„Verschwörung“ bei US-Wahl?: Trumps letzte Hemmschwelle fällt

„Verschwörung“ bei US-Wahl?: Trumps letzte Hemmschwelle fällt

, aktualisiert 16. Oktober 2016, 11:36 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Frauen, die er sexuell belästigt haben soll? Eine Schmierkampagne. Hillary Clintons wacher Auftritt im TV-Duell? Die Wirkung von Medikamenten. Donald Trump treibt es auf die Spitze – und bietet einen Drogentest an.

Portsmouth/GreensboroUS-Präsidentschaftskandidat Donald Trump beklagt nach den jüngsten Belästigungs-Vorwürfen mehrerer Frauen eine massive Verschwörung und versuchte Wahlmanipulation. Zugleich deutete er an, dass seine demokratische Rivalin Hillary Clinton bei der Fernsehdebatte am vergangenen Sonntag unter dem Einfluss von Drogen – gemeint waren wohl Schmerzmittel – gestanden haben könnte. Er schlug vor, dass sich beide vor ihrem nächsten TV-Duell am kommenden Mittwoch einem Test unterziehen.

Am Samstag hatte eine neunte Frau Trump eines sexuellen Übergriffs beschuldigt. Nach Medienberichten packte er sie 1997 bei einem Muttertagsbrunch in seinem Club Mar-a-Lago in Florida an den Armen und küsste sie gegen ihren Willen. Auch die anderen acht Frauen hatten berichtet, Trump habe ihnen in der Vergangenheit Küsse aufgezwungen oder sie begrapscht.

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Trump sprach am Samstag auf Twitter von „total erfundenem Unsinn“ mit dem Ziel, „mir die Wahl zu stehlen“. Bereits zuvor hatte er den Medien angelastet, die Wahl durch „falsche Vorwürfe“ und „Lügen“ zu manipulieren, „damit die betrügerische Hillary gewählt wird“.

Auch auf mehreren Wahlveranstaltungen am Samstag prangerte der Milliardär die angebliche „Schmierkampagne“ gegen ihn an – „eine der größten, die unser Land jemals erlebt hat“. Seine Anklägerinnen bezeichnete er als „verrückte Frauen“.

Am Freitag (Ortszeit) hatte er bei einem Auftritt in North Carolina zu verstehen gegeben, dass zumindest dieser Frauen nicht einmal attraktiv genug seien, um überhaupt seine Aufmerksamkeit zu erregen. Auch über Clintons Aussehen schien sich Trump abfällig zu äußern. „Als sie vor mir herging, glaubt mir, war ich nicht sehr beeindruckt“, sagte er mit Blick auf die Fernsehdebatte am 9. Oktober.

Trump verwies auch auf seiner Ansicht nach merkwürdiges Verhalten der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin bei dem TV-Duell. „Ich weiß nicht, was mit ihr vorgeht“, erklärte er am Samstag in New Hampshire. Am Anfang der Debatte sei Clinton total „aufgedreht“ und am Ende dann völlig erledigt gewesen. Sie habe es kaum zu ihrem Auto geschafft. „Warum machen wir nicht einen Drogentest?“, fragte der republikanische Kandidat für das Weiße Haus. Er selbst sei dazu jedenfalls bereit.

Während Trump poltert, wirkt Hillary Clintons Strategie dagegen unspektakulär: Sie hält an ihrem Kurs fest.


„Trump schafft es nicht, gute Nachrichten über sich selbst zu verbreiten“

Nur selten macht die Demokratin derzeit Schlagzeilen oder weicht von ihrem Skript ab. Sie bleibt bei ihrem dichten Terminkalender mit mittelgroßen Veranstaltungen und verlässt sich auf ihr loyales Team. Zugleich übertreibt Clinton es nicht. Weniger als einen Monat vor der Wahl trat sie am Donnerstag bei einer Spendenaktion in Kalifornien auf, um sich dann für den Großteil des Wochenendes aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

„Keine Fehler machen, keinen Schaden anrichten“, sagt der republikanische Wahlkampfstratege Rick Tyler über Clintons Taktik der Zurückhaltung. „Trump schafft es nicht, gute Nachrichten über sich selbst zu verbreiten. Nicht eine einzige“, erklärt der frühere Berater von Trumps ehemaligem innerparteilichen Rivalen Ted Cruz. „Warum soll Clinton ihn also nicht einfach laufen lassen?“

Die Empörung über Trump hat sogar Berichte über eine mögliche neue E-Mail-Affäre der demokratischen Präsidentschaftskandidatin in den Hintergrund gedrängt. Dabei geht es um Tausende gehackte Mails, die offenbar vom Account von Clintons Wahlkampfchef John Podesta stammen. Das Team hat die Authentizität der Mails bisher nicht bestätigt.

Stattdessen konzentriert sich Clinton auf ihre Auftritte: Allein in den vergangenen Tagen besuchte sie die Staaten Michigan, Ohio, Florida und Nevada. Zugleich bereitet sich die frühere Außenministerin auf die letzte Fernsehdebatte mit Trump am kommenden Mittwoch vor. Man sei „zuversichtlich, dass wir keinen Wähler in den umkämpften Staaten vergessen“, sagte Clintons Sprecher Brian Fallon.

Hinweise darauf, dass die zurückhaltende Strategie der Demokratin schaden könnte, sind kaum in Sicht. In mehreren landesweiten Umfragen baute sie ihren Vorsprung aus. Für Clinton sprechen auch erste Auswertungen zum sogenannten Early Voting, der frühen persönlichen Stimmabgabe oder Briefwahl in insgesamt 37 US-Staaten. Laut einer vorläufigen Untersuchung der Nachrichtenagentur AP könnte sie die wichtigen Staaten North Carolina und Florida gewinnen.

Dabei steht Clintons Taktik im scharfen Kontrast zu der ihres Vorgängers bei den Demokraten. Von den großen Kundgebungen, die Barack Obamas Wahlkämpfe geprägt hatten, hat Clinton nur eine Handvoll absolviert. Ihr bislang größter Auftritt war bei einer Abendveranstaltung an der Ohio State University vor etwa 18.500 Besuchern am Dienstag. Viel häufiger sind bei ihr aber Termine vor allenfalls 5000 Menschen. Vor acht Jahren um diese Zeit hatten sich zu einer Kundgebung Obamas in Missouri 100.000 Anhänger versammelt.

Doch Clinton strebt nicht nach dieser Art von Rampenlicht, sondern zieht Grundsatzreden und das direkte Gespräch mit Wählern vor. Bei ihren Reisen durch das ganze Land spricht sie immer mit Lokaljournalisten und gab unter anderem einer Journalistikstudentin ein Interview für das Magazin „Elle“. Auch mit R&B-Sängerin Mary J. Blige sprach sie in deren neuer Show.


Vermeidet Clinton die Schlagzeilen?

Ansonsten verlässt sie sich auf ihr Team aus Unterstützern, die an Orten auftreten, die sie selbst gerade nicht abdeckt. So begeisterte First Lady Michelle Obama ein weibliches Publikum in Raleigh und Charlotte im US-Staat North Carolina, während ihr Ehemann eine Rede in Greensboro hielt. Später wurde der Präsident in Ohio erwartet. Ex-Präsident Bill Clinton legte sich in den vergangenen Tagen in Florida für seine Frau ins Zeug, eine Bustour durch Iowa schloss sich an.

Michelle Obamas vernichtende Kritik an Trumps Umgang mit Frauen stürmte die sozialen Medien und sorgte für einen Wirbel, den Clinton für sich selbst nicht sucht. „Zu viele Leute tun so, als wäre das nur eine weitere Schlagzeile des Tages“, sagte die First Lady in Manchester im US-Staat New Hampshire. „Als ob unsere Empörung übertrieben und unberechtigt wäre, als ob das normal wäre, normale Tagespolitik. Das ist nicht normal. Das ist keine normale Tagespolitik. Das ist beschämend.“

Clinton erweckt dagegen manchmal den Eindruck, als wolle sie es geradezu vermeiden, in die Nachrichten zu kommen. Zwar signalisierte ihr Team am Mittwoch, härtere Angriffe gegen republikanische Partner Trumps fahren zu wollen – was der Demokratin sicher Schlagzeilen verschafft hätte. Doch Clinton hatte Bedenken. Sie äußerte sich auch nicht direkt zu neuen Anschuldigungen gegen den Republikaner wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe. Trump dementierte und drohte den Medien mit rechtlichen Schritten. Clinton beließ es dabei, ihren Anhängern Michelle Obamas glühenden Kommentar ans Herz zu legen.

Wie geht es weiter? Die dritte und letzte Fernsehdebatte dieses Wahlkampfes findet am kommenden Mittwochabend (Donnerstag 3.00 Uhr MESZ) in Las Vegas statt. Gewählt wird am 8. November.

Quelle:  Handelsblatt Online
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