VW-Anlegeranwalt im Interview: „Wir werden von Investoren überrannt“

VW-Anlegeranwalt im Interview: „Wir werden von Investoren überrannt“

, aktualisiert 19. Mai 2016, 11:20 Uhr
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Volkswagen-Aktionäre versuchen ihre Rechtsansprüche zu sichern.

von Jens HagenQuelle:Handelsblatt Online

Weltweit machen Juristen gegen VW mobil. Eine niederländische Stiftung vertritt Profi-Anleger, die einen zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag in VW-Aktien investiert haben. Anwalt Eric Breitenerder sagt, wie VW reagiert.

Eric Breiteneder leitet eine Kanzlei in Wien. Der Österreicher hat sich auf die Rechte geprellter Geldanleger spezialisiert. Unter seinen Standesgenossen pflegt er weltweit beste Kontakte. Derzeit verritt er im Verbund mit anderen europäischen Kanzleien die „Stichting Volkswagen Investors Claim“, eine Stiftung nach niederländischem Recht, die Ansprüche von Aktionären im „Dieselgate“-Skandal gegen den VW-Konzern sichern soll. Neben Privatanlegern machen jetzt auch Profi-Investoren aus der ganzen Welt bei der Stiftung mit. Sie hoffen auf einen Vergleich, der VW teuer zu stehen kommen könnte.

Herr Breiteneder, Sie gehen als Vertreter einer niederländischen Stiftung gegen VW vor. Wer hat sich bislang gemeldet?
Bislang meldeten sich vor allem Kleinanleger, die über internationale Investorenschutzorganisationen zu uns kamen. Dazu zählt etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Seit einigen Wochen werden wir aber von Profi-Investoren geradezu überrannt.

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Welche Gesellschaften wenden sich an Sie?
Die Stiftung ist zur Diskretion verpflichtet. So viel kann ich aber sagen: Es sind Fondsgesellschaften, private Vermögensverwalter, Pensionsfonds oder Versicherer. Diese haben knapp 13 Milliarden Euro in Volkswagen investiert. Sie kommen aus 26 Nationen, neben Europa sind auch institutionelle Investoren aus Malaysia, Bermuda, den Philippinen und Hongkong vertreten

Wie hoch sind die Investments dieser Investoren?
Oft im neun- bis zehnstelligen Eurobereich. Ein philippinischer Fonds ist mit knapp 190 Millionen Euro in VW investiert, ein US-Versicherer mit knapp 142 Millionen Euro, ein Aktienfonds aus Oklahoma mit 2,3 Milliarden Euro. Wir vertreten auch eine Non-Profit-Organisation aus Nordamerika, die gut 3,3 Milliarden Euro investiert hat. Die Mandanten besitzen VW-Aktien, sowohl Stämme wie auch Vorzüge, aber auch Anleihen. Auch Porsche und Audi sind betroffen.

Von welchem Schaden gehen Sie aus?
Die Rechtslage in der Europäischen Union ist eindeutig: Kursrelevante Insiderinformationen muss der Emittent unverzüglich veröffentlichen. Wir rechnen pro Aktie mit Schäden von 56,79 Euro bei den Stämmen und 65,17 Euro bei den Vorzügen bei VW. Bei der Audi AG beträgt der Schaden 140,90 Euro pro Aktie, bei der Porsche SE 22,34 Euro pro Aktie.

Auch deutsche Kanzleien vertreten Investoren, die Milliardensummen investiert haben. Ebenso US-Kanzleien. Warum sollten die Profi-Investoren den Umweg über eine niederländische Stiftung gehen?
Beim niederländischen Stiftungsgedanken steht der Vergleich im Mittelpunkt. Wir haben VW angeschrieben und einen Vorschlag für eine gütliche Einigung gemacht. Der Vorteil für das Unternehmen: Es gibt keinen langwierigen Rechtsstreit und alle Forderungen werden pauschal abgegolten. Der Vorteil für die geschädigten Investoren: Sie können gemeinsam, schnell und kostengünstig einen angemessenen Ausgleich erhalten.


„Ökonomisches Interesse, das Letzte aus VW herauszuholen“

Wie war die Reaktion von VW?
Ein lapidarer Brief, in dem stand, dass aus Konzernsicht keine kapitalmarktrechtlichen Bestimmungen verletzt wurden.

Warum sollte sich VW auf einen Vergleich einlassen, wenn das Unternehmen rechtlich nicht belangt werden kann?
Also, das darf doch stark bezweifelt werden. Nach den hohen Kursverlusten geht es nicht darum, ob der Vorstand irgendwelche E-Mails kannte oder nicht. Es geht vielmehr darum, dass der Vorstand die Manipulationen „kannte oder kennen musste“. Angesichts des Ausmaßes der Affäre hätte die Chefetage organisatorische Vorsorge treffen müssen, von diesen Manipulationen zu erfahren. Das wurde offenbar unterlassen und dafür haftet der Emittent. Prozessfinanzierer und deren Anwälte weltweit rechnen sich beste Chancen aus.

In Deutschland setzen die Anwälte vor allem auf das sogenannte Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, kurz Kapmug. Es erlaubt, kostengünstig die Klagen mehrerer Kläger zu vereinigen…
… ob es tatsächlich so kostengünstig für die Beteiligten ist, wird sich zeigen. Erstens verjähren die Ansprüche mit Frist von einem Jahr. Bis zum 18. September - dem Jahrestag der Information der Environmental Protection Agency (EPA) - muss die Klage eingereicht werden. Bislang ist aber das Kapmug-Verfahren nicht eröffnet sondern nur beantragt. Zweitens können sich solche Verfahren in die Länge ziehen, acht oder zehn Jahre sind da keine Seltenheit. Wir verfolgen einen völlig anderen Ansatz.

Inwiefern?
Wir möchten eine gütliche, schnelle Einigung. Deshalb kommen so viele langfristig orientierte Investoren zu uns, die zwar rechtlich dazu verpflichtet sind, ihre Ansprüche anzumelden, aber die wirtschaftliche Perspektive für das Unternehmens erhalten möchten.

Geht es nicht auch den anderen Investoren, die in Deutschland, genau darum?
Wahrscheinlich nicht in allen Fällen. Ein Teil der milliardenschweren Klagen in Deutschland wird von Prozessfinanzierern begleitet. Sie übernehmen das Risiko, erhalten dafür aber 25 bis 35 Prozent des Ergebnisses. Da liegt es im ökonomischen Interesse, das Letzte aus VW rauszuholen.


„Aber VW stellt sich tot“

Daran sind Sie nicht interessiert?
Die Stiftung setzt auf eine gütliche Einigung, die im Interesse aller liegt. Auch im Sinne der geschädigten Aktionäre: Als Investoren sind sie an der langfristigen Handlungsfähigkeit des Konzerns interessiert. Wenn VW jahre- oder gar jahrzehntelang zweistellige Milliardenbeträge in der Bilanz für Rechtsrisiken zurücklegen muss, dürfte das die Zukunftsplanung von VW ernsthaft blockieren. Abertausende Individualklagen weltweit könnten sich ohne Einigungsofferte zu einem Flächenbrand für das Unternehmen auswirken.

Wann endet die Frist, die Sie VW gesetzt haben?
Die Türen meiner Mandantschaft stehen offen. Je länger VW zuwartet, desto mehr Investoren werden klagen und desto schwieriger werden Vergleichsgespräche zu führen sein. Eine Frist gibt es daher nicht, wozu auch, jeder weiß, dass eine Lösung längst überfällig ist.

Wenn VW auf Ihre Vergleichsvorschläge nicht reagiert, werden auch Sie dann alle juristischen Register ziehen?
Dann müssen wir natürlich reagieren. Bisher haben wir uns mit Klagen und auch in der Öffentlichkeit nobel zurückgehalten. Aber VW stellt sich tot. Wenn das so bleibt, sind wir gezwungen, unsere Strategie zu ändern.
Herr Breiteneder, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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