Verluste bei Tesla: Elon Musk in der Produktionshölle

Verluste bei Tesla: Elon Musk in der Produktionshölle

, aktualisiert 02. November 2017, 17:59 Uhr
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Elon Musk hat Probleme bei der Produktion des Model 3.

von Thomas Jahn und Markus FasseQuelle:Handelsblatt Online

Tesla bekommt die Massenfertigung des neuen Model 3 nicht in den Griff. Die Kalifornier laufen Gefahr, ihren Vorsprung zu verspielen. Dabei sollte das Modell den Hersteller in neue Sphären katapultieren.

New York, MünchenCampingstuhl, Decke über die Schultern, ein Feuer im Grill – Elon Musk zeltete auf dem Dach seiner Batteriefabrik in Nevada. „Würstchen oder kein Würstchen?“, fragt der Tesla-Chef lakonisch in einem Video, in dem er anscheinend von Whiskey angesäuselt zum berühmten Lied „Ring of Fire“ von Johnny Cash singt: „Ich fiel in einen brennenden Ring aus Feuer/Ich ging zu Boden, zu Boden, zu Boden/Und die Flammen schlugen höher“.

Musk wie er leibt und lebt. Mag die Krise noch so groß sein, Späße sind ihm nicht auszutreiben. Das Country-Lied trällerte er ironisch als Kommentar zu seinen Produktionsproblemen beim neuen Model 3, die er schon vor Monaten „Produktionshölle“ nannte und die er in Anspielung auf Dantes Inferno im „achten Kreis“ wähnt – dort, wo Feuerflocken auf Wucherer mit ihren Geldsäcken rieseln.

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Das Model 3 soll dem Elektroautohersteller eigentlich den Durchbruch auf dem Massenmarkt bringen. Analysten sprechen in Analogie zu Apple von dem „iPhone-Moment“, der Computerhersteller stieg mit dem Smartphone 2007 zum wertvollsten Unternehmen der Welt auf. Die Nachfrage nach dem Model 3 ist groß, mehr als eine halbe Million Bestellungen liegen vor, das Potenzial enorm.

Allerdings nützt das nichts, wenn Tesla nicht liefern kann: Der kalifornische Elektropionier musste sein Produktionsziel bei der Vorstellung der Quartalszahlen in der Nacht zum Donnerstag um ein ganzes Quartal auf Ende März 2018 verschieben. Erst dann, so gestand Musk in einer Telefonkonferenz mit Analysten ein, werden 5000 Model 3 in der Woche vom Band laufen. Die Anstrengungen in der Produktion schlagen sich in den Ergebnissen von Tesla nieder. Mit roten Zahlen von 619 Millionen Dollar stellte der Autohersteller einen neuen Minusrekord auf, deutlich höher als von Analysten erwartet. „Wir sind frustriert“, sagte Jeffrey Osborne, Analyst von Cowen & Co nach dem Gespräch, „das Management ist nicht transparent genug“. Die Aktie von Tesla fiel um mehr als sechs Prozent.

Die Firma führt den Fehlschlag auf Produktionsengpässe in der Batteriefabrik in Nevada zurück. Dort hat laut Musk ein Lieferant versagt, Tesla hätte die Software umschreiben und mechanische sowie elektrische Systeme umbauen müssen. Aber auch die Produktion vom Model 3 läuft nicht einwandfrei. „Ich muss sagen, vor drei oder vier Wochen war ich wirklich deprimiert“, sagte Musk.

Die Zeit drängt. Fast im Wochentakt verkünden etablierte Hersteller Elektroinitiativen, zuletzt VW, das ein eigens auf US-Kunden zugeschnittenes Elektroauto früher auf den Markt bringen will. Bis 2025 will VW konzernweit 80 neue Elektroautos anbieten und dafür 20 Milliarden Euro investieren. General Motors feiert Erfolge mit seinem Elektroauto Bolt, geplant sind zahlreiche weitere Modelle.

Auch Daimler plant mit 25 Elektro- oder Hybridmodellen bis 2025, den Zeitplan zog Konzernchef Dieter Zetsche in den vergangenen Monaten noch einmal enger. BMW präsentierte auf der IAA einen „Tesla-Fighter“ im 3er-Format, der ab 2020 in Serie gehen soll. Ab 2021 sollen alle BMW-Fabriken jedes Modell auch als Elektroauto bauen können.


Preiswerter Stahl statt Aluminium

„Angesichts immer stärkerer Konkurrenz steht der iPhone-Moment stärker in den Sternen als je zuvor“, sorgt sich Analyst Brian Johnson von Barclays über Tesla. Schon 2019 kommen die ersten Konkurrenzmodelle auf den Markt, die von Tesla gelernt haben sollen – und die mit Sicherheit die Preise purzeln lassen werden. „Das wird kein Zuckerschlecken für Tesla“, sagt ein hochrangiger Manager eines deutschen Herstellers.

Zwar haben die etablierten Anbieter bei Elektroautos kein so gutes Image wie Tesla, ihnen fehlt zudem die Dynamik und Experimentierfreude eines Startups. Aber eines beherrschen sie mit Sicherheit besser: Die Massenproduktion. „Bei der trennt sich der Spreu vom Weizen“, sagt David Cole, ehemaliger Chef vom Brancheninstitut Center for Automotive Research. „Die Komplexität und die Herausforderungen wachsen exponentiell mit der Anzahl der produzierten Fahrzeuge“.

Tesla muss die Produktion rasch hochfahren, um seine relativ starke Marktstellung auszunutzen. „Das Model 3 könnte sich bis in die zweite Hälfte 2018 oder Anfang 2019 verzögern“, fürchtet Analyst Johnson, „genau dann, wenn die Bedrohung durch die Konkurrenz unmittelbar bevorsteht“. Das Foto und Video von Musk mit Kollegen auf dem Fabrikdach ist eine Botschaft – dem Chef ist die Dringlichkeit bewusst. Musk ging jetzt bei den Analysten in die Offensive, nannte die Probleme in der Batteriefabrik im Detail. „Tesla hat es gut hinbekommen, die Engpässe zu beschreiben“, sagt George Galliers, Analyst von Evercore ISI.

Probleme gibt es nicht nur in der Gigafactory, sondern auch in der Fabrik in Fremont. Dort wird in der „Area 51“, einem abgesperrten Bereich, das Model 3 hergestellt. Eigentlich sollten dort seit Monaten die Fließbänder und Roboter surren. Doch Tesla stellte im dritten Quartal lediglich 260 Stück vom Model 3 her und liegt damit weit unten den eigenen Vorgaben. Es hakt es in drei Bereichen: Einbau der Batterie, Verschweißen der Karosserie und der „Hochzeit“, wie es Experten nennen, in der die Karosserie und das Fahrgestell zusammen kommen. Dort kann Tesla bislang 500 Fahrzeuge pro Woche herstellen, weit unter dem zuvor gesetzten Ziel von 1500 oder dem für März 2018 von 5000.

Nach Ansicht von Experten liegen die Probleme bei Tesla vor allem im Karosseriebau. Anfang Oktober veröffentlichte Tesla ein Video, in dem zwei Roboterarme die Karosserie eines Model 3 blitzschnell verschweißen. Dabei würden sie nur zu „einem Zehntel der Geschwindigkeit“ arbeiten, die möglich wäre, schrieb Musk. Was Vertrauen schaffen sollte, erreichte bei Experten das Gegenteil.

Michael Tracy, der sich seit 35 Jahren mit der Autoproduktion beschäftigt und mit seiner Firma Agile Group Hersteller berät, verweist auf Widersprüchlichkeiten: Nur zwei Roboterarme bewegen sich, dazu fliegen Funken, was nicht sein sollte. „Es sollte nur ein wenig Rauch aufsteigen“, sagt Tracy. Bei Tesla sähe es nach einer sogenannten Expulsation aus. Das sind Schweißarbeiten, die entweder bei zu hoher Hitze durchgeführt wurden oder „wie in diesem Fall, dass das Metall nicht nah genug herangezogen wurde“. Für den Fachmann ist klar: „Mit dem Video zeigt Musk nur eines: dass sie große Probleme beim Schweißen haben“, sagt Tracy, der Film sei „für die Öffentlichkeit inszeniert“.
Der Grund für die Probleme könnte sein, dass Tesla Erstmals preiswerteren Stahl statt Aluminium wie bei den Modellen S und X verwendet. „Die Unterschiede sind gravierend“, sagt Ron Harbour, Produktionsberater von Olver Wyman.
Inzwischen kursieren gar Gerüchte, beim Model 3 solle Wasser in die Passagierkabine eindringen. Solche Probleme haben etablierte Hersteller laut Harbour nicht. Der Grund: Sie testen ein halbes Jahr vor der Markteinführung eines Fahrzeuges die Produktion. Dieses sogenannte „soft tooling“ soll Kinderkrankheiten und gravierende Probleme vermeiden. „Musk verzichtet darauf, um die Fahrzeuge schneller auf den Markt zu bekommen“, sagt Fachmann Tracy.


„Was immer das Problem ist, er wird es lösen“

Das Vorgehen ist aber riskant. Traditionelle Hersteller haben ein Heer von Ingenieuren, das sich um auftauchende Probleme kümmern kann. Auch Musk heuerte Topleute an, darunter den ehemaligen Audi-Manager Peter Hochholdinger, kann sich aber bei weitem nicht mit den großen Herstellern messen.
Trotz allem ist das Vertrauen in Musk, der auch mit der Raketenfirma Space X große Erfolge feiert, bei vielen Investoren nach wie vor groß. „Dieser Mann hat ausgeknobelt, wie man eine Rakete auf einem Schiff landen lassen kann“, sagte Ross Gerber, Tesla-Aktionäre und Chef von Gerber Kawasaki Wealth & Investment Management. „Was immer das Problem auch ist, er wird es lösen“.

Ob Musk das beim Model 3 gelingt wird in der deutschen Industrie genau verfolgt. Denn nach einigem Zögern hat man von München über Stuttgart bis Wolfsburg begriffen, dass der Markt für Elektroautos kurz vor dem Durchbruch steht. Auf der Automesse IAA übten sich Daimler, BMW und der VW-Konzern in Sachen Elektromobilität in einem beispiellosen Ankündigungswettbewerb. „Wir fokussieren uns im zukünftigen Wettbewerb sehr stark auf Tesla und weniger auf Toyota oder Hyundai“, sagte VW-Markenchef Herbert Diess der „Automobilwoche“. VW entwickelt deshalb speziell für den US-Markt einen eigenen Stromer in Passat-Größe, der 2021 in Serie gehen soll.

Mit der Flut an Elektromodellen glauben die Deutschen Tesla in die Schranken weisen zu können. Wie der Markt ab 2020 darauf reagiert, ist offen. So rechnet BMW-Chef Harald Krüger mit einer Entwicklung wie bei Geländewagen, die sich binnen weniger Jahr aus der Nische zu einem Massenphänomen entwickelten. Andere fürchten massive Preiskämpfe. Sicher ist: Aufgrund der hohen Batteriekosten wird mit der ersten Generation von Elektroautos kaum Geld verdient.

Für Vorreiter Tesla im achten Kreis der Produktionshölle gibt es immerhin Hoffnung: Das Leiden muss bald vorbei sein. Dante sah in seiner Göttlichen Komödie neun Kreise vor, dann konnten er mit Dichter Vergil über den Satan klettern und ins Freie gelangen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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