Versicherungstreffen in Baden-Baden: Von wegen Rikscha statt Mercedes-Limousine

Versicherungstreffen in Baden-Baden: Von wegen Rikscha statt Mercedes-Limousine

, aktualisiert 25. Oktober 2016, 12:46 Uhr
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„Brenners Parkhotel“ ist eine der Anlaufstellen für das Branchentreffen der Rückversicherer.

von Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Seit 46 Jahren treffen sich Rückversicherer mit ihren Kunden im Herbst in Baden-Baden. Die Branche fürchtet schrumpfende Gewinne, doch der Fünf-Sterne-Luxus wird geschätzt. Ein Rundgang.

Baden-BadenFür eine Branche, die sich wohl daran gewöhnen muss, von Rekordgewinnen Abstand zu nehmen, ist das Versprechen von Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen (CDU) doch verwunderlich: Im kommenden Jahr würden weitere Fünf Sterne-Hotels in der Stadt zur Verfügung stehen, verspricht die Politikerin am Sonntag zum Auftakt des traditionellen Branchentreffens der Rückversicherer in der Stadt. Die Botschaft: Die Zeiten könnten vorbei sein, in denen viele Vertreter der Branche wegen der begrenzten Bettenkapazitäten völlig unstandesgemäß in Landgasthöfen in umliegenden Schwarzwald-Dörfern nächtigen müssen.

Es wird also auf hohem Niveau gejammert in der Szene. Dennoch sind auch die Zeiten für die Rückversicherer nicht mehr die, die es mal waren. Der digitale Wandel, die vielen neuen Gefahren durch Hacker und Terroristen sowie die fehlenden Zinserträge haben dazu geführt, dass auch in der einst so verwöhnten Branche ein Anflug von Sinnkrise zu spüren ist.

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Rückversicherer und ihre Kunden aus Industrie und Erstversicherung sitzen und stehen in Baden-Baden beisammen, um über die Preise für das kommende Jahr zu verhandeln. Das passiert traditionell da, wo es gut und teuer ist. Die Bürgermeisterin freut sich, dass die gehobene Gastronomie noch einmal zulegen dürfte. Und erinnert daran, dass sich die Lieben daheim auch sicher über das eine oder andere Mitbringsel aus den teuren Auslagen von Edelboutiquen und Juwelieren freuten.

Die Tische in Baden-Baden haben mittlere Größe, in der Mitte steht sichtbar eine Tafel mit einer Nummer. Bis zu 85 davon stehen dieser Tage im Kongresszentrum auf einer Ebene, vier Ebenen gibt es. Ein Massen-Speeddating zwischen Lichtentaler Allee und Fußgängerzone, dass es bereits seit 46 Jahren immer Ende Oktober gibt.

Wohl dem, der ein Zimmer in Brenners Parkhotel ergattern konnte, dem nach wie vor ersten Haus am Platz. Auch hier tummeln sich die Teilnehmer an Hunderten von Tischen. Das Edel-Hotel ist der östliche Pfeiler eines Dreiecks, in dem sich dieser Tage bis zu 3.000 zumeist Männer im mittleren Alter aufwärts um Tische versammeln. Nach Westen erstreckt sich der Parcour über das Kongress-Zentrum in die Fußgängerzone.


Am Nachmittag Feierabend

Beliebte Treffpunkte bei Einheimischen wie Touristen wie das Cafe Hofmann werden auch hier zum Speeddating okkupiert. Der Versicherungsmakler Willis Re hat hier für einige Tage sein Headquarter bezogen. „Geschlossene Gesellschaft“ steht an der Tür. Die Schwarzwälder Kirschtorte müssen Branchenfremde an diesem Tag woanders einnehmen.

Im Süden schließt die berühmte Lichtentaler Allee das Dreieck, in dem es täglich um Millionenverträge geht, ab. Weltmarktführer Munich Re hat hier seine Location. Was heute ganz trendy „LA8“ heißt und nichts anderes als die Hausnummer acht in der Lichtentaler Allee bedeutet, war noch vor wenigen Jahren der Schandfleck der Prachtstraße. Dann investierte der in Baden-Baden geborene Unternehmer Wolfgang Grenke (Grenke Leasing) einen zweistelligen Millionenbetrag aus seiner Privatschatulle.

Wo früher schwerer roter Samt die besseren roten Zeiten nur erahnen ließ, erstrahlen heute helle Konferenzräume mit weißen Ledersesseln und edle Gastronomie. Wenn nicht gerade die Rückversicherer tagen, dann trägt dort auch der Baden-Badener Schachclub seine Partien aus. Gegen den verblassen sogar die Erfolge des FC Bayern im Fußball. Die Baden-Badener sind seit 15 Jahren schon ununterbrochen deutscher Meister.

Alles auf dem neuesten Stand, trendy und dennoch komfortabel, so sehen sich die Rückversicherer gerne in Zeiten von Digitalisierung und globaler Erwärmung. Besonders zeitgemäß geben sie sich deshalb bei der Munich Re und verteilen Shuttle-Gutscheine für Fahrrad-Rikschas. Da kann die Autoindustrie ruhig Dutzende Edel-Karossen bei Messen zur Verfügung stellen, hier wird definitiv null CO2 in die Luft gepustet, so das Zeichen.

Nur dass die Hemmschwelle, in ein solches Fahrzeug zu steigen, bei vielen Konferenzteilnehmer offensichtlich noch begrenzt ist. Am Nachmittag haben die ersten Rikscha-Fahrer bereits Feierabend gemacht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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