VW T6 Multivan im Handelsblatt-Test: Ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann

VW T6 Multivan im Handelsblatt-Test: Ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann

, aktualisiert 21. April 2016, 08:06 Uhr
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Nicht nur die Zweifarb-Lackierung in Weiß-Bambus lockt neugierige Betrachter an. Auch der riesige Innenraum und die King-of-the-road-Sitzposition hinterm Lenkrad können begeistern. So gewinnt man mit dem umfassend überarbeiteten VW Multivan Generation Six schnell neue Freunde.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Wer im „Bulli“ sitzt, schaut selbst auf große SUV lässig von oben herab. Und muss doch keinerlei Sozialneid fürchten. Dabei ist der neue Multivan ein schneller und ein teurer Spaß.

DüsseldorfDas muss ich zugeben: es hat Spaß gemacht, mal von oben auf Riesen-SUV wie Audi Q7 und BMW X6 herabzuschauen. Eine ganz ungewohnte Perspektive. Die habe ich erreicht, ohne Sozialneid auszulösen, voll nachbarschaftsverträglich. Möglich macht es der „Bulli“, auch bekannt als Volkswagen T6 Multivan Generation Six. Der Name ist allerdings ein kleiner Etikettenschwindel, denn es ist doch nur ein Facelift der Transporter-Generation 5, an der sich technisch nicht sehr viel geändert hat.

Optisch erkennen nur eingeschworene Fans den neuen Bulli sofort, einerseits an den Scheinwerfern mit zackig designtem LED-Tagfahrlicht, an den beiden scharfen Bügelfalten auf der Motorhaube, andererseits an der typischen Zweifarb-Lackierung. Beim Testwagen heißt der zweite Farbton Bambus, und er fängt extrem viele Blicke ein, auch so manchen positiven Kommentar.

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Der Einstieg ist beim Kastenwagen, der diesen Namen wie kein anderes Modell verdient, elegant nur mit Schwung zu meistern. Denn beim Multivan in seiner jüngsten Evolutionsstufe steigt man nicht einfach ein, sondern hinauf, fast auf Augenhöhe mit echten Truckern. Unterstützung dabei gewähren hilfreiche Haltegriffe, an denen kein Mangel herrscht.

Das Lenkrad, es liegt nicht mehr ganz so flach wie früher, bei T2 und T3, hat immer noch einen etwas merkwürdigen Winkel, es bremst meine kleine Klettertour, weil es den Oberschenkel daran hindern will unter dem Lenkkranz durchzuschlüpfen. Oben angekommen genieße ich erst mal die Aussicht: So ein langes, breites, hohes und großes Fahrzeug, und dabei diese vorbildliche Übersicht. Die einfache, kastige Form macht es möglich, dass man Anfang und Ende so gut einschätzen kann. Und man sitzt wie der Kapitän auf der Brücke.

Sind die gewaltigen Maße erst mal ein paar Kilometer lang verinnerlicht, kommt dem Fahrer der Multivan gar nicht mehr so groß vor, wie er wirklich ist (z.B. 2.30 m breit). Selbst in der Stadt wirkt er handlich für ein Auto dieser Größe. In engen Seitenstraßen wird seine Höhe sogar zum Vorteil: Ein weiter Blick über alle parkenden Autos hinweg vermeidet fummelige Rangiermanöver bei Gegenverkehr – vorausschauendes Fahren mal anders. Und für die wirklich schweren Fälle ist ja mittlerweile eine Rückfahrkamera an Bord, die schärfste Bilder liefert, und sogar ein Parkassistent.

Ich bekomme sofort Lust auf eine Eilzustellung, denn VW hat den Testwagen mit dem 204 PS starken Top-Diesel ausgerüstet, dazu die Sieben-Gang-DSG-Automatik. Damit ist der Bulli das erste Mal in seiner langen Geschichte, während der er zu einem Stück deutschen Kulturgut gereift ist, knapp über 200 km/h schnell. Beim Ampelstart sprintet der 5,03 Meter lange Siebensitzer in 9,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, es fühlt sich aber schneller an. Dabei reißen bis zu 450 Newtonmeter Drehmoment immer noch heftig an den Vorderrädern, die im Sportmodus zum leichten Stempeln und Radieren neigen.

Spaß macht es trotz Stempelrisiko dennoch, das Pedal an der Ampel etwas forscher als nötig gen Bodenblech zu drücken. Kleinwagen, die sich schon am großen Blau-Weißen vorbei wähnten, bleiben ratlos zurück. Die sauberen und nur selten spürbaren Gangwechsel der DSG-Automatik leisten Ihren Beitrag zur unerwarteten Bulli-Dynamik.

Ab Richtgeschwindigkeit singt der Fahrtwind allerdings unüberhörbar sein altes Lied vom Luftwiderstand, auch das ist typisch Kastenwagen: Die Aerodynamik ist traditionell kaum besser als die des Wolfsburger Rathauses.

Seitenwind findet massig Angriffsfläche. Und so stürmt das Auto zwar überraschend schnell auf eine Reisegeschwindigkeit von 170 – 180 km/h, aber dann ist das Gefühl im Lenkrad auch kein so souveränes mehr. Die Wahl der Fahrlinie wird zum segelähnlichen Erlebnis, wenn man aus dem Windschatten eines LKW auftaucht. Nur Adrenalinsüchtigen im Fond wird das gefallen.

Bei Tempo 120 und Dauerregen machten die riesigen Scheibenwischer unschöne Geräusche, „Klack-Plopp“ kommt von vorn im Sekundentakt am Umkehrpunkt jeder Wischbewegung. So ganz konnten sie dem Familien- und Handwerker-Liebling seinen robusten Nutzfahrzeug-Charakter also doch nicht austreiben. Dabei haben sich die Entwickler alle Mühe gegeben.


Kein billiges Reise-Vergnügen

Man sitzt auf feinem schwarzen Leder-Alcantara-Mix, und die Sitze bieten viele Verstellmöglichkeiten, Armlehnen auf beiden Seiten und mehr Komfort, als wir erwartet hätten. In Reihe zwei sind die beiden weit auseinander stehenden Einzelsitze drehbar, man kann sich also ohne Probleme den drei Passagieren in Reihe drei zuwenden, die ebenfalls vorzügliche Bein- und Kopffreiheit genießen. Dazwischen schafft ein ausklappbarer Tisch auf Wunsch Platz für Kartenspiele, Tageszeitung und Laptop. Hinter dunkel getönter Privacy Verglasung und von zusätzlichen Sonnenjalousien abgeschirmt lässt sich so jede Reise bestens genießen.

Vorne strahlt das Armaturenbrett Passat-Atmosphäre aus, so eine Art sachliche Aufgeräumtheit mit viel PKW-typischem Komfort. Hier ist die traditionelle Wortkoppelung aus Bus und Lieferwagen zu Bulli inzwischen verfehlt. Einlagen mit dem Effekt matt gebürsteten Aluminiums ergänzen den Premiumanspruch.

Der Anteil von Kunststoffen ist gering, Dachhimmel und zahlreiche Beleuchtungseinbauten liefern eine tadellose, hochwertige Optik. Und beim Bulli kommen mehr Ablagen, Staufächer und Haltegriffe, Innenbeleuchtungen, USB- und Stromanschlüsse dazu, als das Auge auf die Schnelle erfassen kann.

Etwas ungewohnt platziert ist für mich der Automatikwahlhebel, an dem ich des Öfteren mit der Hand hängen bleibe, die nach Klimaanlage oder Multimedia-Touchscreen tastet. Erinnerungen an das Nutzfahrzeuge-Erbe werden hier und da geweckt, etwa durch das auffällig laute Brummen des Diesel, der sich im Testalltag meist mit 9 Liter Diesel begnügte.

Wie bei anderen VW-typischen Dienstwagen steht mittlerweile eine ganze Armada elektronischer Helfer parat, um die Fahrt sicherer und bequemer zu machen. Dazu zählen unter anderem die LED-Scheinwerfer mit Leuchtweitenregulierung, die nicht nur eine gleichmäßige Helligkeitsverteilung bei nächtlicher Fahrt liefern, sondern auch an der Ampel dafür sorgen, dass der Vordermann nicht geblendet wird.

Darüber hinaus stehen drei verschiedene Fahrmodi und ein adaptives Fahrwerk auf der Optionsliste, natürlich gibt es eine Version mit Allradantrieb. Und wer seine Kreuzchen bei den Extras eifrig setzt, wird den Basispreise verdoppeln können. Unser Testwagen kam auf mehr als 55.000 Euro, es sind aber auch über 67.000 Euro möglich.

Eine Überlegung wert sind Elektromotoren. Nicht für den Antrieb, das bietet VW gar nicht erst an. Aber für die schweren Schiebetüren und die quadratmetergroße Heckklappe. Wer die Seitenportale halbherzig und mit wenig Elan zuzieht, outet sich sofort als Bulli-Neuling, dem prompt die Verriegelung versagt wird. Lieber gleich richtig zuknallen, das muss das Boot abkönnen!


Der kommt gut an

Auch das Heckportal gibt es mittlerweile mit motorischer Unterstützung. Unser Testwagen hatte es nicht, und wir haben das Feature sofort vermisst. Hinter der großen, Körpereinsatz verlangenden Tür wartet der reinste Verschiebebahnhof. Zweite und dritte Sitzreihe beziehungsweise Einzelsitze sind extrem variabel, können auch komplett ausgebaut werden. Dann passen 4.300 Liter oder etwas über eine Tonne Zuladung hinter die Fahrersitze. 660 Liter sind es mindestens, wenn alle Sitze drinbleiben.

Zu empfehlen ist der Ausbau des pro Stück rund 40 Kilo schweren Gestühls aber nur orthopädisch belastbaren, kräftigen Menschen, VW macht die Übung eben nicht leicht. In Reihe drei etwa verstecken sie den Verschiebemechanismus unter einer Klappe hinter der Bank, und vom Einzelgestühl bis zum Konferenztisch geht man das schwere Geruckel und Verschiebe an der Möblierung am besten mit grimmiger Entschlossenheit an, wie bei den Seiten-Schiebetüren. Das liegt nicht zuletzt an den mit Gummilippen bedeckten Bodenschienen, in denen die Sitze Halt finden. Der Schutz vor Dreck macht das Bewegen der Sitze nicht einfacher, garantiert jedoch dauerhafte Funktion.

Meinem Testwagen wurde letztlich viel Aufmerksamkeit zuteil, weil er nicht in die Tiefgarage passte. Der Bulli ist ein Meter siebenundneunzig hoch, die Garagendecke nur ein Meter neunzig. Also stand er öfter mal auf der Straße. Und in den üblichen 15 Minuten, die uns der Düsseldorfer Herr Politess gewährt, bevor er unbarmherzig zuschlägt, schossen mehr Menschen Handyfotos vom zweifarbigen Großraum-Van, als beim letzten Bentley, der hier parkte.

Was die Passanten nicht sehen, ist ein Feature, mit dem ich auf dem Reiterhof und bei unserer Hundegruppe gewaltigen Eindruck geschunden habe: Der Testwagen nimmt bis zu 3,5 Tonnen Anhängelast an den Haken und fährt damit dank verstärktem Fahrwerk bis zu 100 km/h schnell. Kommt dann noch der Trailer-Assist dazu (siehe Video unten), so warten völlig neue Fahrerlebnisse auf Besitzer von Pferdeanhängern.

Zum Schluss habe ich dann mit dem schicken Nutztier sogar doch noch ein bisschen Neid ausgelöst. Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet. Aber diese Blicke der anderen Kerle auf dem Baumarkt-Parkplatz, als ich problemlos meine überdimensionierten Einkäufe für das aktuelle Gartenprojekt in den Bulli-Tiefen versenke, die sprachen schon Bände.

Restwertprognosen im Vergleich von Bähr & Fess Forecasts:

Marke

Modell

PS/kW

Neupreis

Restwert in 4 Jhr.

Wertverlust

VolkswagenMultivan T6


2.0 TDI DSG
150/11050.993 €45% / 22.947 €28.046 €
Mercedes-BenzV 220d


Avantgarde
163/12051.825 €43% / 22.285 €29.540 €

Technische Daten: Länge: 5,06 Meter, Breite: 1,90 Meter (Breite mit Außenspiegeln: 2,30 Meter), Höhe: 1,97 Meter, Radstand: 3,00 Meter, Kofferraum: 660 – 4.300 Liter. Leergewicht / Zuladung: 1946 kg / 1.054 kg; Wendekreis: 11,9 m.
Motor: 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel TDI, 150 kW/204 PS, Siebengang-DSG, maximales Drehmoment: 450 Nm bei 1.400 - 2.400 U/min, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 9,9 Sek., Vmax: 203 km/h, Durchschnittsverbrauch: 6,3 Liter, CO-Ausstoß: 164 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Effizienzklasse: B, Testverbrauch: 9 - 10 Liter. Preis: ab 55.484 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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