Wahl-Britin berichtet nach Brexit: „Fairness und Anstand sind auf der Strecke geblieben“

Wahl-Britin berichtet nach Brexit: „Fairness und Anstand sind auf der Strecke geblieben“

, aktualisiert 24. Juni 2016, 11:25 Uhr
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Die Unsicherheit nach dem Sieg der Brexit-Befürworter ist groß.

von Nina Hook-ZurlinoQuelle:Handelsblatt Online

Ich mache mir Sorgen um Großbritannien, noch stärker aber um Europa. Wird es nun ein „Frexit“-Referendum in Frankreich geben? Kommt das Ende der EU und des Euro? Eine Wahl-Britin berichtet aus London.

LondonGroßbritannien wird nun also die EU verlassen. Das ist es also, was die Mehrheit des Volkes will. Ich sitze hier und trinke „PG-Tipps“-Tee. „Keep calm and carry on“ steht auf meiner Tasse. Ruhig bleiben und weitermachen.

Wie wird es nun weitergehen? Wie lange dauert so eine EU-Scheidung? Brauche ich bald eine Aufenthaltsgenehmigung? Eine Arbeitserlaubnis? Nachdem ich fast 25 Jahre mehr oder minder permanent in diesem Land gelebt und gearbeitet habe? Ich weiß es nicht. Und bemühe mich um Gelassenheit.

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Ich mag es mir nicht ausmalen, wie das Land aussehen wird, sobald die Anführer des Brexit-Lagers – Ukip-Chef Nigel Farage und seine Verbündeten, die Konservativen Boris Johnson und Michael Gove – das politische Zepter übernommen haben und Großbritannien nach rechts gerückt haben werden.

Diese Politiker haben Großbritannien aus der EU geführt und die britische Gesellschaft gespalten. Ihre Stimmungsmache gegen Einwanderung, Ausländer, Islam und Was-auch-immer hatte Folgen – und wird weitergehen. Populistische Töne werden auch die lange Debatte über die Folgen des EU-Austritts begleiten – wenn die Aktienkurse ihre Achterbahnfahrt fortsetzen und das Pfund an Wert verliert (was den Urlaub im Ausland auf einmal unangenehm verteuert).

„We want our country back!“ – „Wir wollen unser Land zurück!“ – dieser Ruf dürfte an den Stammtischen künftig noch häufiger zu hören sein. Am liebsten würde ich die Populisten fragen: Wer soll Großbritannien denn zurückgeben? Und wie sieht dieses Land aus, das ihr zurückhaben wollt?

Fairness und Anstand, die Bereitschaft zu Zugeständnissen, Mäßigung und Kompromissen – diese in England hoch angesehenen Tugenden – sind im Zuge der Brexit-Debatte auf der Strecke geblieben. Zumindest teilweise. Gottseidank ist das am höchsten bewerte Gut Großbritanniens, der englische Humor, unbeschadet geblieben. Das ist gut so. Denn den werden wir brauchen.

In meinem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis wurde überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt. Bin ich wütend und enttäuscht über die wenigen Briten unter meinen Freunden, die für den Brexit waren? Aber nein. Es sind meine Freunde. Natürlich werde ich sie weder zum Abendessen zu mir einladen.

Die Tischgespräche werden gewiss interessant sein. Ein Thema: Die Fremdenfeindlichkeit. Nein, natürlich sind nicht wir – ich und die an meinem Tisch sitzenden Deutschen, Franzosen, Spanier oder Muslime – gemeint, wenn gegen Ausländer und den Islam gewettert wird. Dennoch fühlen wir uns unwohl in unserer Haut.

Fremdenfeindliche Töne sind mir vertraut: Als Kind eines Gastarbeiters habe ich das im Deutschland der 1970er- und 1980er-Jahre alles schon einmal erlebt.

Mache ich mir ernsthaft Sorgen wegen des Brexits? Sicher. Nicht allein um die Turbulenzen an den Märkten und in der Wirtschaft. Und nicht allein um Großbritannien, das womöglich zerfallende Vereinigte Königreich, sorge ich mich. Nein, vor allem um die EU mache ich mir Sorgen.

Wird es nach Brexit nun ein „Frexit-Referendum“ in Frankreich geben? Angeführt von Marine Le Pen, der Parteichefin der Front National? Kommt nun das Ende der EU? Das Ende des Euro? Das Ende der liberalen Ordnung, mit der ich aufgewachsen bin? Natürlich mache ich mir Sorgen.

Wir werden sehen, was auf uns zukommt. Auf uns: Wahl-Briten und EU-Staatsbürger, wo immer wir leben mögen. Bis dahin werde ich Tee trinken. „Keep calm and carry on.“

Nina Hook-Zurlino, 1965 in Lübeck geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam, studierte Betriebswirtschaftslehre und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg. Später arbeitete sie als Journalistin. 1995 zog sie permanent nach London und arbeitete bis 2015 im Marketing internationaler Fondsgesellschaften, zuletzt als Leiterin des europäischen Marketings bei Henderson Global Investors. Mit ihrem Mann, Alastair Hook, gründete sie 1999 die Brauerei Meantime Brewing. Sie verkauften das Unternehmen 2015 an SAB Miller.

Quelle:  Handelsblatt Online
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