Wahl in Berlin: Wo Linke und AfD um Wähler konkurrieren

Wahl in Berlin: Wo Linke und AfD um Wähler konkurrieren

, aktualisiert 27. August 2016, 17:26 Uhr
Bild vergrößern

Wahlen in Berlin: Die Parteien buhlen um die Aufmerksamkeit der Wähler.

Quelle:Handelsblatt Online

Von politisch links nach ziemlich rechts, der Schritt scheint weit. Und doch kommt die AfD ausgerechnet in den Linken-Hochburgen im Berliner Osten an. Hier kämpft die Linke vor der Landtagswahl gegen ein Phantom.

BerlinAls Zugabe Möhren, Grünzeug, bei Bedarf auch Würstchen – im Berliner Osten kocht die Linke Kartoffelsuppe. Kurz vor der Wahl am 18. September schwingen Kandidaten den Holzlöffel. Manch ein Passant lässt sich bremsen auf dem Weg in den Feierabend. Viele hier wählen seit Jahren links, die Gegend beim Tierpark weiter Richtung Stadtrand ist eine Linken-Hochburg. Bisher ein leichtes Spiel für Wahlkämpfer, diesmal nicht.

Denn die Männer, die dem Kochstand gegenübersitzen - grau-grüne Rentnerweste, Bierchen in der Hand - haben sich noch nicht entschieden. Abgegeben habe er seine Stimme immer, sagt einer. Und fügt hinzu: „Natürlich ist die AfD eine Option. Es gibt keine andere Option.“ Er habe ja viel gesehen von der Welt. Zu DDR-Zeiten fuhr er zur See. „Aber wat wa jetz mit den Innwandarern machen...“, meint er. Wenn die „Kanacker-Schweine“ in der Nähe seien, habe er immer eine Hand auf der Tasche.

Anzeige

Linke und AfD kämpfen hier im Berliner Osten um dieselben Wähler. Da geht es nicht um Menschen, die überzeugt links wählen, sich mit linker Politik identifizieren. Es geht um die Unzufriedenen. Um die, die sich sozial abgehängt fühlen und bisher von den Linken aufgefangen wurden.

Die Rechtspopulisten der AfD schöpften zwar Stimmen aus allen politischen Lagern, sagt der Berliner Parteienforscher Nils Diederich. „Es gibt aber eine ganze Reihe Wähler, die eher ungebunden sind, aus Protest Linkspartei gewählt haben und jetzt zur AfD umschwenken.“ In Baden-Württemberg wählten in diesem Jahr 15,8 Prozent der bisherigen Linke-Wähler AfD, IN Rheinland-Pfalz waren es 21,4 Prozent, in Sachsen-Anhalt 11,9.

In Berlin sei eine solche Wählerwanderung verstärkt im Osten zu erwarten, wo die soziale Situation schwieriger sei, sagt Diederich. Autoritäre Strukturen seien viele Menschen dort durch ihre Biografie gewohnt – und strebten daher eher zur AfD als zu den Piraten. „Es geht nicht um links oder rechts, sondern um ein Angebot, sein Unbehagen mit der Stimme auszudrücken“, sagt Diederich.


Keine Kondome, sondern Früchtetee

Die Linke sei im Osten für solch eine Protestwahl zu etabliert. 22,7 Prozent holte sie hier bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl, fast 30 Prozent bei der Bundestagswahl 2013. Inzwischen liegt die AfD in Umfragen stadtweit bei um die 15 Prozent, die Linke nur knapp darüber.

Jetzt rechnet sich AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski in Ostbezirken Chancen auf Direktmandate aus. „Es gibt Stadtteile, wo wir sehr stark sind“, sagt der 64-Jährige. „Im Osten neigt man dazu, Dinge eher beim Namen zu nennen als im Westen. Man spricht Missstände offener und mit klaren Worten an.“

Berlins Linke-Chef Klaus Lederer erwartet trotzdem nicht, dass Wähler geballt von der Linkspartei zur AfD wechseln. „Dass wir in Größenordnungen reines Protestpotenzial hinter uns hätten, was uns immer gewählt hat und jetzt auf die Idee kommt, stattdessen AfD zu wählen, halte ich für üble Nachrede“, betont er. Vielmehr wirke die AfD wie ein Magnet auf die bürgerlichen Milieus. Zugleich räumt er ein: Früher wählten auch Menschen die Linke, die deren Flüchtlingspolitik ablehnten - heute nicht mehr.

Im Straßenwahlkampf sind die Rechtspopulisten kaum zu sehen. Nur ein paar Plakate - viel Text, kaum Gesichter. Das liegt auch an offenen Anfeindungen aus der linken Szene. Für andere Wahlkämpfer ist die rechtspopulistische Konkurrenz deshalb schwer greifbar. Sie kämpfen gegen ein Phantom, eine Schattengestalt. „Wenn sie sich zeigen würden, würde man sie vielleicht auch nicht mehr wählen“, meint die Linke-Kandidatin Hendrikje Klein.

Was treibt die Menschen in ihrem Wahlkreis um? Weniger die großen Probleme wie die Flüchtlingsintegration, meint Klein. Sie kämpften für einen Supermarkt in einem Viertel, in dem es weder Apotheke noch Aldi oder Edeka gebe. Große Ketten haben sich wegen mangelnder Kaufkraft zurückgezogen. Die Bevölkerung sei überwiegend älter. Man wolle, dass alles seine Ordnung habe, sagt Klein. Im Wahlkampf verteilt sie – anders als andere Linke-Kandidaten in Berlin – keine Kondome, sondern Früchtetee.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%