Volvo S90 im Handelsblatt-Test: Ein wirklich großer Schwede

Volvo S90 im Handelsblatt-Test: Ein wirklich großer Schwede

, aktualisiert 17. November 2016, 07:59 Uhr
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Fast fünf Meter lang ist dieser Schwede, eine entsprechende Präsenz zeigt er auch auf der Straße.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Zur Schau getragenes Understatement: ein Widerspruch? Nicht bei Volvo. Die Schweden unter chinesischer Regie machen bei ihrer Business-Limousine S90 vieles anders als andere. Nicht unbedingt besser. Aber unverwechselbar.

DüsseldorfEs gibt Testwagen, die vermisst man schon in dem Moment, in dem man den Zündschlüssel wieder abgeben muss. Der Volvo S90 ist so ein Exemplar. Obwohl ich großer Fan von Kombis bin, hat es mir die Spitzen-Business-Limousine der schwedischen Traditionsmarke absolut angetan. Er hat - wie hieß das früher in der Werbung so schön - „dieses Verwöhnaroma“. Und das verströmt er vor allem innen aus jeder Pore.

Von außen ist er groß und modern, nordisch-sachlich, kommt in kühlem Silbergrau daher, auf den ersten Blick eine sehr stattliche Erscheinung mit souverän-eleganter Präsenz. Aber dank der eigenwillig geformten LED-Scheinwerfer, namens „Thors Hammer“, ist er bei allem zur Schau getragenen Understatement auch ein Hingucker, unverwechselbar. Und zum Glück ist ihm Protzerei völlig fremd.

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Und so reckt der Mann mit der Wasserstrahl-Hochdrucklanze den Daumen hoch, als ich in die Waschanlage einfahre, er macht sogar noch zwei Kollegen auf den S90 aufmerksam. Auch die nicken zustimmend. Da können die anderen in ihren Mercedes, BMW und Audi nur neidisch gucken, sie bekommen bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit.

Dabei können die begeisterten Wäscher das Schönste gar nicht sehen: Den Innenraum. Großzügig geht es hier zu, im Volvo gibt es keine billigen Plätze, die Raumverhältnisse sind überall üppig. Kein Wunder, denn der Radstand misst beachtliche 2,94 Meter, die Limousine unterscheidet sich mit 4,96 Meter auch nur um ein paar Zentimeter von den Abmessungen des Kombi V90.

Die Ledersitze sind komfortabel, und extrem gut auf alle Körpermaße und Positionswünsche einstellbar. Schwarz glänzende Klavierlack-Oberflächen wechseln sich mit edel gebürstetem Leichtmetall ab, der wie gehämmertes Silber wirkende Start-Stop-Knopf und der in gleicher Optik gehaltene Wahlschalter für die Fahrmodi sind besondere Highlights. Man fasst sie einfach immer wieder gerne an, sie wirken wie kleine, individuelle Schmuckstücke.

Auch hier macht Volvo es technisch anders als andere: Ein Drehschalter, den man drücken muss, wählt zwischen den Fahrmodi „Eco“, „Comfort“ und „Dynamic“. Er muss aber zwei mal betätigt werden. Unnötig kompliziert, aber sicher.

Super gelungen sind auch die Lautsprecher-Abdeckungen aus feinstem Leichtmetallblech mit aufwändig gestanztem Lochmuster, das immer wieder neugierige Blicke auf die dahinterliegende Technik und die LED-Ambientebeleuchtung anlockt. Man kann sich in den ersten Stunden mit diesem Testwagen an diesen Details gar nicht sattsehen, obwohl letztlich doch der Eindruck überwiegt: Hier hat jemand mit ausgezeichnetem Geschmack eingerichtet, und legt großen Wert auf Ordnung.

Aufwändig wird es, auch das ahnt man auf den ersten Blick, hinter der großen Touchscreen-Fassade in der Mittelkonsole. Hier hat Volvo nicht nur das ganz ausgezeichnet klingende Multimedia-Infotainment verbaut, das sogar echte Konzertsaal-Atmosphäre simulieren kann. Hier wohnen auch die Assistenten, von denen es bei den stets um Sicherheit besorgten Schweden traditionell sehr viele gibt.

Und wer nicht alles, was das Auto an Sicherheitstechnik auffährt, komplett aus- oder einschaltet will, sondern ganz individuell konfigurieren möchte, der wird ein paar Stündchen Zeit investieren müssen. Wie bei einem modernen Smartphone oder PC, so bietet auch der Volvo technisch viel mehr an, als der Standardnutzer vielleicht jemals ausschöpfen wird, oder überhaupt möchte.

Dass es für die teils mühsame, wenig intuitive Einstellung über den Bildschirm kein klassisches Bordbuch mehr gibt, dass man vielleicht in Ruhe auf dem Sofa durchblättern könnte, auch das ist Zeitgeist. Man muss im - natürlich stehenden! - Auto sitzen, um die wichtigsten Funktionen im technischen Handbuch nachschlagen zu können.

Was für die Last des Konfigurierens entschädigt, sind zum Beispiel die fürstlichen Platzverhältnisse auf der kommoden Rückbank, wo niemand um Kopffreiheit oder Unversehrtheit seiner Kniescheiben fürchten muss, selbst wenn vorne Riesen sitzen. Allerdings: Wer selber groß ist und hinten rein muss, der verbeugt sich zwangsläufig kurz beim Einstieg vor dem Design und der zum Heck hin abfallenden Dachlinie.

Der Kofferaum, im Testwagen mit großformatiger Durchreiche, zeigt ebenfalls Größe. Zwar ist die Ladekante limousinentypisch hoch, und der Stauraum eher flach. Aber er macht sich so lang, dass man auf große Reisen auch mehrere Standardkoffer mitnehmen kann.


Famose Achtgang-Automatik

Was mir am Testwagen negativ aufgefallen ist, heißt Durst. Ich konnte ihn bei spaßbetonter Fahrweise im Alltag nie unter zehn Liter bringen. Ein Kollege, der den 254 PS starken und knapp zwei Liter großen Vierzylinder-Turbo an einem Wochenende Düsseldorf-Stuttgart-Düsseldorf fuhr, kam aber mit 8,5 Liter hin, indem er es auf der Langstrecke gemütlich angehen ließ.

Das sind Werte, die gehen angesichts der Größe des Wagens in Ordnung, mit modernen Diesel-Verbräuchen können sie aber längst nicht mithalten. Außerdem ist der Tank mit 55 Liter

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Über den Selbstzünder als Antrieb kann also nachdenken, wer den großen Schweden überwiegend in dessen Paradedisziplin einsetzt: Reisen statt rasen. Und möglichst unterwegs dem fantastischen Soundsystem lauschen.

Und wie fühlt man sich unterwegs? Weniger gestresst als in den meisten anderen Fahrzeugen, und genau so souverän aufgehoben wie in der E-Klasse, dem 5er-BMW oder einem Audi A6. Und doch irgendwie anders.

Leistung war stets im Überfluss vorhanden, keine einzige Fahrsituation stellte das Triebwerk in 14 Tagen Alltagstest vor Probleme. Das T5-Triebwerk reagiert nicht explosiv, ist aber stets leistungsbereit. Da 350 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1500 Umdrehungen anliegen, ist ein gutes Gefühl beim Beschleunigen sichergestellt.

Die Lenkung ist komfortabel, aber präzise. Die Achtgang-Automatik erledigte in allen gewählten Fahrmodi einen so famosen Job, dass man Eingriffe von Hand gar nicht vermisst. Die Spreizung der Fahrmodi ist deutlich, sie kann den Motor auch mal giftiger klingen lassen.

Das Fahrwerk überzeugte mit ebenfalls komfortabler Auslegung, quittiert dank riesiger Felgen und Reifen aber schlechten Asphalt mit rumpelndem, polternden Abrollgeräusch. Zum Glück kommt davon im Rücken des Fahrers aber so gut wie nichts an. Und „Thors Hammer“ in den Scheinwerfer-Augen sorgt für angenehmes Überholprestige auf der linken Spur.

Allerdings fand ich das Geräuschniveau oberhalb von 160 km/h lauter als bei Limousinen dieser Preisklasse und mit diesem Anspruch üblich. Und bei 230 km/h Spitze schon Schluss zu machen, das ist gegenüber Audi A6, 5er BMW und Mercedes E-Klasse ein unbegründeter Nachteil.

Zwei Schwächen leistete sich der Testwagen, die erste betraf den Totwinkelwarner, der bei Volvo BLIS heißt. Erst flackerte der rot leuchtende Signalbogen im Fahrer-Außenspiegel aus unerfindlichen Gründen, auch wenn es gar nichts zu melden gab, später leuchtete er dauerhaft, und warnte somit nicht mehr wirksam. Ihm ging es, wie vielen anderen Assistenten, die mir Volvo zwar anbietet, die mich aber in meiner Souveränität als selbstbestimmter Fahrer einschränken: Sie werden einfach abgeschaltet.

Die andere Auffälligkeit betrifft den Spurhalteassistent namens „Pilot Assist“, der eine Vorstufe zum automatisierten Fahren darstellt, was ich rundheraus ablehne. Ich hatte von Volvo erwartet, dass das System mehr kann als Teslas irrsinnigerweise so genannte Autopilot-Funktion. Und wurde enttäuscht. Auch hier handelt es sich um ein reines Assistenzsystem, auf das man sich im Zweifelsfall (und damit bei Haftungsfragen) als Fahrer eben nicht verlassen kann.

Solange solche Systeme durchgezogene Markierungslinien ignorieren, in Autobahnkurven Schlangenlinien fahren und mich auffordern, den Parkplatz anzusteuern, weil ich die Hände zu lange vom Steuer genommen habe, so lange entspannen sie mich nicht, sondern regen mich auf. Und werden wieder mal abgeschaltet, obwohl sie als Extra ja eine Menge Geld kosten.

Meiner Ansicht nach kann man dem S90 das aber leicht verzeihen, denn erstens hat es bei Volvo Tradition, vieles anders zu machen, als andere Hersteller. Nicht unbedingt besser, aber unverwechselbar eben. Und dazu gehören eben auch die vielen Sicherheitsfeatures und Assistenten, mit denen man sich beschäftigen muss. Restlos überzeugt hat mich die große schwedische Business-Limousine hingegen mit ihren ganz klassischen Stärken, die auf Augenhöhe mit deutschen Premium-Angeboten liegen.

Wer auf dem Geschäftsführer-Parkplatz einen angenehm auffallenden Eindruck hinterlassen möchte, für den sollte eine eigene Probefahrt im S90 Pflicht sein. Es gibt ihn ja auch als weniger durstigen Diesel. Wer sich traut, dem übermächtigen SUV-Trend mit einer Limousine entgegenzutreten, könnte man mit einem Klassiker der Zukunft belohnt werden. Und wer, wie ich, immer noch schrecklich Oldschool und Kombi-Fan ist, der nimmt einfach den V90.

Volvo S90 T5

Technische Daten

FrontmotorVierzylinder, Benziner, Turbo
Hubraum1.969 cm³
Leistung187 kW / 254 PS bei 5.500 U/min
Max. Drehmoment350 Nm bei 1.500 - 4800 U/min
AntriebHeckantrieb
Getriebe8-Gang-Automatik
Preisab 49.950 Euro

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit230 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h6,8 Sek.

Verbrauch & Emissionen

Innerorts8,6 l / 100 km
Außerorts5,3 l / 100 km
Kombiniert6,5 l / 100 km / 149 g/km
AbgasnormEuro 6
Testverbrauch8,8 - 10,5 l / 100 km


Maße und Gewichte

Länge4.963 mm
Breite1.879 / 2.019 mm
Höhe1.443 mm
Radstand2.941 mm
Spurkreis11,4 m
Zul. Gesamtgewicht2.260 kg
Leergewicht1.807 kg
Anhängelast1.800 kg
Tank55 L.
Stauvolumen500 L.
Quelle:  Handelsblatt Online
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