Versicherung : Leipziger-Hallesche wettert gegen EU-Vorschriften

Versicherung : Leipziger-Hallesche wettert gegen EU-Vorschriften

, aktualisiert 06. April 2017, 17:39 Uhr
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Die Leipziger-Hallesche ist eine der ältesten Versicherungen Deutschlands.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der Versicherungskonzern Hallesche-Leipziger wettert gegen die neuen Vorschriften der europäischen Versicherungsaufsicht. Das Unternehmen aus Oberursel kann sich die Kritik erlauben: Es steht finanziell sehr stabil da.

FrankfurtWalter Botermann ist ein Manager, den nicht viel aus der Fassung bringt. Seit acht Jahren leitet der Rheinländer mit der markanten schwarzen Brille mit ruhiger Hand den Versicherungskonzern Leipziger-Hallesche. Doch für den jüngsten Vorstoß der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa findet der Vorstandschef deutliche Worte: „Die Fummelei an den Regeln von Solvency II ist keine vertrauensbildende Maßnahme“, warnte Botermann am Donnerstag am Rande der Vorlage der Bilanzzahlen in Oberursel. Er sei sich nicht sicher, ob die geplante Senkung des Langfristzinses überhaupt auf rechtlich sicherem Boden stehe. „Ich würde es begrüßen, wenn der Branchenverband dagegen vorgeht.“

Die Leipziger-Hallesche stellt sich damit hinter die Kritik des deutschen Branchenverbandes GDV, der ebenfalls mit Skepsis auf die am Mittwoch in Aussicht gestellte Verschärfung der Vorschriften zur Berechnung der Kapitalanforderungen reagierte. „Für diese Kurzatmigkeit besteht keinerlei Veranlassung“, erklärte GDV-Geschäftsführer Axel Wehling. Eine Behörde dürfe sich nicht einfach über die Ergebnisse einer politischen Einigung hinwegsetzen.

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Versicherer und Rückversicherer in Europa sollen nach Vorstellungen der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa von 2018 an mit einem geringeren Langfrist-Zinssatz kalkulieren müssen, wenn es um die Unterlegung von Garantien und anderen Verpflichtungen mit Kapital geht.

Eine Absenkung des Langfrist-Zinssatzes würde bedeuten, dass die Versicherer etwa für lang laufende Leben- und Rentenversicherungen tendenziell mehr Eigenmittel vorhalten müssen. Das stößt in der Branche auf Widerspruch. Die deutschen Versicherer halten den aktuell vorgeschriebenen Langfrist-Zinssatz für ausreichend. Sie sehen keinen Bedarf für eine Absenkung, da das Solvency-II-Regelwerk bereits heute mit den niedrigsten Zinsen für die Bewertung langfristiger Verbindlichkeiten rechne.

Der Chef der EU-Aufsichtsbehörde Eiopa, Gabriel Bernardino, verteidigt dagegen den Plan. Die Neuregelung schaffe eine „Balance“, die allzu abrupte Änderungen vermeide und es den Unternehmen erlaube, sich an ein verändertes Zinsumfeld anzupassen, ohne den Schutz der Versicherten zu vernachlässigen. Zwar hatte die EU im Jahr 2015 den langfristig risikofreien Zinssatz von „Solvency II“ bereits auf 4,2 Prozent festgelegt, – doch seither hätten sich die Zinserwartungen eben massiv geändert, glaubt die Eiopa, und plädiert deshalb für eine Änderung.

Deren Auswirkungen halten die Aufseher sowieso für gering: Bei einem Praxistest unter 133 Versicherern habe sich gezeigt, dass die sogenannte Solvenzquote – die die finanzielle Widerstandskraft der Unternehmen misst – durch die Änderungen kaum sinke. Auch für die Leipziger-Hallesche würde sich die Solvenzquote durch die Änderung kaum verändern, räumte Versicherungschef Botermann ein.


Was die Solvenzquoten bedeuten

Für die Aufsichtsbehörden sind die Solvenzquoten ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der finanziellen Stabilität der Branche. So muss jedes Versicherungsunternehmen seine Solvenzquote dauerhaft auf einem Niveau von über 100 Prozent halten, sonst greifen die Aufseher ein. Die unter Solvency II berechnete Quote signalisiert, ob Versicherer auch in Extremszenarien genug Eigenmittel haben. Dabei werden sowohl extreme Kurseinbrüche auf dem Kapitalmarkt als auch Veränderungen der Lebenserwartung sowie des Stornoverhaltens der Versicherten durchgespielt. Ab Mai 2017, so sieht es das neue Regelwerk Solvency II für die Versicherungen vor, sind alle deutschen Assekuranzen erstmals dazu verpflichtet, die Solvenzquote in ihren Jahresabschlüssen zu publizieren.

Nun hält die europäische Versicherungsaufsicht für Verpflichtungen in Euro exakt 3,65 Prozent für den richtigen Abzinsungsfaktor, für den Schweizer Franken sind es sogar 2,65 Prozent. Für 2018 will die Eiopa den Zinssatz aber auf 4,05 Prozent festlegen, weil der sich um nicht mehr als 0,15 Prozentpunkte pro Jahr verändern soll.

Die deutschen Versicherer sehen sich dabei jedoch doppelt bestraft: Eine Absenkung des langfristigen Zinssatzes würde auf der einen Seite zu höheren Rückstellungen führen und auf der anderen Seite höhere Kapitalanforderungen bedeuten, klagte Immo Querner, Mitglied im GDV-Präsidium und Finanzchef des Talanx-Versicherungskonzerns.

Auch Leipziger-Hallesche-Boss Botermann sieht die Pläne skeptisch. Aber anders als manch kleiner Konkurrent steht er nicht in dem Verdacht, die neuen Regeln nur abzulehnen, weil sie es ihm schwerer machen, die wichtigen Solvenzquoten zu erreichen.

Die Leipziger-Hallesche brachte es im vergangenen Jahr in der Lebensversicherung mit Rückstellungen und Übergangsmaßnahmen auf eine satte Quote von 570 Prozent. Noch stolzer ist ihr Chef Botermann jedoch auf eine andere Zahl: Auch ohne Übergangsrechnung überspringt man mit 289 Prozent die geforderte Quote noch locker. Botermann sieht in diesen Werten eine Bestätigung einer schon seit mehr als 15 Jahre betriebenen Politik der Bilanzstärkung. So erhöhten die Oberurseler ihr Eigenkapital 2016 trotz Aufwands für die Zinszusatzreserve um 44 Millionen Euro auf 844 Millionen Euro. Auch die Beitragseinnahmen lagen mit rund 2,4 Milliarden Euro über dem Vorjahreswert.

Von dieser finanziellen Stabilität will Botermann auch bei der Kundenwerbung profitieren. „Wir sehen den Trend, dass die Kunden stärker als früher auf Qualität setzen“, glaubt der Vorstandschef. „Davon wird nicht nur der Marktführer profitieren, sondern alle, die gut aufgestellt sind.“ Was Botermann meint: Die Leipziger-Hallesche ist eine der Versicherungen, die er in diesem feinen Club sieht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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