Von Viagra-Testern und Herzpflastern: Health-Tech erobert die Gesundheitsindustrie

Von Viagra-Testern und Herzpflastern: Health-Tech erobert die Gesundheitsindustrie

, aktualisiert 15. Januar 2016, 09:16 Uhr
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Eine Lehre der CES 2016: Smartwatches sind schon Technologie von gestern. Die großen Entwicklungen werden jetzt im echter Gesundheitstechnik gemacht.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Ist die Online gekaufte Viagra-Pille auch echt? Ist die Luft hier sauber genug, um als Asthmatiker länger zu bleiben? Die Digitaltechnik verspricht Antworten für jedermann und demokratisiert die Gesundheitsindustrie.

Las VegasGad Shaanan konnte es einfach nicht fassen. „Ich war schockiert“, sagt der Gründer von Yofimeter, „wie wenige Optionen es gibt, um seinen Blutzucker zu testen.“ Dabei ist Diabetes eine der häufigsten Gründe für vorzeitigen Tod oder schwerste Folgeschäden. Und das Testen ist richtig teuer. Die Pharmakette CVS verlangt etwa für 50 Teststreifen des Schweizer Pharmakonzerns „Roche“ mit Steuern fast 100 Dollar.

Die gesamten direkten medizinischen Kosten alleine für Diabetes liegen nach Berechnung der amerikanischen Diabetes-Gesellschaft in den USA bei 176 Milliarden Dollar pro Jahr. Und die Behandlung ist oft antiquiert: Der Testvorgang mit klobigen Blutanalyse-Geräten und Fingerstechern ist umständlich und zeitraubend, einschließlich der Buchführung der Testergebnisse.

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Yofimeter wird das ändern. Auf der Digitalmesse CES in Las Vegas kündigte Shaanan eine Kooperation mit dem Telekom-Riesen AT&T an. Yofimeter wird, auf Wunsch, die Testdaten in die Cloud übertragen oder zum Arzt, an das Krankenhaus oder den Gesundheitsdienst. In dem Gerät in der Größe eines frühen iPods ist ein Vorratstank mit 20 Teststreifen integriert und eine sterile Stechhilfe. In Sekunden ist ein Bluttropfen gezogen, analysiert und verarbeitet.

„Wir haben völlig von vorne angefangen“, so Shaanan, „Unser Ansatz war nicht, Diabetes als Diabetes zu begreifen, sondern die Bequemlichkeit der digitalen Konsumelektronik auf Medizintechnik zu übertragen.“ Chris Penrose von AT&T assistiert: „Yofimeter ist ein gutes Beispiel, wie Technologie echte medizinische Probleme lösen kann – vor allem, wenn man sie immer bei sich tragen kann.“

Das sieht auch Stratiotechnology aus San Jose so: Ein helles Licht kommt geheimnisvoll aus dem winzigen Schlitz an der Oberfläche des Infrarot-Spektrometers Linksquare. CEO Jae Hyung Lee legt eine kleine lila Pille in bekannter Rautenform auf den Lichtschacht und Sekunden später erscheint das Ergebnis auf dem Bildschirm des iPhones. Mit der angeblichen Viagra-Pille kommt alles auf, nur keine luststeigernde Stimmung. Sie ist gefälscht und wirkungslos, aber teuer. Erstmals können Konsumenten jederzeit die Echtheit von Medikamenten überprüfen. Zweifelhafte Reimporte sind ein ernstes Problem, nicht nur in den USA.


Der Markt ist heiß

Wenn der Chip von Femtoscale aus Denver Alarm schlägt, ist es Zeit, zu gehen. Jedenfalls für Menschen mit Atemproblemen. Dann ist die Partikelbelastung in der Luft zu hoch, etwa für Asthmatiker. Und Vital Scout von Vivalnk wird wie ein Pflaster unauffällig auf der Haut getragen, es misst Herzschlag, Schweißproduktion, Schlafstatus oder Stress. Sozusagen das Fitbit-Armband auf der Haut.

Yofimeter, AT&T, Femtoscale oder Stratio sind da an etwas ganz Großem. Die Liste der Beispiele ist beliebig verlängerbar. Wer 2016 über das Messegelände der CES gestreift ist, der merkte schnell: Aktuelle Smartwatches sind schon Technologie von gestern. Keine großen Produktankündigungen, keine überraschenden neuen Apps.

Smartwatches, so James Moar von Juniper Research sind jetzt eine „Kategorie, die auf einen Markt wartet.“ Die großen Entwicklungen werden jetzt im echten Gesundheitsbereich gemacht, bei medizinischen Geräten wie Yofimeter, die gerade dabei sind, ihre Zulassung bei der US-Gesundheitsbehörde FDA zu machen. Alles andere, von Apple Watch über Fitbit bis Samsung Gear 2, ist medizinisch gesehen Spielzeug.

Das kann sich durch immer billigere und bessere Sensoren ändern, und mit dem neuen Bio-Prozessor von Samsung. Es ist eine komplette Klinik auf der Fläche eines Daumennagels. Er misst Körperfett, Skelettmuskelmasse, Herzfrequenz, Hauttemperatur und Stresslevel. Ausgestattet mit den entsprechend genauen, sprich FDA-geprüften Sensoren, werden Aussagen über Fitness und Gesundheitszustand möglich wie nie zuvor ohne Besuch bei einem Arzt. Das geht sogar noch weiter: Da der Herzschlag eines Menschen so einzigartig wie sein Fingerabdruck ist, kann er Passwörter ersetzen und Türen zu Arzneimittelschränken öffnen.

Der Markt ist heiß: Die Investitionen in Digital Health Tech haben weltweit nach Berechnungen der Risikokapital-Datenbank CBInsights mit 5,8 Milliarden Dollar in 908 Abschlüssen 2015 einen neuen Rekord erreicht. Im Jahr zuvor flossen 5,7 Milliarden Dollar in 756 Deals. Und auch die Zahl der interessierten Investoren ist massiv auf 1079 gestiegen. Vor fünf Jahren waren es noch 234.

Die ersten großen Börsengänge sind auch bereits in der Mache. Einer davon ist NantHealth, eine Firma aus Culver City bei Los Angeles. Gegründet von Patrick Soon-Shiong, dem mit 12,2 Milliarden Dollar Vermögen wahrscheinlich reichsten Arzt der Welt, hat das Unternehmen bislang 540 Millionen Dollar Risikokapital bekommen und wird mit zwei Milliarden Dollar bewertet. NantHealth bietet personalisierte Krebsbehandlungen auf Basis von Genomanalysen an.


Deutschland tut sich schwer

Der Innovationsstandort Deutschland tut sich allerdings noch schwer in diesem neuen Bereich. Molecular Health aus Heidelberg, ebenfalls im Geschäft der individualisierten Krankheitsdiagnose und Therapie auf Basis von Big Data und Biotech, konnte sich immerhin 25 Millionen Euro im November 2015 sichern und kommt damit auf eine Gesamtfinanzierung von 100 Millionen Euro. Doch das ist schon eine Ausnahmeerscheinung.

Dabei steht ein gewaltiger Markt zur Umverteilung an. Die Verbindung von IT-Technik und Gesundheitswesen sei „die größte einzelne Chance, die sich in unserer Generation eröffnen wird“, fasst Young Sohn, Präsident von Samsung Electronics und Chef von Samsungs Silicon-Valley-Ideenlabor, die Situation zusammen – und nennt markante Zahlen: 70 Prozent der Menschen sterben in Zukunft an chronischen Erkrankungen, erwarten Wissenschaftler. 1,2 Milliarden Menschen waren 2015 über 65 Jahre alt, und an Gesundheitskosten fallen jedes Jahr weltweit 6,5 Billionen Euro an.

Die Hoffnung der Branche: Sich ein großes Stück aus diesem Kuchen herauszuschneiden, zum Beispiel durch akkurate Überwachung und Big Data, die immer besser die vorhandenen Indikatoren zusammenbringen. Am Ende soll das Gerät stehen, das warnt: „Achtung. Ein Herzinfarkt ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kürze zu erwarten. Begeben Sie sich unverzüglich in ein Krankenhaus zur Untersuchung.“

Das geht natürlich nicht ohne amtlichen Segen. Aber die Aufsichtsbehörde FDA verspricht in ihren neuen Richtlinien nur noch diejenigen Apps zulassungspflichtig zu machen, deren Fehlfunktion zu einer Gesundheitsgefährdung oder falschen Entscheidungen führen könnte.

Aber Silicon Valley wäre nicht Silicon Valley, wenn es nicht irgendwo auch einen Lifestyle-Aspekt gäbe. Das Linksquares Spektrometer untersucht nicht nur Pillen, sondern auch Lebensmittel. Immerhin bis zu 30 Prozent der in Restaurants jeder Preisklasse in den USA verkauften Fische entsprechen nach Untersuchungen nicht der angegebenen Qualitätsklasse. Jetzt lässt sich direkt am Tisch nachprüfen, ob der superteure Wildlachs auf der Gabel in Wahrheit nicht doch nur der billige Bruder aus der Fischfarm ist.

Quellle:  Handelsblatt Online
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