Wärme aus Strom erzeugen: Stabilisatoren für das Netz

Wärme aus Strom erzeugen: Stabilisatoren für das Netz

, aktualisiert 04. Dezember 2016, 09:44 Uhr
Bild vergrößern

Bisher sind es vor allem Stadtwerke, die Wasser für Fernwärmenetze auf Temperatur bringen. Nun wird Power-to-Heat (PtH) auch für die Industrie interessanter.

von Jakob StrullerQuelle:Handelsblatt Online

Industriebetriebe erzeugen zunehmend Wärme aus Strom – ein wichtiger Beitrag zur Energiewende. Power-to-Heat-Anlagen werden für Unternehmen immer interessanter, denn sie sparen Brennstoff und Geld.

KölnEin riesiger Tauchsieder verwandelt Strom in heiße Luft. Das ist das Prinzip, nach dem eine Power-to-Heat-Anlage arbeitet, die gerade im Südzucker-Werk im sachsen-anhaltinischen Zeitz entsteht. Der meterhohe Kessel schaltet sich automatisch an, wenn zu viel Strom im Netz ist – und erzeugt dann Dampf für die Produktion.

Bisher sind es vor allem Stadtwerke, die auf diese Weise Wasser für Fernwärmenetze auf Temperatur bringen. Nun wird Power-to-Heat (PtH) auch für die Industrie interessanter. Denn viele Betriebe brauchen ständig Wärme. Ein Zuckerwerk erhitzt so Rüben oder kristallisiert Zucker. Die Wärme stammt aus einem Dampfkreislauf, der in der Regel mit Kohle oder Gas betrieben wird. Die fossilen Brennstoffe durch Strom zu ersetzen, ist eine Idee, die sich aktuell in der Praxis zunehmend durchsetzt.

Anzeige

Anlagen wie sie Südzucker gerade installiert, stehen auch bei K+S Kali in Zielitz und EEW Energy from Waste in Premnitz. Sie alle hat die Firma Enerstorage aus München installiert. „In der Industrie verlässt Power-to-Heat gerade die Nische“, sagt Philip Mayrhofer, Co-Geschäftsführer und Mitgründer des Unternehmens. Es gilt als Pionier für diese Technik in der Industrie. „Die Anlagen liefern günstigen Dampf für die Betriebe und helfen dabei, dass die Energiewende gelingt“, sagt Mayrhofer.

Im Grunde macht die Energiewende den Betrieb von Power-to-Heat-Anlagen erst möglich. Denn seitdem ein nennenswerter Anteil des Stroms aus Windkraft und Solarzellen stammt, ist nicht mehr so leicht abzuschätzen, wann wie viel davon verfügbar sein wird. Die Netzbetreiber müssen sicherstellen, dass erzeugte und entnommene Leistung im Gleichgewicht sind.


Brennstoff und Geld sparen

Früher war nur der Verbrauch variabel, die Erzeugung aber sehr genau steuerbar: Bei hohem Bedarf wurde mehr Kohle in den Kraftwerksöfen verbrannt. Inzwischen entstehen zunehmend kurzfristige Unterschiede zwischen Einspeisung und Entnahme im Stromnetz.

Um das auszugleichen, gibt es die sogenannte Regelleistung: Wenn zu viel Strom im Netz ist, nutzen bestimmte Abnehmer diesen und stellen so das Gleichgewicht wieder her. Experten sprechen dann von negativer Regelleistung – die Netzbetreiber zahlen für die Nutzung. Rund 5500 Megawatt an negativer Regelleistung wird in Deutschland bereitgehalten.

Zehn Megawatt kommen bald im Werk von Südzucker dazu – so viel leistet der Elektrodenkessel, der dort gebaut wird. Damit verbraucht er in einer Stunde etwa so viel Energie wie ein durchschnittliches Einfamilienhaus im Jahr. „Den Dampf müssen wir nicht in unseren herkömmlichen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erzeugen“, sagt Markus Lorenz, Leiter des Südzucker-Werks in Zeitz. „Damit sparen wir Brennstoff und Geld – und leisten einen Beitrag zur Ausregelung der Netze.“

Die Anlage wird im Contracting-Verfahren betrieben. Sie gehört weiterhin Enerstorage, nutzt aber die Infrastruktur vor Ort. Enerstorage zahlt eine Pacht und bekommt die Einnahmen aus dem Regelenergiemarkt. „Die Betriebe, in denen wir unsere Anlagen installieren, haben keine Investitionskosten“, sagt Enerstorage-Chef Mayrhofer. „Oft sind die Anlagen nur so für die Industrie rentabel.“


Power-to-Heat wird noch interessanter

In den nächsten Jahren wird Power-to-Heat für Industriebetriebe möglicherweise noch interessanter. Denn: Neben dem Regelenergiemarkt wird eine zweite Möglichkeit geschaffen, die Anlagen zu vermarkten. In Zukunft sollen sie auch Strom verwenden, der bisher gar nicht erst im Netz ankommt. Solarzellen und Windräder werden immer wieder abgeregelt, wenn eine Überlastung der Netze droht. Laut Bundesnetzagentur gingen im Jahr 2014 rund 1500 Gigawattstunden Strom auf diese Weise verloren. Der Wert steigt seit Jahren, am häufigsten abgeregelt wird in Schleswig-Holstein.

Power-to-Heat kann hier Abhilfe schaffen. Statt abzuregeln wäre „das Zuschalten von PtH-Anlagen sinnvoller“, heißt es in einer gemeinsamen Studie der Denkfabrik Agora Energiewende und des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik. Bisher verhinderten rechtliche Beschränkungen dies.

Mit der kürzlich beschlossenen Neuauflage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) soll sich das ändern. Power-to-Heat-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 2000 Megawatt sollen im Norden von Deutschland entstehen und als sogenannte zuschaltbare Lasten fungieren. Die Regierung setzt damit eine Ankündigung aus dem Koalitionsvertrag um.

Für die Industrie sieht Enerstorage-Chef Mayrhofer große Chancen. „Wir bereiten unsere Standortpartner auf Abrufe zwischen 20 und 100 Stunden im Jahr aus der Regelleistung vor“, sagt er. „Im Rahmen der zuschaltbaren Lasten wird dies auf über 1000 Stunden steigen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%