Von Zockern und Spekulanten: Wetten auf den Brexit

Von Zockern und Spekulanten: Wetten auf den Brexit

, aktualisiert 22. Juni 2016, 17:28 Uhr
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Der Ukip-Parteichef besuchte in London ein Wettbüro von Ladbrokes. Er hat 1000 Pfund auf den Austritt aus der EU gesetzt.

von Anke Rezmer und Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Wer auf einen Ausstieg der Briten aus der EU setzt, kann damit viel Geld verdienen. Mit welchen Anleihen, stabilen Währungen, Gold und direkten Wetten Investoren Kapital aus einem Brexit schlagen können.

LondonDas schummrige Wettbüro von Ladbrokes in einem Londoner Multikulti-Viertel ist zur Mittagszeit gut besucht. Gebannt verfolgen die überwiegend männlichen und farbigen Stammkunden die Wettquoten auf den großen Bildschirmen. Ein Mann schiebt dicke Geldbündel durch den Schalter. Er versucht sein Glück bei der Fußball-EM.

Auch auf den Brexit kann man hier Wetten abschließen. „Im Vergleich sind die Wettsummen aber eher klein“, erzählt der Ladenmanager hinter dickem Sicherheitsglas. „Die meisten, die politische Wetten abschließen, kommen nicht hierher, sondern stimmen im Internet ab.“ Der Trend aber ist überall eindeutig: „Die Mehrheit setzt auf Remain.“

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Die Chance auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU lagen bei Ladbrokes, der zu den führenden britischen Wettanbieter zählt, am Mittwoch bei 76 Prozent. Die Quote dafür stand bei 1/4 - das heißt: Wer vier Pfund setzt und Recht behält, bekommt ein Pfund Gewinn und seinen Wetteinsatz zurück, also insgesamt fünf Pfund. Wer dagegen auf einen Brexit setzt, kann weit mehr verdienen: Bei einem Pfund Einsatz sind drei Pfund Gewinn drin - aber nur wenn die Briten wirklich für einen Austritt stimmen.

Insgesamt sehen die britischen Buchmacher die Brexit-Gegner wieder deutlich in der Überzahl. „Am Donnerstag noch waren die Chancen auf einen Brexit auf 40 Prozent gestiegen, jetzt liegen sie wieder bei 24 Prozent“, sagt Wettexpertin Jessica Bridge von Ladbrokes. Der Mord an der Labour-Abgeordneten und EU-Befürworterin Jo Cox hat die Stimmung wieder in Richtung Verbleib gedreht.

Das EU-Referendum ist die größte politische Wette der britischen Geschichte. Die Buchmacher lagen bei den letzten politischen Entscheidungen meist goldrichtig - während sich viele Meinungsforscher blamierten. Denn letztere befragen nur eine relativ kleine Gruppe, die offenbar nicht immer repräsentativ ist. Bei den Wettquoten, die sich zudem meist in Echtzeit verfolgen lassen, geht es ums private Geld – da wettet man auch mal, dass der geliebte Fußballclub verliert. Realismus schlägt Hoffnungsdenken.

So lagen die Demoskopen beim Schottland-Referendum 2014 voll daneben, als sie eine Abspaltung vorhersagten – anders als die Buchmacher. Auch bei den Unterhauswahlen im Mai 2015 blamierten sich die Meinungsforscher, indem einige Labour-Kandidat Ed Miliband zum Sieger erklärten.

Die Zocker bei den Buchmachern dagegen glaubten: David Cameron bleibt in der Downing Street wohnen – und behielten Recht. „Meinungsforscher schauen nur auf eine Momentaufnahme. Aber Menschen ändern ihre Meinung, da spiegeln die Wettquoten ein viel konsistenteres Meinungsbild wider“, erklärt Bridge von Ladbrokes.

„Im Informationszeitalter sind die Wettmärkte zu sehr zuverlässigen Propheten geworden“, urteilt Leighton Vaughan Williams, Professor am Betting Research Institute an der Nottingham Business School. Er glaubt an die Weisheit der Vielen. „Wenn Meinungsforscher und Buchmacher das Gegenteil sagen – dann sollte man immer auf die Buchmacher hören.“


Politische Wetten sind ein Millionengeschäft

Für Briten ist Wetten ein Volkssport, dem alle gesellschaftlichen Schichten frönen. Begründet wurde die Tradition mit Wetten auf Hahnenkämpfe. Später setzten gelangweilte britische Adlige auf Rennpferde und auf Windhunde. 1961 wurde das Wettgeschäft gänzlich legalisiert.

Die Summen, die allein bei Pferdewetten die Besitzer wechseln, sind gewaltig. Beim legendären Galopprennen von Aintree, das im April der krasse Außenseiter „Rule the World“ gewann, machten die Buchmacher einen Umsatz von 260 Millionen Pfund. Politische Wetten sind in den letzten Jahren immer wichtiger geworden.

„Politische Wetten waren früher ein kleiner Nischenmarkt”, konstatiert Graham Sharpe vom Wettanbieter William Hill. „Aber Events wie die Parlamentswahlen 2015, das Schottland- oder EU-Referendum haben dem Markt einen großen Schub gegeben.“ Bei den Parlamentswahlen 2015 nahmen die Buchmacher etwa 100 Millionen Euro ein. Beim Brexit könnte die Summe noch übertroffen werden, erwartet Jessica Bridge von Ladbrokes.

Der Branchenumsatz der „Bookies“ liegt im Jahr bei schätzungsweise 6,3 Milliarden Pfund. Die Wettindustrie schafft laut Deloitte etwa 100.000 Arbeitsplätze. Rund 9000 lizensierte Wettbüros gibt es auf der Insel, etwa die Hälfte wird laut Guardian von den beiden Rivalen Ladbrokes und William Hill betrieben. Beide sind börsennotiert und machten einen Umsatz von jeweils mehr als einer Milliarde Pfund.

In den 80er-Jahren gab es noch rund 16.000 Wettbüros auf der Insel. Viele Briten, gerade auch Frauen, wetten heute lieber bequem vom Sofa aus im Internet - da müssen sie zwielichtige Wettbuden nicht betreten. Manche Anbieter haben sich in Steuerparadiese wie Gibraltar verzogen. In Internetwettbörsen – etwa bei Betfair, das inzwischen zu Paddy Power gehört – legen nicht die Buchmacher die Quoten fest. Sie arbeiten wie eine Börse und reagieren besonders schnell auf Stimmungsumschwünge.

Gewettet werden kann auf alles, egal wie verrückt: Wer wird der nächste Premier? Da liegt Londons Ex-Bürgermeister und erklärter Brexit-Befürworter Boris Johnson bei Betfair vorne. Wie heißt das nächste Royal Baby? Wird mein Kind einen Nummer eins-Hit landen? Werde ich 100 Jahre alt? War die Mondlandung doch gefaket? Oder crasht Elvis irgendwann mit einem Ufo ins Loch Ness auf das Monster? Für ein Pfund Einsatz läge der Gewinn bei William Hill bei 20 Millionen Pfund.


Gold oder Schweizer Staatsanleihen?

Kommt der Brexit oder nicht? Wer Turbulenzen aus dem Weg gehen oder mit dem Votum der Briten Geld verdienen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Ein einfacher Weg, sich zu positionieren, sind die oft als langweilig gescholtenen Staatsanleihen. Eine Entscheidung für einen Ausstieg der Briten aus der EU würde auch bei den als eher stabil geltenden Zinspapieren für Kurssprünge sorgen.

Die Unsicherheit darüber, wie sich das Inselland aus der Staatengemeinschaft verabschieden würde, dürfte im Fall eines Brexit vor allem in den ersten Tagen nach dem Referendum für ein Beben an den Finanzmärkten sorgen. Strategen rechnen vor allem mit Verlusten des britischen Pfunds und des Euro am Devisenmarkt und einem Einbruch am Aktienmarkt.

Anleger dürften dann in den sicheren Hafen der Staatsanleihen großer Industriestaaten flüchten. Nach Einschätzung von Bondstrategen werden dann japanische, US- und Schweizer Staatsanleihen gefragt sein. Aktienbesitzer werden dann versuchen, ihr Kapital vor Kursverlusten zu schützen und es in als sicher geltenden Anleihen parken. Dann dürften auch diese Papiere wie japanische, US-amerikanische oder Schweizer Staatsanleihen im Kurs steigen. Wer also an einen Brexit glaubt, kann diese Papiere kaufen. Währungsgewinne winkten dann zusätzlich.

Denn wer am Brexit verdienen möchte, kann Währungen wie den japanischen Yen oder den Schweizer Franken kaufen. Wer dies nicht über Anleihen machen will, kann Geld auf Währungskonten parken. Bereits in den vergangenen Wochen haben die beiden Währungen deutlich zugelegt. So ist der japanische Yen gegenüber dem US-Dollar auf den höchsten Stand seit zwei Jahren geklettert bei 104,55Yen je Dollar. Der Schweizer Franken ist gegenüber dem US-Dollar so teuer wie zuletzt Anfang Mai mit 0,95 Franken je Dollar. „Ich denke, dass der Yen zu stark gestiegen ist - es sei denn, wir bekommen wirklich einen Brexit“, sagt Jeremy Stretch, Chef-Devisenstratege bei der Canadian Imperial Bank of Commerce in London.

Dann dürften Yen wie auch der Schweizer Franken weiter klettern. Allerdings gehen Währungsstrategen davon aus, dass die Schweizer Notenbank SNB bei einer extremen Aufwertung des Franken gegensteuern dürfte. Denn ein zu starker Franken schadet der Wirtschaft des Landes, weil Exporte dann zu teuer würden. Auch der US-Dollar als nach wie vor wichtigste Reservewährung der Welt dürfte bei einem Brexit zulegen.

Aussichtsreich erscheint vielen Vermögensverwaltern das Krisenmetall Gold. Das warm glänzende Edelmetall hat zuletzt einen Aufschwung erlebt und in der vergangenen Woche knapp sein Zwei-Jahreshoch erreicht bei 1315,55 Dollar. Danach sank der Kurs wieder etwas auf 1267 Dollar. Gold-Experten finden das trügerisch. „In der Breite wirken die Finanzmärkte zu zuversichtlich, dass die EU-Befürworter siegen“, mahnt Matthew Turner, Analyst bei der Investmentbank Macquarie.

Zu einer Brexit-Wette der besonderen Art hat der ehemalige Poker-Champion und Multimillionär Antanas Guoga den Ukip-Parteichef Nigel Farage herausgefordert. Der litauische Europaabgeordnete - zu Pokerzeiten bekannt als „Tony G.“ - will eine Million Pfund an einen wohltätigen Zweck nach Farages Wahl spenden, wenn die Briten für Remain stimmen. Brexit-Befürworter Farage soll das umgekehrt tun, falls Leave gewinnt. Guoga ist jedoch fest überzeugt: „Das britische Volk wird das Richtige tun, und für Remain stimmen.“ Zuvor hatte Farage bei Ladbrokes 1000 Pfund auf den Brexit gewettet.

Quelle:  Handelsblatt Online
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