziehen. Aber der 42-jährige Unternehmer hat im Moment keinen Blick für die Schönheit der Stadt. Er bestellt sich einen Kaffee in Peet’s Coffee im Ferry Building und fängt an zu erzählen.

Seit fast neun Jahren kämpft er jetzt. Viele Schlachten hat er verloren, sein Vermögen und sein Unternehmen auch. Er ist im Privatkonkurs. Dabei hatte es so vielversprechend angefangen: 2006 wurde Power.com gegründet, ein mit zehn Millionen Dollar finanziertes Start-up. Es fungierte sozusagen als digitales Umzugsunternehmen. Die nach eigenen Angaben bis zu 20 Millionen Kunden übergaben Power.com die Passwörter ihrer zahlreichen Sozial-Media-Aktivitäten von MySpace über Facebook bis zu Orkut, einem damals irrsinnig beliebten Google-Netzwerk in Brasilien. Der digitale Umzugsunternehmer Power.com wuchtete dann wie von Geisterhand Daten und Dateien von einem Dienst zum nächsten. Inhalte wurden gleichzeitig überall gepostet oder gelöscht.

2008 bekam das florierende Start-up dann eine Aufforderung von Facebook, diese Aktivitäten einzustellen. Vachani weigerte sich und wurde vor Gericht gezerrt. Obwohl die Kunden das Passwort freiwillig übergaben, wurde Power.com als gefährlicher Hacker verklagt – und 2011 in der ersten Instanz auch verurteilt. Außerdem folgte eine Verurteilung wegen „digitalen Hausfriedensbruchs“.

Das Verfahren zog sich bis zum 9th Circuit Court in San Francisco, das ist das zweithöchste Gericht in den USA. Zuletzt hat es Donald Trumps Einreisebann zu Fall gebracht. Das Berufungsgericht verwarf 2013 die Anklage auf Computereinbruch. Die Last einer potenziellen langjährigen Haftstrafe und Millionen von Dollar Schadenersatz fielen von dem vierfachen Vater mit den indischen Wurzeln ab.

Doch das Gericht beschied auch, dass ein weiteres Einloggen durch Power.com illegal war, nachdem Facebook die Erlaubnis widerrufen hatte. Facebook verlangt einen Zugang über „Facebook Connect“, ein spezieller Eingang für Unternehmen, die mit den Daten der Kunden arbeiten wollen und der strengen Limitierungen unterliegt. Ein automatisiertes Herauskopieren und Löschen eines kompletten Kundenprofils jedenfalls ist nicht vorgesehen.

„Das ist so, als ob der Vermieter sagt, du darfst bei einem Auszug die Möbel nur persönlich ohne Hilfe eines Umzugsunternehmens aus der Wohnung tragen. Dann bleibt nur, trotz höherer Miete zu bleiben oder die ganze Einrichtung aufzugeben. Niemand würde das akzeptieren“, ereifert sich Vachani, der jetzt kanadischer Staatsbürger ist. Aber genau so sei es derzeit in der digitalen Welt geregelt.


Vachani will weiter kämpfen

Oder nehmen wir folgendes Szenario an: Der Zugang zu Facebook, zu Twitter, Microsofts Online-Speicher Onedrive würde wegen angeblichen Fehlverhaltens gesperrt. Dann sind alle Daten verloren. Das wäre so, als ob der Vermieter die Schlösser der Wohnung auswechselt, weil die Treppe nicht gekehrt ist. Alles, was in der Wohnung ist, ist blockiert. Absurd? Nicht in der Digitalwelt. Nach dem Urteil ist faktisch das Besuchen einer Website bei Strafe untersagt, wenn das Unternehmen es nicht mehr will, selbst wenn dort die eigenen persönlichen Daten und Dokumente liegen.

Als das Urteil des Berufungsgerichts kam, war Vachani längst pleite, Power.com hatte den Betrieb eingestellt, die 150 Mitarbeiter waren gekündigt. Ein Büro im Silicon Valley hat er nicht mehr, aber er kommt immer wieder vorbei, um Kontakte zu pflegen und zu knüpfen. Wenn Hotel oder Airbnb zu teuer sind, dann zieht er auch mal ins Acht-Bett-Zimmer in die Jugendherberge. Da hat er kein Problem. Er will kämpfen. Obwohl ihm Facebook immer mal wieder Vergleichsangebote vorgeschlagen habe, hat er nie aufgegeben, sagt er. Mittlerweile geht es ihm ums Prinzip.

Sein Glücksfall war eine talentierte junge Anwältin, die praktisch kostenlos den Fall übernahm. Sie war es auch, die tatsächlich den Fall bis kurz vor den Supreme Court gebracht hat. Seit dem 14. März liegt jetzt die Petition, die Bitte des Gerichtshofs sich des Falls anzunehmen, in Washington vor. Denn es gibt kein Recht, seinen Fall durch den Supreme Court verhandeln zu lassen. Das Gericht wählt seine Fälle selbst aus und nimmt nur sehr wenige Gesuche tatsächlich an. Das passiert vor allem dann, wenn ein öffentliches Interesse vorliegt. Hier setzt Vachani auf die EU-Kommission und ihre „harte Gangart“ in Fragen des Datenschutzes.

Eine unabhängige Arbeitsgruppe der EU-Kommission empfahl Ende 2016 die Verabschiedung eines neuen Gesetzes, das „dem Datensubjekt“ – also einem Nutzer von Facebook, Instagram, Snapchat oder Twitter etwa – weitgehende Rechte einräumt. Unter anderem „das Recht, die Daten, die er einem Kontrollorgan anvertraut hat, in einer strukturierten, allgemein üblichen, maschinenlesbaren Form“ wieder zurückzuerhalten und sie „ohne Behinderung durch den Datenhalter“ zu einem anderen Anbieter übertragen zu können. Auf gut Deutsch einen Export-Knopf.

Das könnte den obersten Richtern der USA die Entscheidung erleichtern, den Fall anzunehmen. Hunderte Millionen Menschen allein in den USA haben ihr komplettes digitales Leben und ihren Freundeskreis auf den Servern der Silicon Valley-Giganten gefangen. Nicht umsonst gelten solche Daten als das „Erdöl des digitalen Zeitalters“.

Leichte Daten-Übertragbarkeit ist natürlich schon lange möglich. Der Wechsel von Microsofts Webbrowser Edge zu Chrome oder Firefox und wieder zurück ist dank Importfunktion eine Sache von Sekunden. Aber es ist das kleine dreckige Geheimnis des Silicon Valley, dass es diese Wettbewerbsfunktion in den wirklich wichtigen Bereichen erfolgreich ausgeblendet hat. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn Facebook eine Exportfunktion gehabt hätte, als Snapchat gegründet wurde.

Das sind die ganz konkreten Auswirkungen von Vachanis letztem Kampf. Snapchat versucht derzeit mit Macht und viel Geld, Facebook-Nutzer an sich zu binden. Mark Zuckerberg baut deshalb in jede seiner Anwendungen Snapchat-Funktionen ein, damit niemand trotz aller Probleme auf diese Idee kommt zu wechseln.
Bis zum 14. April haben die Facebook-Anwälte jetzt Gelegenheit, auf die Petition zu reagieren. Danach wird das Gericht entscheiden, ob es tatsächlich den vergessenen Prozess des Silicon Valleys noch einmal aufrollen will. Macht es das nicht, ist es endgültig vorbei für Steve Vachani.

Aber Facebook muss weiter bangen. Wird die Datenportabilität in der EU Gesetz und Facebook muss sie europäischen Kunden gewähren, werden amerikanische Gesetzgeber und Verbraucherschützer sicherlich bald aufhorchen.

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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