Vollgeld-Initiative: Die Banken-Revoluzzer

Vollgeld-Initiative: Die Banken-Revoluzzer

, aktualisiert 01. März 2016, 17:18 Uhr
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„Mit der Vollgeld-Initiative entsteht ein Bankensystem, wie es sich die Bürger vorstellen.“

von Holger AlichQuelle:Handelsblatt Online

Die Schweizer Vollgeld -Initiative will Finanzinstituten die Geldschöpfung verbieten. Einlagen oder Notenbankleihe sollen stattdessen Kredite decken. Werden sie damit Erfolg haben?

ZürichAm Wochenende sind in der Schweiz wichtige standortrelevante Volksinitiativen abgelehnt worden – wie etwa der Vorstoß der Jungsozialisten, in der Schweiz Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln zu verbieten. Ein „Ja“-Votum hätte Banken und Rohstoffhändler in der Schweiz empfindlich getroffen. Ein weiterer Vorstoß will dagegen gleich das gesamte Finanzsystem der Schweiz umbauen: die Vollgeld-Initiative. Über diese dürfte vermutlich im kommenden Jahr abgestimmt werden.

Im Kern geht es den Initiatoren, allen voran dem pensionierten Volksschullehrer Hansruedi Weber, darum, den Banken die Geldschöpfung zu verbieten. Denn anders als die meisten Verbraucher glauben, stammen die Gelder, die Banken als Kredite vergeben, nicht aus Kundeneinlagen. Banken können Buchgeld quasi per Mausklick schaffen.

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Dabei schreibt die Bank in ihrer Bilanz zum Beispiel einen Kredit über 1000 Euro als Aktiv-Posten in die Bilanz. Demgegenüber steht der gleiche Betrag auf der Passiv-Seite als Guthaben des Kunden. Rund 90 Prozent des umlaufenden Geldes sind solch elektronisches Geld, was streng genommen lediglich das Versprechen einer Bank darstellt, den entsprechenden Betrag auszuzahlen.

„Mit der Vollgeld-Initiative entsteht ein Bankensystem, wie es sich die Bürger vorstellen“, argumentieren die Initiatoren. Denn demnach dürften Banken künftig nur noch Geld verleihen, das ihre Kunden oder die Notenbank ihnen vorher geliehen haben. Banken wären in diesem Szenario auf die Rolle eines Treuhänders beschränkt. Und das Geld auf den Konten wäre so sicher wie Bargeld im Safe, so die Argumentation. Es gäbe weniger Gefahren von Kreditblasen oder eines Bankruns. Und Banken müssten weniger streng reguliert werden, meint Maurizio Degiacomi von der Vollgeld-Initiative.

Gerade vor dem Hintergrund des rückläufigen Gebrauchs von Bargeld sei die Umstellung auf Vollgeld nötig, heißt es weiter. Denn ohne Vollgeld, das jederzeit von der Notenbank garantiert ist, „wären wir von den unsicheren Auszahlungsversprechen (elektronische Guthaben) privater Banken völlig abhängig“, argumentiert das Initiativ-Komitee.

Zudem würden die Gewinne, die durch Geldschöpfung entstehen, von den privaten Banken auf die Zentralbank und damit die öffentliche Hand übergehen. Die Höhe der Geldmenge würde die Notenbank allein steuern. Neues Geld würde die Zentralbank etwa an die öffentliche Hand oder an die Bürger direkt ausschütten. Diese würden das Geld bei Banken anlegen, die damit dann Kredite vergeben könnten.


Vollgeld-Konzept wird in der Wissenschaft diskutiert

Die Idee mag verrückt klingen, doch wird das Vollgeld-Konzept in der Wissenschaft ernsthaft diskutiert. Die Grundidee stammt aus den 30er-Jahren von dem Ökonomen Irving Fisher. Nach der Finanzkrise erlebte das Konzept eine Renaissance. So haben sich auch Jaromir Benes und Michael Kumhof vom Internationalen Währungsfonds in einer Studie dafür starkgemacht. In Island berät ein Parlamentsausschuss das Konzept.

In der Schweiz kämpfen die Initianten mit ihrer Idee gegen das versammelte Establishment. Ende Februar lehnte die Regierung den Vorstoß offiziell ab. „Ausschlagend für die Ablehnung sind die unabsehbaren Gefahren für den Finanzsektor und damit für die gesamte Volkswirtschaft“, erklärte der Schweizer Bundesrat. „Ein Systemwechsel im Alleingang würde die internationale Stellung des Schweizer Finanzplatzes gefährden“, heißt es weiter.

Um Banken zu stabilisieren, wolle die Regierung eher die Eigenmittel- und Liquiditätsvorschriften weiter verschärfen. Und die Schweizerische Bankiervereinigung warnt davor, dass durch das Vollgeld-Konzept eine Kreditklemme drohe. Notenbank-Präsident Thomas Jordan ist ebenfalls skeptisch, auch wenn er die Idee „konzeptionell in gewisser Hinsicht interessant“ findet. Denn noch nie habe ein Land solch eine grundlegende Systemumstellung in der Geldwirtschaft gewagt.

Bisher waren die Schweizer zurückhaltend darin, ihrer Notenbank ins Handwerk zu pfuschen. So scheiterte die Gold-Initiative an den Urnen. Auch sie wollte das Finanzsystem stabilisieren, indem die Schweizerische Nationalbank dazu verpflichten werden sollte, mindestens 20 Prozent ihrer Aktiva in Gold vorzuhalten.

Und Restriktionen im Umgang mit Bargeld, wie sie derzeit in der EU diskutiert werden, sind in der Schweiz politisch undenkbar. Quasi als Protest dagegen wollen zwei Zuger Kantonsräte eine Initiative lancieren, die dem Parlament die Verantwortung über die Stückelung des Bargeldes überträgt – und im Zuge dessen eine 5000er Franken-Note einführen.

Eines haben die Macher der Vollgeld-Initiative aber bereits erreicht: Sie haben eine Debatte über die Struktur des aktuellen Finanzsystems angestoßen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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