Versicherer und Startups: Warten auf den Weckruf

Versicherer und Startups: Warten auf den Weckruf

, aktualisiert 04. August 2016, 16:32 Uhr
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Startup-Unternehmen wie Financefox entwickeln Versicherungs-Apps fürs Smartphone oder Laptop.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Deutsche Versicherer sind zu zögerlich bei Innovationen, sagt eine Studie. Die eigenen Geschäftsmodelle werden kaum auf die neue Konkurrenz durch Startups abgestimmt, warnen Berater. Das könnte sich rächen.

FrankfurtSie tragen englisch klingende Namen wie Getsafe oder Financefox, und ihre Gründer haben das Lebensalter von 30 Jahren vielfach noch nicht überschritten: Die jungen Startups der Versicherungsbranche sind angetreten, mit viel Technologie den alteingesessenen Konzernen Konkurrenz zu machen. Deren Marktmacht ist zwar um ein Vielfaches größer als die der Newcomer. Dennoch sollten die Etablierten die Youngster ernster nehmen als bisher, wenn sie nicht den Anschluss verlieren wollen.

Das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung ZEB hervor, die dem Handelsblatt exklusiv vorab vorliegt. 

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Die deutschen Versicherungsunternehmen fokussieren sich demnach zu stark auf interne Prozesse und zeigen sich zögerlich, wenn es darum geht, Innovationen zu entwickeln, lautet eine der zentralen Erkenntnisse der Studie. „Die Branche muss lernen, wesentlich schneller und konsequenter auf die Bedürfnisse ihrer digital verwöhnten Kunden einzugehen“, warnt Matthias Uebing, verantwortlicher Partner der Beratung für das Versicherungsgeschäft.

Immer mehr junge Finanztechnologie-Startups drängen in das etablierte Geschäft der großen Versicherer – und stoßen zumindest unter einer jüngeren, technikaffinen Kundschaft auf steigendes Interesse. Dieser Trend entgeht den großen Versicherern nicht, doch offensichtlich fällt es der Branche schwerer als gedacht, darauf auch passende Antworten zu finden. „Die deutsche Assekuranz öffnet sich Schritt für Schritt neuen Geschäftsideen und Innovationen“, analysiert Experte Uebing. „Das geschieht aus unserer Sicht jedoch zu langsam.“

So ergab die Studie, dass die deutschen Versicherer mehrheitlich vom Potenzial der Gründer als Innovationstreiber überzeugt sind. 74 Prozent der befragten Unternehmen bewerten den Trend als relevant beziehungsweise sehr relevant. Nur mit den praktischen Konsequenzen tun sich viele Firmen deutlich schwerer. 

So besteht bei der Kenntnis über die neuen Rivalen noch großer Lernbedarf. Fast alle Versicherer kennen laut der Studie die einschlägigen Vergleichsportale und digitalen Makler. Doch was sich sonst an innovativen Geschäftsmodellen auf dem in Bewegung befindlichen Markt so tut, wird in den Firmenzentralen der deutschen Assekuranz bisher nicht systematisch verfolgt. Von zurzeit mehr als 50 Insurtechs in Deutschland – wie sich die jungen Versicherer in Anlehnung an die Fintechs aus der Bankenszene nennen – kennen sie laut der Studie gerade einmal eine Handvoll Unternehmen. 

Solche Ignoranz könnte gefährlich sein. Denn so groß das Interesse der Branche an den neuen Startups ist, so gering fallen bisher die Kenntnisse über die jungen Wilden in der Versicherungsindustrie aus. So gibt nur jeder zweite Versicherer an, den Markt der neuen Finanztechnologiefirmen genauer zu beobachten. 


Den Anschluss nicht verpassen

Ich schau dann mal weg: Die deutschen Versicherungsfirmen „drohen dadurch zunehmend den Anschluss an neue Insurtech-Trends zu verpassen“, mahnt die Studie. Denn eine wachsende Zahl von Startups drängt in das Geschäft in der Versicherungswirtschaft. Noch hat der digitale Firmennachwuchs nur eine überschaubare Anzahl von Kunden, aber sein Potenzial ist groß. Der „Insurtech-Radar“ der Managementberatung Oliver Wyman und des Versicherungsvermittlers Policen Direkt kam gerade erst zu dem Ergebnis, dass die jungen Wilden die Versicherungsbranche insbesondere im Bereich Vertrieb revolutionieren können. 

Vor allem neue elektronische Makler versprechen ihren Kunden mehr Übersicht, Kostenersparnisse und Hilfe bei dem lästigen Thema Versicherungen. Zwar wird in der Branche allgemein anerkannt, dass die Neulinge große Chancen bieten.  Dennoch hätten die wenigsten deutschen Versicherer bisher Prozesse und Maßnahmen angestoßen, um neue digitale Produkte und Dienstleistungen am Versicherungsmarkt durchzusetzen, lautet ein Ergebnis der ZEB-Studie, für die mehr als 120 Vorstände, Führungskräfte und Experten aus der Branche befragt wurden. 

Warum die Branche so zögerlich ist? Ein Grund dafür liegt in der Ansicht begründet, dass viele Assekuranzen nicht sich selbst als größten Verlierer der Entwicklung sehen, sondern die klassischen Vermittler von Versicherungen. Ihnen werden demnach schwere Zeiten vorhergesagt. 56 Prozent der Versicherer denken, dass hier die Risiken überwiegen, wie aus der ZEB-Studie hervorgeht. Die Versicherer gingen davon aus, dass die klassischen freien Vermittler gegenüber der neuen Konkurrenz Kunden verlieren würden, erläutert Jakob Baron, Manager des Beratungsunternehmens und Autor der Studie. 

Die Versicherer selbst setzten dagegen darauf, ihr Geschäft künftig über andere Vertriebskanäle generieren zu können. Es ist eine Hoffnung, die allerdings trügen könnte. Denn nur wenige Firmen haben bislang Veränderungen eingeleitet, um sich für den Wandel und gegen die neuen Risiken zu wappnen. Nur 19 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, Insurtech-Ideen adaptiert zu haben.

Barons Fazit klingt darum alles andere als ermutigend: „Aus unserer Sicht sollten die Versicherer nicht zu sehr darauf vertrauen, dass das Geschäft künftig im selben Umfang über andere Kanäle kommt.“ Es ist eine Mahnung, die in den Topetagen der Assekuranzen – und nicht nur dort – für Stirnrunzeln sorgen dürfte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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